Interview mit Tom Schilling

"Meine Figur verleiht dem Film eine andere Wendung."

Tom Schilling spielt die Hauptrolle des Albrecht im deutschen Kinodrama Napola - Elite für den Führer.

Frage: Was bedeutet Napola?

Tom Schilling: Napola steht für "Nationalpolitische Erziehungsanstalt", in der Kinder ab dem 10. Lebensjahr gedrillt und herangezüchtet wurden als kommende politische Elite.

Die Schüler haben dort natürlich auch ein interessantes Leben geführt. Viele sagen, dass es die beste Zeit ihres Lebens war, auch wenn das Weltbild in voller Härte eins zu eins vermittelt wurde.

Da war nicht viel die Rede von Hesse oder Goethe, dafür aber gab es Statements von Luther oder römischen Schriftstellern zur Judenfrage.

Es gab da keinen Widerspruch. Zwar wollte man führertreue Männer, die aber trotzdem frei entscheiden können und einen freien Willen haben. Aber das war natürlich unvereinbar.

Die jungen Leute wurden geködert mit verführerischen Dingen, ihnen wurde gesagt, sie seien die Elite, die in der Rassenlehre ganz oben stehen, nach dem Motto: Wenn das deutsche Volk das beste der Welt ist und wir die besten des deutschen Volkes sind, dann sind wir ja die besten der Welt.

Frage: Albrecht hat einen sehr erfolgreichen Nazi-Vater. Wie ist das Verhältnis zu ihm?

Tom Schilling: Es ist eine sehr gespannte Vater-Sohn-Beziehung. Der Vater kann mit Albrechts Interessen überhaupt nichts anfangen. Er verkörpert eine Persönlichkeit, die unter dem Naziregime nicht viel wert war. Der Vater nennt ihn Schöngeist.

Albrecht ist eher ein Intellektueller als einer, der sportliche Leistungen vollbringt. Deshalb versagt der Vater dem Sohn seinen Respekt. Die Folge ist ein richtiger Vaterkomplex: Alles, was er tut, hat nur das Ziel, dem Vater zu gefallen.

Albrechts Stärken liegen auf geistiger Ebene, nicht auf körperlicher, er schreibt tolle Aufsätze und erbringt sehr gute schulische Leistungen. Der Vater will einen SS-Obersturmführer aus ihm machen, doch Albrecht erfüllt, auch äußerlich, nicht die Voraussetzungen.

Frage: Wie wichtig ist die Figur des Albrecht im Zusammenhang der Handlung?

Tom Schilling: Der Zuschauer geht seinen Weg mit Friedrich, der eine fragwürdige Entwicklung macht. Meine Figur verleiht dem Film eine andere Wendung. Sie ist kritisch, weckt Zweifel an dem ganzen Mechanismus.

Albrecht ist die moralische Instanz, vor allem für Friedrich. Er lehnt das System ab, weil sein Vater es in Reinkultur verkörpert und er am eigenen Leib erfährt, wie menschenverachtend es ist.

Frage: Wie war das Zusammenspiel mit Max?

Tom Schilling: Man muss sich abtasten und kennen lernen. Wir haben uns gegenseitig oft überrascht. Max kann in emotionalen Szenen total explodieren.

Frage: Ein Film um ein historisches Thema - ist das heute noch interessant?

Tom Schilling: Der Film ist zeitgemäß, weil er eine universelle Frage stellt: Was kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren und womit kann ich nicht mehr leben? Napola - Elite für den Führer ist kein Historienfilm, sondern handelt von allgemeingültigen Werten und zwischenmenschlichen Beziehungen.

Tom Schilling. Foto: Constantin Film
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Dirk Jasper FilmLexikon

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