Interview mit Til Schweiger

"Bernd Eichinger ist unheimlich präzise."

Til Schweiger ist der Hauptdarsteller in dem Constantin-Film Der große Bagarozy.

Frage: Was haben Sie gedacht, als Sie das Buch von Eichinger bekommen haben und er Sie bat, diese Rolle zu spielen?

Til Schweiger: dass ich die Rolle spielen soll, sagte er mir schon vorher, als es noch kein Buch gab. Und als ich dann das Buch bekommen habe und das dann las, war ich erstmal sehr überrascht von den "writing abilities", also von der Schreibkunst des Autors. Nicht, dass ich das dem Bernd nicht zugetraut hätte, aber dass er so gut schreiben kann, hätte ich nicht gedacht ... (lacht)

Frage: Haben Sie denn auch den Roman vorher oder nachher gelesen?

Til Schweiger: Nein, das mach ich dann nie, da will ich frei sein. Er hatte mit auch schon vorher gesagt, dass das ziemlich frei nach dem Roman ist und dass vor allem das letzte Drittel hinzugefügt ist.

Frage: Nehmen wir mal an, Sie kriegen einen guten Stoff: Ist es dann egal, wer Regie führt? Also würden Sie einen guten Stoff um jeden Preis spielen wollen oder hängt die Entscheidung mehr davon ab, wer der Regisseur ist?

Til Schweiger: Man sucht sich ein Paket zusammen. Für mich ist es erst mal der Stoff. Dann die Rolle - wobei ich immer denke, dass eine kleine Rolle in einem guten Film besser ist als eine große Rolle in einem schlechten Buch. Dann guckt man sich natürlich ganz genau den Regisseur an und dann die Schauspieler und den Kameramann und den Produzenten ... Wobei in dem Fall ja Autor, Regisseur und Produzent in einer Figur war. Das hat das dann schon leichter gemacht. Wenn ich einen super Stoff hätte und dem Regisseur überhaupt nicht trauen würde, dann würd' ich's eher nicht machen.

Frage: Aber es gehört nicht notwendigerweise dazu, dass der Regisseur bereits Filme vorweisen kann? Denken wir an Thomas Jahn, denken wir an der ersten Film von Eichinger ...

Til Schweiger: Das ist dann auch mehr so ein Bauchgefühl. Man setzt sich mit den Leuten zusammen und dann bilde ich mir ein, dass ich mir relativ schnell ein Urteil bilden kann. Der Regisseur muss nicht unbedingt schon Filme vorweisen.

Frage: Auf was achten Sie, wenn Sie sich mit einem Regisseur zusammensetzen? Was muss der haben, wenn Sie mit ihm drehen wollen?

Til Schweiger: Er muss mich eben einfach überzeugen können, dass er diesen Stoff, wenn er denn gut ist, auch so umsetzen kann.

Frage: Nachdem Sie jetzt zum zweiten Mal mit Eichinger gedreht haben, war das erste Mal ja offenbar befriedigend. Worin, würden Sie sagen, liegen seine Talente als Regisseur?

Til Schweiger: Er ist unheimlich präzise. Er weiß genau, was er will und läßt nicht locker. Man entwickelt im Laufe der Jahre ja auch ein Gefühl, ob was gut ist oder nicht - auch wenn es dann nicht immer stimmen muss. Und dann gibt es natürlich auch Regisseure, bei denen fühlt man, dass es besser ist, so wie man's gespielt hat, aber die wollen es dann unbedingt doch nochmal anders haben. Beim Bernd ist es aber wirklich so, dass man sich bei ihm voll fallen lassen kann. Ich habe das wirklich genossen, mich ihm da einfach sozusagen auszuliefern.

Frage: Nachdem Sie ja den Vergleich mit Eichingers erster Regiearbeit "Das Mädchen Rosemarie" haben: Was hat er seither dazu gelernt?

Til Schweiger: Er hat schon bei "Rosemarie" einen unglaublich tollen Job gemacht, weil er da was gezeigt hat, was ganz wenige Regisseure in Deutschland und vermutlich - man höre und staune - auch in der Welt haben: Er ist wirklich unheimlich exakt und es geht ihm um jedes Detail: Wie das Licht ist auf den Schauspielern, ob das jetzt Messing- oder Silberknöpfe sind - also von den kleinsten Details bis zum großen Bogen. Wenn man jetzt nicht wüßte, dass er so viele erfolgreiche, große Kinofilme produziert hat, dann würde ich eigentlich sagen: Beruf verfehlt, er sollte Regisseur sein.

Frage: Wie bereitet man sich überhaupt auf eine Rolle vor, in der man der Teufel ist, vielleicht aber auch nur ein Verrückter, der es mit seiner Callas-Liebe etwas übertreibt?

Til Schweiger: Ich bin immer davon ausgegengen, dass er eher der Teufel ist und nicht irgendein Bekloppter. Ansonsten kann man sich ja nicht so groß vorbereiten, man kann ja nicht als "method actor" in den Orkus hinabsteigen. Ich habe den Text gelernt! Text gelernt, Text gelernt und wieder und wieder gelesen. Das Buch immer wieder gelesen, bis ich den Text in- und auswendig konnte. Und dann habe ich den Text wirken lassen ...

Frage: ... der aber auch, sagen wir mal, ein anderer Text ist als das, was Sie in Ihren Filmen sonst so sprechen. Also allein vom Tonfall her, sagen wir mal.

Til Schweiger: Richtig. Aber da muss man auch wieder sagen: das geht wieder auf die Kappe vom Bernd, weit a) hat er den Text so geschrieben, und das hat er unheimlich toll gemacht, b) hat er eben auch aufgepaßt, dass man den wirklich so und so spricht. Auf den Tonfall hat er sehr exakt geachtet, weswegen es mir dann eben relativ leicht gefallen ist. Ich habe auch oft mit Corinna geredet und habe versucht ihr zu erkären, dass sie sich auf den Bernd verlassen kann. Und dadurch, dass ich mich auf den Bernd verlassen konnte, war es - wie gesagt - gar nicht so schwer .... Und das glaubt mir vielleicht keiner: Ich war auf der Schauspielschule, ich habe auch Theater gespielt und ich kann durchaus auch Hochdeutsch reden.

Frage: Corinna Harfouch sagte, als sie über Sie sprach - und das ist ganz interessant: Sie fand es ganz spannend zu sehen, dass Sie ein Schauspieler sind, der sehr gut um seine Wirkung weiß und wie Sie das einsetzen.

Til Schweiger: Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich mir jeden Schnipsel anschaue, den ich gedreht habe. Ich gehe immer zu Mustern und guck mir das Material an am nächsten Abend. Dann weiß ich noch ungefähr, was ich spielen wollte. Es ist nicht mit Musik verschönert oder gerettet, es ist auch nicht glatt geschnitten, sondern es ist mit allen Fehlern und schlechten Versuchen das Rohergebnis meiner Arbeit vom Vortag. Und da sehe ich mir eben an, was gut und was schlecht gelaufen ist und versuche, es das nächste Mal besser zu machen. Leider machen das die meisten Schauspieler nicht. Ich versuche, da immer auf sie einzureden und sag "Jungs, das ist das beste Training, da lernt ihr mehr als bei jedem anderen Ding."

Frage: Hatten Sie denn auch schon vorher, so wie Eichinger, eine gewisse Beziehung zur Callas oder kamen Sie erst beim Drehen auf den Geschmack? Oder ist das Musik, die Ihnen nichts sagt?

Til Schweiger: Ich wußte zwar, wer sie war und ich wußte auch ungefähr, wann sie von uns gegangen ist, aber mit Callas direkt habe ich mich nie beschäftigt. Ich habe dann die Biografie gelesen und der Bernd war so clever und hat jedem der Beteiligten eine CD mit Callas-Musik gepreßt. Also ich würde es mir jetzt zuhause nicht jeden Tag anhören, aber manchmal hat das schon eine unglaubliche Wirkung.

Til Schweiger
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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