Interview mit Til Schweiger

"Ein Konzept mit einer kraftvollen poetischen Note."

Til Schweiger ist Regisseur, Produzen, Drehbuchautor und Darsteller des Nick Keller in dem deutschen Kinofilm Barfuss. Selbst beim Schnitt hat er noch mit Hand angelegt.

Frage: An was müssen Sie spontan denken, wenn Sie den Begriff ?Barfuß? hören?

Til Schweiger: ?Barfuß? ist ein Begriff, den ich nicht mehr losgelöst von meinem Film sehen kann. Er ist so etwas wie mein Traumprojekt, vermutlich auch, weil sich eine so lange Entstehungsgeschichte damit verbindet. Bereits 1998 habe ich in den USA das ursprüngliche Drehbuch entdeckt und mir sofort die Rechte daran gesichert.

Davon ist mittlerweile zwar nur noch die Grundidee übrig geblieben, aber dennoch hat mich der Stoff nicht mehr losgelassen. Zuerst wollte ich den Film in den USA realisieren und lediglich als Produzent auftreten. Je länger ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass ich auch Regie führen und die Hauptrolle spielen wollte.

Frage: Wie ging es weiter?

Til Schweiger: Gemeinsam mit Jann Preuss setzte ich mich an die deutsche Übersetzung. Wir haben einige Jahre immer wieder daran gearbeitet. Von Fassung zu Fassung nahm das Projekt recht dramatisch eine neue Gestalt an. Längere Zeit sah es dann so aus, als könnte der Film aus geschäftlichen Gründen überhaupt nicht realisiert werden.

Als die Probleme ausgeräumt werden konnten, überlegte ich, wer der beste Verleih für Barfuss sein würde. Ich musste immer wieder an die hervorragende Arbeit denken, die Buena Vista International bei Knockin' On Heaven's Door geleistet hatte, und beschloss, wieder back to the roots zu gehen.

Die Zusammenarbeit bei Knockin' On Heaven's Door mit BVI war die beste, die ich jemals mit einem Verleih hatte und seither auch nicht mehr erlebt habe. Ich freue mich, dass es wieder geklappt hat, und fühle mich bestens aufgehoben.

Frage: Wie würden Sie Barfuss beschreiben?

Til Schweiger: Barfuss ist ein Kinofilm ? mit der Betonung auf Kino. Für mich ist er ein Liebesfilm, ein Film, der die Emotionen anspricht, wie es das gutes Kino immer tun sollte.

Er ist auch sehr lustig und turbulent und unterhaltsam, das war mir wichtig. Aber ganz tief drin, da ist Barfuss ein Liebesfilm. Es ist mein wichtigster Film seit Knockin' On Heaven's Door. Nicht nur, weil ich so lange schon daran arbeite und deshalb unglaublich daran hänge oder weil ich an allen Phasen der Entstehung ganz unmittelbar Ausschlag gebend beteiligt war.

BARFUSS atmet den Geist von Knockin' On Heaven's Door, aber er ist nicht so albern. Er ist mein erwachsenster Film, der alles ausdrückt, worum es mir gegenwärtig als Filmemacher, als Schauspieler und als Mensch geht.

Frage: Sie kehren den Gangsterkomödien, mit denen Sie bekannt geworden sind, deutlich den Rücken ...

Til Schweiger: Das hängt sicherlich mit meinem persönlichen Reifungsprozess zusammen. Ich bin älter geworden und sehe das Leben mittlerweile mit den Augen eines Vaters von vier Kindern.

Das lässt sich allein daran ablesen, wie sich mein eigener Filmgeschmack verändert und entwickelt hat. Ich verehre Quentin Tarantino immer noch und halte "Pulp Fiction" für unerreicht. Aber manche Dinge kann ich nicht mehr sehen, zum Beispiel, wenn er in "From Dusk Till Dawn" einem Kind eine Pistole an den Kopf hält. So etwas würde ich nie in einem Film machen.

Meine Frau hat immer zu mir gesagt: Til, Du musst andere Filme drehen. BARFUSS ist dieser Versuch eines Films, der anders ist, aber doch immer unverkennbar ein Film von mir ist. Er wird von seiner Emotion getragen, von seinem Humor, von seinen Figuren. Das war mir wichtig.

Frage: Und doch sind Parallelen zu Knockin' On Heaven's Door unverkennbar.

Til Schweiger: Barfuss fußt auf einer tollen Idee, wie damals auch Knockin' On Heaven's Door. Ein Konzept mit einer kraftvollen poetischen Note.

So etwas schüttelt man nicht einfach aus dem Handgelenk. Ich erzähle von einem total verantwortungslosen, egoistischen Typen, der nichts aus seinem Leben macht und sich nicht wirklich um andere Menschen kümmert.

Er trägt eine Mitschuld daran, dass sein Verhältnis zu seiner Familie so schlecht ist. Im Lauf des Films lernt dieser Typ, Verantwortung zu übernehmen, weil er lernt, das eigene Leben zu schätzen.

Denn er hat ein Mädchen kennen gelernt, Leila, ein ganz besonderes Mädchen. Eigentlich ist sie wie ein Kind. Ich sehe in ihr auch meine Kinder wieder, weil sie so entwaffnend, so ehrlich und so pur ist - wie ein Engelchen.

Frage: Auffallend ist die ungeheure Emotionalität des Films.

Til Schweiger: Ich kenne den Film mittlerweile in- und auswendig. Ich habe so lange daran gefeilt, Szenen ausgetauscht und geschnitten, rausgenommen und wieder reingepackt, dass ich ihn rückwärts aufsagen kann. Und trotzdem: Er packt mich jedes Mal. Er berührt mich emotional. An manchen Stellen muss ich lachen, an manchen kommen mir die Tränen. Immer wieder.

Frage: Sie haben den Film Ihrem Vater gewidmet. Warum?

Til Schweiger: Er hat mir die entscheidende Idee für die letzte Fassung des Drehbuchs gegeben. Er ist Akademiker und hat mit Film nichts zu tun. Aber als er das Drehbuch las, hat er mich auf etwas sehr Wichtiges aufmerksam gemacht.

Dafür bin ich ihm dankbar: Durch diese Idee, ein gewisses Handlungselement, das bislang eine große Rolle gespielt hatte, komplett herauszunehmen, ist Barfuss das geworden, was immer schon drin steckte, was ich eigentlich die ganze Zeit machen wollte.

Ein Liebesfilm über eine Liebe, die so pur ist, dass man den ganzen Film über nicht einmal einen Kuss zeigen muss. Ein Märchen, das den Zuschauer berührt und knapp zwei Stunden lang auf eine Reise mitnimmt. Ein Film, auf den ich sehr stolz bin.

Til Schweiger
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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