Interview mit Thomas Kretschmann

"Ich war sehr froh, dabei sein zu können."

Thomas Kretschmann ist der Darsteller des Hermann Fegelein in dem deutschen Kinofilm Der Untergang.

Frage: Sie spielen Hermann Fegelein ? was ist das für eine Rolle, und wie haben Sie sich vorbereitet?

Thomas Kretschmann: Als Hitlers Schwager ? er heiratete Eva Brauns Schwester ? hat er sich ganz gut in die oberste Etage ?geschleimt?. Er war ein Schwein ? das waren viele, aber Fegelein war ein besonderes. Aus allem, was ich mir erlesen konnte, hat er nur im eigenen Interesse gehandelt und Sachen gedreht, die ihresgleichen suchen. Er war auch so etwas wie der ?Golden Boy?, die Frauen haben ihn gemocht, die Männer haben ihn alle gehasst.

Frage: Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?

Thomas Kretschmann: Bernd Eichinger wollte unbedingt, dass ich diese Rolle spiele, wollte sie sogar für mich schreiben, was für mich schon ein Kompliment war. Eigentlich wollte ich mich von dieser Art Rolle wegbewegen, ich habe mein Soll an Nazi- und Soldatenrollen ja erfüllt. Aber dann habe ich das Buch gelesen, und es ist so ein Kracher, es ist so stark, so genau, und nimmt einen wirklich total gefangen. Es stellt den Irrsinn im Bunker gegen die Realität der leidenden Bevölkerung. Bernd sagte: Filme kommen und gehen, der bleibt, da musst du dabei sein. Und genauso war es: Ich war sehr froh, dabei sein zu können.

Frage: Beschreiben Sie doch bitte eine typische Szene.

Thomas Kretschmann: Fegelein hat versucht, sich abzusetzen ? aber man hat ihn mit einer anderen Frau, völlig besoffen, mit falschen Ausweisen, Geld und Diamanten aufgegriffen. In der Zwischenzeit hatte Himmler schon Kontakt mit den Alliierten aufgenommen, und Hitler hat vermutet, dass Fegelein dahintersteckt ? so wird er quasi statt Himmler als Erster erschossen, um ein Exempel zu statuieren, in der selben Nacht, in der Hitler und Eva Braun heiraten.

Frage: Was kann dieser Film Ihrer Meinung nach bewirken?

Thomas Kretschmann: Was können Filme bewirken? Die Welt werden wir nicht verändern, aber ich finde es wichtig, dass Deutsche so einen Film erzählen. Über diese Zeit gab es schon so viel, manches kommt einem zu den Ohren raus. Aber etwas in dieser Form habe ich noch nie gesehen; so etwas kritisch zu zeigen finde ich gut und wichtig.

Frage: Wie stellen sich Drehort und Set im internationalen Vergleich dar?

Thomas Kretschmann: Es liegt eigentlich immer nur am Geld. Große Produktionen haben mehr Geld, sich ein großes Team zu leisten, und als Schauspieler kümmert man sich nur um seine Aufgabe, so sollte es ja auch sein ? es hat viel damit zu tun, ob man genug Zeit hat, genau zu erzählen, oder ob man immer nur getrieben wird.

Frage: Hatten Sie genug Zeit?

Thomas Kretschmann: Ich nicht, aber der Regisseur ja. Dies ist ein Riesenfilm, da gibt es keinen Unterschied zu dem, was ich im Ausland erlebt habe.

Frage: Welche Chancen gibt es für ein deutsches Produkt auf dem internationalen Markt?

Thomas Kretschmann: Ich glaube noch nicht einmal, dass es nötig ist, so einen Film mit Stars zu bestücken ? viel wichtiger ist es, die Figuren genau zu erzählen. Es sind ja historische Figuren, die wir alle kennen. Wir wissen, wie sie aussehen, also muss man genau besetzen, damit es glaubhaft ist. Diese Gesichter hier stimmen genau, das ist unglaublich. Das kann für das Ausland wichtig sein.

Nehmen wir als Beispiel ?Das Boot?: Das war und ist wohl der größte deutsche Erfolg im Ausland, jeder kennt den Film ? und zu der Zeit war kein Star mit an Bord. Auch Der Untergang ist kein Film, der über Stars funktioniert ? obwohl es natürlich schön ist, dass die Besetzung aus so großartigen Schauspielern besteht, es hat sich ja auch jeder darum gerissen, mitzuspielen. Das ist natürlich ein Glücksfall.

Frage: Welchen Traum verfolgen Sie persönlich?

Thomas Kretschmann: Ich versuche immer das Gegenteil von dem zu machen, was ich vorher getan habe. Als ich z. B. den Polanski-Film ?Der Pianist? gedreht habe, stand ich gleichzeitig in ?Blade II? vor der Kamera, das hatte so gar nichts miteinander zu tun. Und auch bei Der Untergang war es nicht anders. Da stand ich am Set in St. Petersburg und flog dann nach Toronto und drehte Resident Evil - Apocalypse, was einfach nur Action und Entertainment war.

Thomas Kretschmann
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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