Interview mit Tobias Schenke

"Die Fleischer waren viel besser im Osten, die Wurst kam frisch vom Bauern."

Tobias Schenke ist der Hauptdarsteller in der deutschen romantischen Liebeskomödie Kleinruppin forever.

Frage: Du bist ja in der DDR geboren, welche Erinnerungen hast Du an die Zeit?

Tobias Schenke: 1985 war ich zwar erst vier Jahre alt, aber ich habe schon ein paar Eindrücke von damals mitgenommen, wie die Leute sich angezogen haben beispielsweise. Auch wie die Staatssicherheit rumgelaufen ist, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Die wollten auf ganz modern machen, das ist ihnen nicht gelungen, wie man im Film sieht. Diese grau-blauen Anzüge und dazu die passenden Schuhe aus Kunstleder, weil richtiges Leder konnte man sich ja im Osten nicht leisten - großartig. Und als ich bei den Dreharbeiten all die Poster mit Lenin sah und die roten Fahnen und der 1. Mai so ausgeschmückt, das sind schon Sachen, die mir sehr vertraut sind.

Frage: Mit welcher Deiner Figuren fühlst Du Dich geistig mehr verwandt - mit Tim oder mit Ronnie?

Tobias Schenke: Privat ähnle ich mehr dem Ost-Bruder, ich laufe wohl auch eher ein bisschen hippiemäßig rum, alternativ könnte man sagen. Der Ronnie kommt aber in dem Film weniger vor. Die eigentliche Hauptrolle ist der West-Bruder, also spiel ich den Wessi letztendlich. Und das ist eine Herausforderung, weil da bin ich ja noch nicht so ganz drin, obwohl ich ja den Westen nun schon lange genug mitgekriegt habe.

Frage: Wie hast Du die Doppelrolle bewältigt, Du bist ja praktisch in jeder Szene zu sehen?

Tobias Schenke: Das war schon eine Herausforderung. Da wir aber alles gemeinsam gemacht haben, war es gar nicht so schwer, das durchzustehen, Wir waren vom ersten Tag an eine Familie. Die Drehtage haben zwar teilweise schon 17-18 Stunden gedauert, aber weil wir alle solchen Spaß an der Arbeit hatten, war das positiver Stress. Den Ossi zu spielen, war auch gar nicht so schwierig, weil ich aus Ostberlin komme und er im Film ja auch nur am Anfang und am Ende vorkommt. Viel schwieriger war es, den anfangs so arroganten Bremer Schnösel zu spielen, auch weil ich da Hochdeutsch sprechen muss.

Frage: Wolltest Du schon immer Schauspieler werden?

Tobias Schenke: Eigentlich hab ich mir nie überlegt, Schauspieler zu werden, es ist einfach passiert. Ich bin in der Schule, da war ich zwölf Jahre alt, von Karin Müller-Grunewald angesprochen worden, die dann auch meine Kinder- und Jugendagentin geworden ist. Sie hat mich zum Film gebracht. Das ist jetzt zehn Jahre her. Während der Schule habe ich das nebenher gemacht und jetzt ist es ein Traum von mir geworden, also erst, als ich gemerkt habe, wie schön das ist. Die Schauspielerei ist wie ein Geschenk Gottes an mich.

Frage: Mit wem würdest Du noch gerne spielen?

Tobias Schenke: Das soll jetzt nicht irgendwie arrogant klingen, aber in Deutschland habe ich ja schon vieles durch, ich habe mit Götz George gedreht, mit Heiner Lauterbach, mit Uwe Ochsenknecht. Nach Hollywood will ich nicht gehen, aber mit Sophie Marceau würde ich ganz gerne drehen.

Frage: Welchem Deiner Schauspielerkollegen verdankst Du am meisten?

Tobias Schenke: Von Hans Michael Rehberg habe ich viel gelernt. Michael Gwisdek, der in KLEINRUPPIN FOREVER den Erwin spielt, ist supergeil, allein den erleben zu dürfen am Set.

Frage: Was hast Du Dir von Deiner ersten Gage gekauft?

Tobias Schenke: Ein Mountainbike, da war die Mauer gerade weg. Ich hab´s im Laden gesehen, kannte so was noch nicht und wollte es unbedingt haben. Auch heute bin ich jemand, der die Kohle auf den Kopp kloppt. Das macht Spaß, ich leb dafür, ich gebe viel für Reisen aus, für Party feiern, für Freunde, die ich daran teilnehmen lasse. Wenn ich sparen würde wie ein Verrückter, dann hätte ich nicht so viel Spaß am Leben.

Frage: Gibt es etwas, was Du an der DDR vermisst?

Tobias Schenke: Die Leberwurst. Die Fleischer waren viel besser im Osten, die Wurst kam frisch vom Bauern. Auch dieses menschliche Gefühl untereinander. Toleranz und Offenheit für neue Sachen sind gerade bei der Generation, der ich angehöre, also die Jugendlichen, die acht, neun Jahre den Osten noch mitgekriegt haben, ein bisschen weiter entwickelt als im Westen. Westler sind ein bisschen zu verwöhnt von allem und interessieren sich auch nicht so für den Rest der Welt. Das gilt aber nur für meine Generation, meine Eltern haben damit ein Problem. Die durften 20 Jahre lang nicht reisen und deswegen tun sie es auch jetzt nicht. Ich bin da genau das Gegenteil, ich will gerade deswegen alles entdecken.

Frage: Wo möchtest Du am liebsten leben?

Tobias Schenke: Ich wohne jetzt übergangsweise in Schöneberg, zusammen mit einer Freundin. In Deutschland ist Berlin die Stadt schlechthin, hier fühl ich mich wohl, da bin ich aufgewachsen, die kenne ich halt. Berlin ist groß, da kann man alles machen, da hat man keine Einschränkungen, es gibt zum Beispiel keine Polizeistunde. Berlin hat auch eine Underground-Nachtszene, die mir sehr gut gefällt und die ich in keiner anderen Stadt so erlebt habe wie hier. In Deutschland gibt´s keine andere Stadt für mich, aber in Europa sind´s die drei Bs: Berlin, Budapest und Barcelona. Für eine werde ich mich wahrscheinlich entscheiden.

Frage: Noch eine Frage: Du hast mit Anna Brüggemann, die die Jana spielt, mehrere Liebesszenen. Hast Du Dir dafür von erfahreneren Kollegen Tipps geben lassen?

Tobias Schenke: Nö, die geb ich mir lieber selber. Das find ich immer doof, wie die anderen das machen, da denk ich immer, das kann ich selber besser.

Tobias Schenke
Plakat zu 'Kleinruppin forever'

Dirk Jasper FilmLexikon

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