Interview mit Tom Tykwer
Tom Tykwer Tom Tykwer führt Regie bei dem Liebesdrama Der Krieger + die Kaiserin.

Frage: Wie schwierig ist es, den ersten Film nach dem Erfolg von Lola rennt zu machen?

Tom Tykwer: Der Trick war, einfach sofort weiterzuarbeiten: Ich habe angefangen Der Krieger + die Kaiserin zu schreiben, bevor Lola rennt in die Kinos kam, als ich noch keine Ahnung hatte, was mit dem Film passieren würde. Dadurch hatte ich etwas, woran ich mich festhalten konnte, etwas, das sich gar nicht darauf bezieht, dass man jetzt diesen Riesenerfolg hatte. Das heisst, ich habe auch diesen Film aus dem selben Gestus heraus gemacht, aus dem ich immer Filme gemacht habe: Persinlöche eigenwillige Filme, für ein grosses Publikum.

Frage: Nach dem rasanten Befreiungsschlag von Lola rennt kehrst Du mit Deinem neuen Film wieder zu einem ruhigeren, konzentrierteren Rhythmus zurück.

Tom Tykwer: Winterschläfer war sozusagen die eine Seite unserer Generation, das grosse Phlegma, wenn man so will, aber ich bin ja eigentlich überhaupt kein phlegmatischer Mensch. Mit Lola rennt wollte ich zeigen, dass es nicht so ist, dass wir keine Kraft haben. Die ist vielleicht ein bisschen ungerichtet, aber sie ist da. Diese Energie auch ausdrücken zu können, hat mir sozusagen den Kopf freigemacht, jetzt ganz entspannt zu den Themen zurückzukehren, die mich interessieren und die auf andere Weise ja auch in Lola rennt präsent waren.

Frage: Deine Geschichten fangen immer mit einem Bild an, was war das in Der Krieger + die Kaiserin?

Tom Tykwer: Das war unter dem LKW, dieser Moment, in dem man nicht weiß, wie es dazu kam, dass man unter einem Laster liegt und mit sich selber spricht. Dann hatte ich irgendwo etwas gelesen über diese Trachiotomie, diesen Luftröhrenschnitt, ich hab' mir immer wieder erklären lassen, wie das geht.

Man kann ja wirklich nichts falsch machen: Dort wo's hart ist, da ist sofort Luft dahinter. Das hat so einen spektakulären Beigeschmack, ist aber im Grunde ganz simpel. Ich fand diese Grundkonstellation gut, dass man ein Paar so nahe zusammenkommen lässt, wie sie vielleicht im ganzen Leben nicht mehr sein werden, bevor sie sich überhaupt kennengelernt haben. Diese Begegnung unter dem Laster ist ja auch eine unglaublich körperliche und auf bizarre Weise sinnliche Szene.

Frage: Ist das der Grund, dass sie sich später praktisch gar nicht mehr berühren und auch nie küssen?

Tom Tykwer: Ja, weil es soviel an Nähe gab, musss die Eroberung einen anderen Weg gehen. Eine ganz wichtige Überschrift des Films für mich war, dass jemand, der eigentlich nicht weiss, wie die Liebe geht, auf jemanden trifft, der nichts mehr mit der Liebe zu tun haben will. Erfahrungswerte treffen auf Nichterfahrungswerte. Das heisst auch, dass das Spannungsfeld zwischen den beiden weniger physisch ist. Die müssen erstmal versuchen einander zu verstehen.

Frage: Auf den ersten Blick erscheinen die Beiden sehr rätselhaft und merkwürdig.

Tom Tykwer: Das gefällt mir, dass man im Kino Leute trifft, die einem zunächst ziemlich extrem vorkommen, doch dann zwingt einen der Film, sie kennenzulernen, mit ihnen zurecht zu kommen und sie auch zu mögen, mit ihrer ganzen Verschrobenheit und Schwierigkeit. Ich finde es besser, Leute langsam kennen und lieben zu lernen, anstatt am Anfang zwei signifikante Hit-Szenen hinzuknallen, nach denen man genau weiss, wen man zu mögen und wen man zu hassen hat, und dann geht es nur noch darum die Aufgabe zu lösen. Ich mag es, wenn die Aufgabe des Films darin besteht, die Menschen zu verstehen, ihnen zu folgen, sie ins Herz zu schliessen.

Frage: Das Schlussbild mit dem doppelten Bodo erinnert ein bisschen an Cocteaus "Orphee", in dem die Toten aus den Körpern steigen.

Tom Tykwer: Das ist ein schönes Beispiel, weil es in "Orphee" auch sehr stark um Narzissmus geht und Bodo für mich auch eine Figur ist, die in dieser Selbstbezogenheit einen Narzissmus entwickelt. Er ist einer, der da rausgerissen werden musss, dem man den Spiegel vorhalten musss, der vielleicht auch in das andere Reich eintreten musss, um zu erkennen, dass er wieder zurück will. Bei mir haben die Leute noch eine Chance, die sie in "Orphee" nicht mehr haben. Im Grunde ist es ein umgedrehter "Orphee": Vom Tod ins Leben.

Frage: Du arbeitest zum zweiten Mal mit Franka Potente, inzwischen seid Ihr ein Paar, wie hat sich Eure Zusammenarbeit dadurch verändert?

Tom Tykwer: Diesmal war sie von Anfang an dabei, schon in der Geburtsstunde des Films, und die Rolle war ihr ja auch von Anfang an auf den Leib geschrieben. Das war ja kein Stoff, den ich schon seit fünf Jahren mit mir herumtrage und jetzt nur auf Franka umgeschrieben habe. Wir haben sehr viel über diese seltsame Figur gesprochen, während ich das Buch geschrieben habe und ihre Vorstellungen von ihr hatten einen grossen Einfluss auf mich, darauf wie sie geht und spricht. Und es ist mir natürlich auch wichtig, Entdeckungen, die ich an ihr als Mensch gemacht habe, in der Rolle wiederzufinden.

Frage: Das erinnert ja ein bisschen an Godard und Anna Karina ...

Tom Tykwer: Nur in dem Sinne, dass ich eben sehr persönliche Filme mache, und es dann ganz selbstverständlich ist, dass Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, auch in meinen Filmen auftauchen. Das heisst aber nicht, dass wir am Drehort so ein verschworener Geheimbund wären. Dort ist die Rollenverteilung sehr traditionell. Da beziehe ich mich nicht als Privatperson auf sie - das wird in der Arbeit völlig ausgeblendet - sondern als Regisseur zur Schauspielerin. Selbst nach Drehschluss fand ich es schwer, mich auf sie als etwas anderes als meine Hauptdarstellerin zu beziehen. Natürlich ist diese besondere Vertrautheit ein Vorteil. Man hat die Gewissheit, sich bei bestimmten Sachen mehr zumuten zu können.

Frage: Was hat Dich an der Psychiatrie gereizt?

Tom Tykwer: Mich hat das Hermetische dieser Welt fasziniert, und das Fliessende der Trennlinie. dass es Menschen gibt, in denen Möglichkeiten angelegt sind, die überdimensional ins Positive und eben auch ins Negative umschlagen kinnen. In dem Moment in dem Bodo da eintritt, wird ganz schnell klar, dass er in kürzester Zeit Teil des Betriebes sein könnte, dass er sofort eingegliedert wird. Gleichzeitig wird dadurch auch der Wahnsinn der Leute da drin relativiert. Sissi ist so eine Art Bindeglied zwischen den beiden Welten. Am Anfang kann man sie gar nicht so richtig einordnen, sie ist irgendwie eine Schwester, aber da schwingt etwas Komisches mit. Ich bin sehr glücklich, dass wir das so lange offen gehalten haben.

Es war mir sehr wichtig, die Psychiatrie nicht als so einen schauerkabinetthaften Hintergrund zu benutzen, sondern als ganz normale Welt ernstzunehmen, in der Menschen wirklich ihr Leben verbringen, eine reale Lebenswelt.

Frage: Das ist der erste Film, den Du in Deiner Heimatstadt gedreht hast.

Tom Tykwer: Ich mache sehr gerne Filme in Deutschland, weil ich mich hier auskenne. Wenn man mal genauer hinguckt, merkt man allerdings, dass die meisten Filme immer wieder in den selben Städten spielen. Das hat natürlich rein produktionstechnische Gründe, es ist einfach viel komplizierter, wenn niemand dort wohnt, wo gedreht wird. Das heisst, alle Mitarbeiter müssen dahin geholt und ins Hotel gesteckt werden. In Berlin gehen die Leute abends halt einfach nach Hause, da spart man hunderttausende von Mark. Das ist wirklich der Grund warum das nicht gemacht wird.

Frage: Was fasziniert Dich an Wuppertal?

Tom Tykwer: Wuppertal hat so viele unterschiedliche Elemente, das grosse Berg-und Tal-Gefälle, viel typisch deutsche Architektur, und trotzdem ist es so ein bisschen verwunschen und verwinkelt. Wenn man einen Film macht über Themen, die einen selber reizen, ist es natürlich auch toll, wenn man sich in einer Gegend aufhält, in der man emotional geprägt wurde, in der die eigenen Wurzeln liegen. Wuppertal ist einfach eine interessante, geheimnisvolle und verführerische Stadt, mit einer Geografie, die einen einlädt und mitnimmt auf eine Reise, und darum geht's ja im Kino.

Frage: Du hast Wuppertal auch mal mit San Francisco verglichen.

Tom Tykwer: Ich finde auf Wuppertal sollte man den Blick richten, wie es die Amerikaner mit San Francisco tun. Das ist in Amerika ja eine richtig kleine Stadt mit nur einer Million Einwohner, da gibt's etwa fünfzig grössere und wichtigere Städte und trotzdem sieht man sie ganz oft im Kino. Und Wuppertal ist auch so ein langer Schlauch im Tal und links und rechts gehen wirklich steile Hänge hoch. Wenn in NRW gedreht wird, ist das ja meist Köln, so oft, dass man das Gefühl hat, ganz NRW besteht nur aus Köln, was ja nicht stimmt, und was wiederum zu beweisen war, indem man mal einen Film in Wuppertal dreht. Dann spielt der Film zu einem beträchtlichen Teil an Stellen, an denen sich die Leute zurückziehen und verbarrikadieren: Das spiegelt sich in dieser Stadt ganz gut wieder, die ja selbst wie eine Nische ist, so ein Versteck zwischen zwei Hügeln in der Talsohle. Gleichzeitig hat genau das natürlich auch bewirkt, dass ich die Stadt gar nicht richtig feiern konnte. Das ist ja ein sehr auf die Subjektivität der Figuren abgestimmtes Bild von Wuppertal.

Frage: Im Laufe Deiner vier Filme hast Du ein festes Team um Dich herum versammelt.

Tom Tykwer: Es ist ein schwieriger Prozess, sich in eine Sehweise einzudenken und im filmischen Sinn eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Wenn man das mit jemandem erreicht hat, ist das so kostbar, dass man auf diesem Weg gemeinsam besser werden sollte, anstatt den gesamten Kennenlernprozess noch mal von vorne anzufangen. Das ist natürlich entscheidend bei den ganzen kreativen Positionen, wie Kamera, Schnitt, Ausstattung, Kostüme, bis hin zum Casting und den Locations.

Solange man da nicht in eine Routine reinrutscht, und sich keine spannenden Fragen mehr zu stellen hat, sollte man gemeinsam wachsen, und sich erst wieder mit neuen Leuten verbinden, wenn man nicht mehr neugierig aufeinander ist. Wenn die Projekte dann noch in Art und Umfang so unterschiedlich sind wie meine Filme, wenn man also jedes Mal wieder etwas ziemlich grundsätzlich Neues macht, dann ist man natürlich besonders froh, sich auf die Basics verlassen zu können.

Frage: Diese Kontinuität schliesst bei Dir ja nicht nur die Teammitglieder, sondern auch die Schauspieler ein, Joachim Król hat beispielsweise schon in drei Deiner Filme mitgespielt.

Tom Tykwer: Für mich ist gerade beim Schauspiel das Vertrauen der zentrale Faktor, die Grundvorraussetzung für eine gute Zusammenarbeit zwischen Regie und Schauspieler. Das entsteht eben erst mit der Zeit. Beide müssen unheimlich viel preisgeben. Ich, weil ich sehr persönliche Geschichten erzähle. Die Schauspieler, um der Rolle eine Wahrhaftigkeit abzuringen. Wenn man diesen Weg einmal beschritten hat und merkt, da geht was zusammen, dann will man die Grenzen unbedingt weiter ausloten.

Frage: In dieser Zärtlichkeit, mit Nebenrollen umzugehen, erinnert das ja fast an John Fords stock company, an dieses weitverzweigte Team wiederkehrender Schauspieler.

Tom Tykwer: Das wünsche ich mir. Gerade in den Nebenrollen ist das gegenseitige Vertrauen besonders wichtig, weil man so wenig Zeit hat, sich nur ein paar Tage am Drehort sieht. Da ist es sehr wichtig, dass sie spüren, wie ernst man das nimmt. Ich möchte, dass man sich auf unsere Filme ein bisschen als eigenen Kosmos bezieht. Und es hat auch damit zu tun, dass ich selber Schauspieler gerne wiedersehe, und merke, dass meine Lieblingsregisseure ganz eindeutig mit den Wiederholungstätern unter den Schauspielern verbunden sind: Scorcese und Joe Pesci beispielsweise, oder Hitchcock und Leo G. Carroll.

Franka, Benno und Joachim sind wirklich Ausnahmeschauspieler, weil sie neben hohem handwerklichem Vermögen etwas mitbringen, was nichts mit Regie zu tun hat. Sie sind in Konspiration mit der Kamera und mit dem Zuschauer. Du siehst sie und kannst gar nicht mehr wegschauen, willst ihnen wirklich näher kommen. Das ist es, was ich eigentlich Starpotential nenne. In diesem Film hatte ich gleich mehrere Schauspieler, die das mitbringen, sonst ist man froh, wenn man wenigstens einen hat.

Dirk Jasper FilmLexikon
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