Interview mit Thomas Schmieder

"Es war einfach wunderschön, dass wir das jetzt zusammen machen konnten und vielleicht auch ein paar Leuten zeigen können, was ne Harke ist."

Thomas Schmieder ging mit Matthias Schweighöfer zur Schule. Für Die Klasse von '99, ein Film über das Leben nach der Schule und den Sinn von Freundschaft, standen die beiden gemeinsam vor der Kamera.

Frage: Du hast eine gemeinsame Vergangenheit mit Matthias Schweighöfer, Ihr seid zusammen zur Schule gegangen. Ist Die Klasse von '99 also auch so ein bisschen Euer Film?

Thomas Schmieder: Ja genau. Wir sind 91 zusammen aufs Gymnasium gekommen und sind 99 zusammen runtergegangen. Zwar in Parallelklassen, aber später hatten wir auch Kurse zusammen. War eine schöne Zeit, wir waren zusammen auf Exkursion in Paris und haben einiges durch zusammen. Echt furchtbare Sachen, kann man gar nicht alles erzählen: Wir haben die "Dreigroschenoper" aufgeführt und haben dabei beide Regie geführt und abwechselnd den Mackie Messer gespielt. Und wir haben mitgelitten, wenn der andere gerade mal wieder eine neue Freundin hatte.

Frage: Und wie war es, jetzt wieder zusammen zu arbeiten?

Thomas Schmieder: Schön! Wir hatten uns nach der Schule ein bisschen aus den Augen verloren. Ich bin auf die Schauspielschule nach Leipzig gegangen, er nach Berlin. Und diesen Sommer haben wir aufgehört zu studieren, weil es uns beide angekotzt hat. Und dann kam dieses Casting und irgendwann rief mich Matthias abends an und meinte: Alter, wenn du genommen wirst, drehen wir zusammen. Das war der Hammer. Und dann noch dieses Drehbuch ... . Ich stelle mir immer vor, wie das ist, wenn die Leute in Chemnitz uns sehen. Frau Schröder beispielsweise, unsere alte Musiklehrerin, die mit uns echt gelitten hat. Das ist geil. In der Schule sind wir echt angeeckt, bis man uns rauskicken wollte. War einfach wunderschön, dass wir das jetzt zusammen machen konnten und vielleicht auch ein paar Leuten zeigen können, was ne Harke ist.

Frage: Wie war für Dich die Zeit nach der Schule?

Thomas Schmieder: Für mich war es ziemlich schwierig. In der Schule wusste ich immer, wie's geht. Ich war nicht blöd, musste nicht viel lernen und hatte nie großartig Probleme. Und auf einmal fiel das weg und ich saß zuhause und hätte natürlich genauso gut beispielsweise einen Vortrag ausarbeiten können, aber niemand hätte gesagt: Super Thomas, 15 Punkte. Ich stehe mit der Realität ein bisschen auf Kriegsfuß und für mich war's schon gut Leute zu haben, die auf mich aufpassen und von mir auch Leitung fordern.

Frage: Wie wichtig sind Freundschaften in dieser Phase?

Thomas Schmieder: Sehr wichtig, aber hart zu halten. Die meisten Freundschaften sind bei mir irgendwie krachen gegangen. Ich habe vielleicht noch zu vier, fünf Mann Kontakt. Das ist schade. Es ist schwer, sich einen neuen Kreis aufzubauen. Dabei ist es so superwichtig, dass du sagen kannst: da ist jemand und der ist da.

Frage: Marco Petrys Drehbuch hat den Untertitel "´Schule` war gestern, Leben ist jetzt". Was ändert die Zeit wirklich für Hausschild und die Clique?

Thomas Schmieder: Die versuchen, das Leben aufrechtzuerhalten, dass sie in der Schule geführt haben. Zusammen abhängen, Party machen, sich zudröhnen. Und dabei werden sie langsam zu Spießern. Wie so viele junge Leute die nicht den Mut haben, einen Einschnitt zu machen und etwas neues zu suchen. Ich sehe das auch bei Leuten aus meiner alten Schule - und deshalb ist Die Klasse von '99 einfach ein wichtiger Film für junge Leute.

Frage: Was ist bei Dir anders gelaufen, als bei denen?

Thomas Schmieder: Ich glaube, ich bin zu chaotisch. Ich glaube, mich haut es dann eher mal wieder aus der Spur. Für mich gab es nach der Schule nie den Moment, in dem ich dachte: Okay, jetzt gehe ich in den und den Betrieb, den kenne ich schon vom Praktikum. Dann zähle ich 50 Jahre runter bis zur Rente, kaufe rechtzeitig noch ne Katze und bin irgendwann tot. Das ist das Schicksal der Mehrheit. Die wollen es sich nicht eingestehen, sagen: Ja! Wir sind cool! Wir rocken! Dabei sind sie auf dem besten Weg, so zu werden wie ihre Eltern. Es ist einfach die Gefahr, sich zu schnell zu ergeben. Und das ist nicht gut.

Frage:Was für ein Typ ist Hausschild?

Thomas Schmieder: Kann ich schwer sagen, weil ich den sehr aus dem Bauch heraus spiele. Eigentlich ist Hausschild ein extrem lieber, ängstlicher und unreifer Junge. Er ist immer dabei, aber geistig ist er oft woanders. Er beobachtet sein Umfeld und er macht sich Gedanken. Er ist extrem defensiv. Und deshalb hängt er meist mit Schmidt zusammen ab, weil der genauso wie er nicht der coolste ist und weil er Schmidts aggressive Art bewundert. Schmidt säuft und prügelt sich, dafür fehlt Hausschild das Temperament. Er hat für sich das Kiffen entdeckt, ohne das typische Klischeebild des Kiffers abzugeben. Er ist dabei nicht locker und genießt das Kiffen auch nicht, aber er definiert sich darüber. Er hat keine Freundin und sein Leben ist nicht interessant - Kiffen ist interessant und Koks ist am interessantesten. Das ist sein Rock ´n Roll, daran richtet er sein Leben auf. Aber wirklich gekifft oder gar gekokst hat er lange nicht so oft wie alle denken.

Frage: Einige Schlüsselszenen des Films spielen in einer Provinzdisko. Hast Du Erfahrungen mit solchen Orten?

Thomas Schmieder: Schon. Ich komme aus Chemnitz und da ist die Hochkultur solcher Diskos. Wir hatten eine, die hieß Holiday Inn. Und da hinzugehen war schon mutig. Da gibt's nur diese gestählten Typen mit Glatze und wenn du versehentlich deren Freundinnen anschaust, bist du schnell im Arsch. Genauer gesagt liegst du - genau wie im Film - vor der Disko in der Pfütze. Und da hilft dir auch keiner. So was wie ich heißt da "Intellektueller" oder "Schwuchtel" - was beides nicht gut ist. Vor solchen Orten habe ich Respekt.

Thomas Schmieder in 'Die Klasse von '99'
Thomas Schmieder in 'Die Klasse von '99'
Thomas Schmieder in 'Die Klasse von '99'
Thomas Schmieder in 'Die Klasse von '99'

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Archiv © 1994 - 2010 Dirk Jasper