Interview mit Tino Mewes
Tino Mewes Tino Mewes ist der Hauptdartseller in dem Film Fickende Fische

Frage: Tino, du spielst im Film einen sehr introvertierten Typen. Bist du privat auch so?

Tino Mewes: Eigentlich war ich ein richtig ruhiges Kind, bis mich meine Mutter in den Kindergarten steckte und ich zum Zappelphilipp wurde. Ein unerträgliches Kind, das immer im Mittelpunkt stehen musste und in der Bahn immer lautstark gesungen hat ...

Frage: Die Liebe zur Schauspielerei hast du aber erst in der Schule entdeckt?

Tino Mewes: Ja, in meiner Gesamtschule in Pankow gab es eine Theatergruppe, und das war eine gute Sache. In der Grundschule habe ich noch die Lehrer genervt, aber in der Oberschule fanden es meine Mitschüler nicht mehr lustig, also musste ich einen anderen Auspuff finden.

Frage: Trotzdem wärst du fast Zeichner geworden.

Tino Mewes: Nach dem Realschulabschluss habe ich zwei Bewerbungen losgeschickt - eine an die einzige Schauspielschule, die ich im Telefonbuch gefunden habe, eine Privatschule in Charlottenburg, und eine an die Zeichentrickfirma Hahn, die mich prompt ablehnte. Dafür nahm mich die Schauspielschule, und dort habe ich drei Semester studiert, bevor ich zur Ernst Busch gegangen bin. Mein Film-Einstieg war dann ein Auftritt als junger Bruno Ganz in "Epsteins Nacht" mit Mario Adorf.

Frage: Was hat dich an der Rolle in Fickende Fische gereizt?

Tino Mewes: Das Buch war cool, und die Rolle war anders. Ich musste nicht einen Jugendlichen spielen, wie ich selber bin, sondern eine ganz andere Person. Ich bin eigentlich eher ein Power-Typ, und Jan ist eher zurückgezogen, ruhig - und eben HIV-positiv.

Frage: Du hast selbst unter HIV-infizierten Jugendlichen recherchiert. Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Tino Mewes: Almut Getto hat mich mit einem 15-jährigen Jungen zusammengebracht, der HIV-positiv ist, und wir sind einen Tag lang zusammen durch Köln gezogen. Die Krankheit war noch nicht ausgebrochen. Er wurde durch seine Mutter angesteckt, die vor seiner Geburt durch eine verseuchte Blutkonserve infiziert wurde und jahrelang nichts davon wusste. Sein Vater hat ihm das bis zu seinem zwölften Geburtstag verheimlicht. Ein ziemlich krasses Schicksal.

Frage: Wie geht dieser Junge damit um?

Tino Mewes: Er lebt jeden Tag, als wäre er sein letzter - er macht vor nichts halt. Er hat eine ziemlich krasse Philosophie. Er sagte zu mir: Jeder von uns hat eine Nummer auf dem Rücken, und wenn die gezogen wird, sind wir halt dran.

Frage: Habt ihr über den Tod gesprochen?

Tino Mewes: Ja, wir sind mit einer Seilbahn über den Rhein gefahren, und er sagte mitten über dem Wasser: Jetzt müsste die Gondel abstürzen, dann würden wir wahrscheinlich ertrinken. Dann kamen wir über eine Brücke, und er sagte: Nein, jetzt müssten wir abstürzen ... Er war ziemlich nah am Tod, und er hat viel drüber nachgedacht. Ich hatte fast den Eindruck, dass er sich Gedanken über eine coole Art macht, aus dem Leben zu scheiden, wenn die Krankheit eines Tages ausbricht. Es war eine ziemlich intensive Erfahrung. Für mich war das für Minuten spielbar, aber niemals nachvollziehbar.

Frage: Hast du deine erste große Liebe schon hinter dir?

Tino Mewes: Nein. Ich hatte zwar schon große Lieben, aber ich glaube nicht, dass ich die eine große Liebe schon erlebt habe. Ich hoffe, dass sie ein wenig anders ablaufen wird als in Fickende Fische!

Frage: Mit deiner Partnerin Sophie Rogall hast du dich immerhin ziemlich gut verstanden ...

Tino Mewes: Ja, und vielleicht wäre ja da noch was draus geworden, wenn wir länger zusammen gewesen wären. Wir haben aber vor allem immer darüber gealbert, dass sie eigentlich hätte Jan spielen müssen, und ich Nina - weil wir denen viel ähnlicher waren als unserer jeweiligen Figur ...

Frage: Wie bist du mit den älteren, erfahreneren Schauspielern klar gekommen?

Tino Mewes: Super, vor allem mit Ferdinand Dux, der den Opa spielt. Der hat mich mit seiner Energie geradezu überfahren. Es war toll mit ihm zu spielen, weil der seine ganze Lebenserfahrung hinter sich stehen hat und ungeheuer routiniert ist in seiner Auswahl von Emotionen. Wahnsinn, was man da lernen kann.

Frage: Neben der Schauspielerei machst du auch Musik ...

Tino Mewes: Ja, ich habe vor zwei Jahren angefangen, Akustik-Gitarre zu spielen. Ich spiele fast nur Stücke von "Sublime", weil ich völlig vernarrt bin in diese Band. Meine Gitarre Mona Lisa kommt auch im Film vor. Und ich habe noch drei weitere Gitarren mit Namen, und eine kleine Ukulele, die heißt Mena Lisa, weil meine Lieblingsschauspielerin Mena Suvari ist.

Frage: Sonst noch Talente?

Tino Mewes: Ich zeichne gerade das Storyboard zu meinem neuen Film. Das habe ich schon früher in der Schule gemacht - wenn wir ein Stück aufgeführt haben, habe ich die Szenen als Comic nachgezeichnet. Und jetzt habe ich selbst ein Projekt angefangen: Ich habe ein Buch geschrieben und will es mit meinen beiden besten Freunden verfilmen, als Kurzfilm. Er heißt "Ratatatatatatuy - Demon Inside". Es geht um drei Jungs, die gegen einen Dämon kämpfen, und ein schönes Mädchen.

Frage: Wo soll es denn mal hingehen, karrieremäßig?

Tino Mewes: Ich möchte schon Schauspieler werden - möglichst einer, der ordentlich Geld verdient und dann "Ratatatatatuy" als Kinofilm drehen kann.

Frage: Und was sollen die Leute nach deinem Willen aus Fickende Fische mitnehmen?

Tino Mewes: Für mich ist dies ein Film, der die ganze Welt, wo natürlich auch Grausamkeit herrscht, auf einmal schön erscheinen lässt - mit Kleinigkeiten. Es wäre schön, wenn die Leute aus dem Film kommen und sagen: Das Leben ist lebenswert. Die beiden im Film finden ihr Paradies, und vielleicht bekommt man ja das Gefühl, dass sich jeder auf diesem manchmal beschissenen Planeten eine kleine Insel des Glücks bauen kann.

Dirk Jasper FilmLexikon
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