Interview mit Til Schweiger

"Keine Beziehungskomödie, kein intellektuell schwangeres Kino."

Til Schweiger ist Hauptdarsteller und Produzent der deutschen Tragikomödie Knocking On Heaven's Door. Wir hatten Gelegenheit, den deutschen Filmstar zu interviewen. Der Text der Antwort ist die Mitschrift des Originaltons.

Frage: Was ist das Thema deines neuen Films Knocking On Heaven's Door? Welche Thematik behandelt er?

Til Schweiger: O-Ton Knocking On Heaven's Door ist das erste Projekt, das ich selber produziere. In Coproduktion ist Buena Vista International und die machen auch den Verleih. Der Film kommt im Februar ins Kino. Es geht da um zwei todkranke junge Männer, die noch einmal ans Meer wollen. Das ist geplant als Genremix zwischen Action und Comedy und Tragedy. Also ich versuche einen Film zu erzählen, der keine Beziehungskomödie ist, kein intellektuell schwangeres Kino, sondern einfach ein Unterhaltungsfilm. Ich habe versucht, drei Genres zu verknüpfen.

Frage: Ist es anstrengend, solch einen Film zu machen? Wie sehr verausgabst du dich? Wie sehr gehst du aus dir heraus?

Til Schweiger: O-Ton Ich bin sehr erschöpft, weil ich in dem Fall jetzt zwei Sachen mache: ich spiele und ich produziere. Und das ist anstrengender, als ich mir das vorgestellt hätte. Aber es ist nicht so, dass ich meine Persönlichkeit im Drehtag lasse, dass ich nach Hause komme und nicht mehr weiß, wer ich bin. Ich gehe hin, ich spiele und dann ist auch mal Feierabend und ich bin wieder Til.

Das heißt, ich denke schon über den Tag nach, über die Rolle, wie ich die Rolle morgen spielen werde, wie ich übermorgen spiele. Aber ich bin immer Til, der eine Rolle spielt und nicht ein Charakter, der hin und her gerissen ist und denkt 'Scheiße, scheiße, ich weiß nicht mehr, wer ich bin.' Ich weiß genau, was ich tue.

Frage: Was hat die Lindenstraße für dich bedeutet? Wie war die Arbeit bei der Lindenstraße?

Til Schweiger: O-Ton Was mir die Lindenstraße bedeutet hat? Also persönlich, rein künstlerisch überhaupt nichts. Ich habe mir damals meine künstlerische Anerkennung eher im Synchronstudio geholt als bei der Lindenstraße. Es ist, wenn man einen gewissen Anspruch hat, eigentlich unmöglich, sich bei der Lindenstraße eine künstlerische Befriedigung zu holen. Auf der anderen Seite hat sie mir bedeutet, dass sie mich bekannt gemacht hat, obwohl ich eine so kleine Rolle hatte.

Das gute an der Lindenstraße ist, dass sie meiner Meinung nach politcal correct ist, dass sie die einzige Soap ist, die erste Soap und nach wie vor die einzige Soap, die nicht der Volksverdummung auch noch dienlich ist, sondern die zumindest den Anspruch hat, Themen auf den Tisch zu bringen, die eher Randthemen sind. Die haben als erste AIDS, Alkoholismus, Spielsucht und so weiter - zwar immer nur am Rande tangiert - aber immerhin zum Thema gemacht. Das war meiner Meinung nach politisch korrekter als das Traumschiff.

Technisch gesehen ist sie unter aller Sau. Das ist Betacam, MAZ-Liveschnitt, der Schauspieler weiß nie, ob er groß oder klein im Bild ist, die Dialoge sind grauenerregend und nicht spielbar. Und trotzdem hat die Lindenstraße meiner Meinung nach ihren verdienten Platz in Deutschland.

Frage: Ist für dich eine Rückkehr zur Lindenstraße denkbar?

Til Schweiger: O-Ton Ja, aus sentimentalen Gründen wohl am ehesten. Und ich wurde auch schon ein paar Mal gefragt und ich habe gesagt, OK ich würde auch mal wieder kommen, wenn es eine schöne Szene ist. Und es gab einmal einen Versuch, da gab es eine Szene, die war genauso Scheiße wie alle Szenen, die ich vorher zu spielen hatte, völlig krank und dumm, so dass ich gesagt habe 'Nee, das muss ich mir nicht geben'.

Aber generell würde ich sofort wieder auftauchen, nicht mit einer festen Rolle, aber quasi so vorbeischauen. Ich (als Rolle in der Lindenstraße, Anmerkung der Redaktion) lebe ja weiter. Manchmal, so einmal im Jahr gucke ich mir das an. Dann höre ich mich auf einmal am Telefon, man hört meine Stimme nicht, aber man telefoniert mit mir. Ganz schön strange.

Frage: Wie muß ein Film sein, der Tills Wunschtraum wäre? Über Probleme beim "deutschen Film". Über das Chancen-Ergreifen.

Til Schweiger: O-Ton Ich werde seit Jahren gefragt, als wäre ich der Fachmann für deutsche Kinogeschichte: 'Woran krankt der deutsche Film ?'. Ich bin absolut nicht der Fachmann für deutsche Filmgeschichte. Aber wenn ich mir so die Filme der letzten 20 Jahre angucke, dann muss ich sagen, dass es meiner Meinung nach daran liegt, dass die Filme nicht durchgängig stark besetzt sind. Wenn wir tolle Schauspieler haben, haben wir ein Scheiß-Buch.

Wenn wir tolle Schauspieler haben und ein gutes Buch, dann haben wir einen doofen Regisseur. Und wenn wir alles haben: einen guten Regisseur, ein gutes Buch und gute Schauspieler, dann haben wir einen blöden Kameramann. Und selbst wenn wir alles haben und auch noch einen guten Kameramann, dann haben wir einen doofen Verleiher oder eine beschissene Soundmischung.

Die Idee - und deswegen bin ich Produzent geworden - ist eben, Talente aus allen Ressorts zu vereinen und daraus einen perfekten Film zu schaffen. Das ist der Anspruch. Ob ich den einlösen kann, lasse ich dahingestellt, aber das ist zumindest die Idee dahinter.

Frage: Es ist ein Versuch, aus der Misere herauszufinden, indem man selber die Ruder in die Hand nimmt?

Til Schweiger: Das ist ein Zwang. Für jemanden, der das Kino lebt und fühlt so wie ich. Das muss man dann absolut, wenn man die Chance hat. Es gibt auch viele Leute, die Kino leben und fühlen und spüren und denken und schlafen, die gerne produzieren würden und nicht die Chance haben. Ich hatte die Chance und ich denke so, und deshalb habe ich sie ergriffen. Es gibt andere Leute, die hätten die Chance und die ergreifen sie nicht, weil es sie nicht interessiert.

Frage: Was hältst du von der Filmkritik in Deutschland?

Til Schweiger: O-Ton Ich kann mir auch einen Film angucken, der total Scheiße ist und ich sehe trotzdem: Das war ein Scheiß-Drehbuch und ein doofer Regisseur, aber ich kann immer noch sagen, das ist toll fotografiert und es hat einen tollen Soundtrack und tolle Nebendarsteller, auch wenn die Hauptdarsteller Scheiße sind.

Da ist so eine, ich würde sagen, Missachtung. Das ist in Deutschland ganz speziell, aber weltweit ist es auch nicht viel besser: Wenn ein Film einem nicht gefällt, vom Thema her, ist es ein Scheißfilm. Aber, dass da jemand ganz tolle Kostüme entworfen hat und ein ganz tolles natürliches Make-up oder einen ganz tollen Soundtrack, das fällt unter den Tisch.

Ich habe in Deutschland noch nie eine Kinokritik gelesen, die gesagt hat: der Film ist zwar Scheiße, aber die Kamera war toll, der und der Schauspieler haben toll gespielt. Das gibt es nicht. So wird pauschaliert. Es wird einfach gesagt: es ist ein Scheißfilm.

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