Interview mit Tim Sander

"Wenn du keine Freunde hast, brauchst du eigentlich nicht mehr zu existieren."

Tim Sander spielt die Rolle des Sören in Die Klasse von '99.

Frage: Was für ein Typ ist Sören?

Tim Sander: Ein junger Mann aus einer Kleinstadt ... Keine besonders starke Natur, aber er hat Ziele. Materielle Ziele: Ein schönes Heim, ein dickes Auto, viel Kohle auf dem Konto ... . Und die Ziele versucht er mit allen Mitteln zu erreichen und macht deshalb Kurierfahrten von Holland nach Deutschland. Drogenfahrten.

Frage: Kein starker Charakter, sagst du ...

Tim Sander: Ja, er ist kein so starker Typ wie Felix. Er würde nie weggehen und sein Ding machen. Und im Laufe der Geschichte zerstört er auch noch die Freundschaft zu Felix und kriegt's nicht einmal mit. Er ist ein Egoist, dazu noch cholerisch.

Frage: Wie wichtig ist ihm die Freundschaft zu Felix?

Tim Sander: Sehr wichtig, glaube ich. Sie kennen sich ewig und die beiden verbindet etwas tiefes. Aber das macht er kaputt.

Frage: Wie schafft Sören es, Felix zu überzeugen bei den Drogentouren mitzumachen?

Tim Sander: Er leistet eigentlich keine große Überzeugungsarbeit. Natürlich versucht er ihn mit leicht verdientem Geld zu ködern ... Aber eigentlich ist es die Entscheidung von Felix, warum auch immer.

Frage: Und dann gibt's ja noch etwas zwischen ihnen: Simona.

Tim Sander: Ja - das ist so eine Sache. Felix hat sie nicht bekommen und die beiden haben die Abmachung, dass sie dann eben keiner von ihnen bekommt. Aber das hat Sören schnell vergessen, als Felix weg war. Ich glaube nicht mal, dass er in Simona verknallt war. Sie ist auch nur ein Besitz. Eben einer, den man im Arm halten kann.

Frage: Wie verändert sich das Leben in den ersten Jahre nach der Schule?

Tim Sander: Die Leichtigkeit ist weg. Man geht nicht mehr morgens in die Schule, sieht seine Freunde, raucht in der Pause Zigaretten, trägt keine Verantwortung ... . Alles ändert sich. Keiner weiß so richtig, was ihn im Leben erwartet und welchen Weg er gehen wird. Und dann sieht man einfach, wie sich die Menschen unterschiedlich entwickeln.

Frage: Wie hast du diese Zeit erlebt?

Tim Sander: Nach der Schule? Ich habe vor dem Abi abgebrochen wegen der Arbeit und für mich war's einfach eine Riesenerleichterung. Ich war eine faule Sau - das klingt hart, stimmt aber. Nach ein paar Jahren hatten die Lehrer mich alle auf dem Kieker und das war nicht mehr entspannt ... . Ich kann mich gar nicht groß erinnern, wie mein Leben sich verändert hat. Ich weiß nur: es ist entspannt und gut verlaufen, viel besser hätte es nicht kommen können.

Frage: Wenn du deine alten Freunde triffst, die sich wahrscheinlich anders entwickelt haben - wie nehmen die dich wahr?

Tim Sander: Da hat sich nicht viel verändert. Man sieht sich nicht mehr so oft, aber eigentlich ist alles wie früher. Außer vielleicht, dass man manchmal einen Menschen anschaut und denkt: Wahnsinn. Der ist jetzt auch erwachsen geworden. Hat einen Beruf oder studiert und hat vielleicht Sorgen und Probleme, von denen man gar nichts weiß.

Frage: Welchen Stellenwert haben für dich Freundschaften?

Tim Sander: Darum geht's doch im Leben. Wenn du keine Freunde hast, brauchst du eigentlich nicht mehr zu existieren. Das sind doch die Leute, die dich immer wieder auf den Boden holen und daran erinnern, wer du eigentlich bist. Freundschaften, die mir wirklich viel wert sind, hege und pflege ich.

Frage: Ist Freundschaft das zentrale Thema von Die Klasse von '99?

Tim Sander: Ich denke schon. Gerade die Freundschaft zwischen Sören und Felix. Und es ist eine Tragödie, wie alles in die Brüche geht. Das war es auch, was mich an der Geschichte gepackt hat: Zu sehen, wie Sören immer wieder diese Freundschaft mit Füßen tritt. Zu fragen, warum verhält der sich so link? Warum ist er so blind? Und mich hat berührt, wie Felix das alles mitmacht. Er weiß genau, welche Scheiße Sören baut und lässt ihn trotzdem nicht fallen. Auch wenn am Schluss klar ist: Es wird zwischen ihnen nie wieder so sein, wie es mal war.

Frage: Wie war es, mit einem Autor und Regisseur zu arbeiten, der kaum älter ist als die Figuren in seinem Film?

Tim Sander: Marco ist klasse! Ist total tough und zieht sein Ding durch und weil er selbst das Buch geschrieben hat weiß er ganz genau, was er sehen will. Das war schon beim Casting so. Ich dachte: Okay, gehst du eben hin und spielst so dein Ding. Und dann habe ich gemerkt: Der ist nicht so leicht zufrieden zu stellen. Aber das ist auch geil. Ich hatte mir vorher überlegt, wie Sören so ist. Und nach den Proben saß ich zuhause und dachte: Mein Gott, das kannst du jetzt alles durchstreichen und vergessen. Ein paar Mal haben Matthias und ich abends nach der Probe beim Mexikaner gesessen und gedacht: Nee, das wird nix. Man hat total an sich selbst gezweifelt und gerade ich habe geglaubt, doch den Beruf verfehlt zu haben. Was ich hier gespielt habe, ist eben auch ganz anders als alle Rollen vorher. Und dabei genau das, was ich immer spielen wollte.

Frage: Was war für Dich das Schwierigste an dieser Rolle?

Tim Sander: Alles! Das kann man gar nicht im Detail benennen. Es gab so viele Angstszenen. Alle Szenen mit Matthias waren große Herausforderungen. Diese Momente, in denen es so sehr um Freundschaft geht. Aber vielleicht lag's daran, dass wir bei der Arbeit selbst so gute Freunde geworden sind: Irgendwann verlässt du dich auf dein Bauchgefühl. Dann ziehst du nur noch die Jacke von Sören an und bist drin in der Rolle.

Tim Sander in 'Die Klasse von '99'
Tim Sander in 'Die Klasse von '99'
Tim Sander in 'Die Klasse von '99'
Tim Sander in 'Die Klasse von '99'
Tim Sander in 'Die Klasse von '99'
Tim Sander in 'Die Klasse von '99'
Tim Sander in 'Die Klasse von '99'
Tim Sander in 'Die Klasse von '99'

Dirk Jasper FilmLexikon

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