Interview mit Ulrich Limmer
Ulrich Limmer Ulrich Limmer schrieb mit an dem Drehbuch und ist der Produzent von dem Film Das Sams

Frage: Wo haben Sie denn das Sams getroffen, doch nicht beim Einkaufen am Samstag, oder?

Ulrich Limmer: Nein, durch meinen damals sieben Jahre alten Sohn Paul. Ich las ihm zuerst aus den Büchern vor und dann kauften wird die Kassetten vom Sams. Eltern müssen ja immer Kassetten im Auto hören, so manche unerträgliche lässt man heimlich verschwinden, andere hört man gerne. Die Sams-Kassette gehörte allerdings bald zur Standardausrüstung. Im Lauf der Zeit mochte ich die Figur so sehr, dass ich mich beim Verlag Ötinger erkundigte, ob die Rechte am Sams schon vergeben seien. "Eigentlich" lautete die kryptische Antwort. Tatsächlich hatte Paul Maar seit 25 Jahren die Rechte am Sams zurückgehalten. Und genau zur Zeit meiner Anfrage hatte er sich entschlossen, aufgrund der neuen filmtechnischen Errungenschaften, eine Verfilmung ins Auge zu fassen. Insgesamt gingen dann 25 Produzenten ins Rennen um Das Sams.

Frage: Sie haben gemeinsam mit Paul Maar das Drehbuch verfasst. Gab es Erziehungsstreit zwischen den beiden Sams-Vätern?

Ulrich Limmer: Paul Maar ist der Vater! Eine gewisse Mit-Vaterschaft (sofern dieser biologisch widersinnige Ausdruck erlaubt ist) kann ich nur beim Drehbuch in Anspruch nehmen. Paul Maar ist auch ein sehr erfolgreicher Bühnenautor, versteht also viel vom szenischen Schreiben. Er bat mich trotzdem, am Drehbuch mitzuarbeiten. In meiner bisherigen Zusammenarbeit mit Koautoren bewährte sich Billy Wilders Prinzip: Wenn einer der Beiden eine Idee nicht mag, dann wird sie verworfen und eine neue gesucht. Das verhindert aufreibende DisKusssionen und Kämpfe. Wir taten uns sehr leicht miteinander, weil Paul Maar extrem professionell ist und nicht an seiner Vorlage klebte, wir dieselbe Art von Humor haben und uns einig waren über die Stimmung, die der Film haben sollte. Die Arbeit war das reinste Vergnügen.

Frage: War Das Sams von Anfang an als Real- und nicht als Zeichentrickfilm geplant?

Ulrich Limmer: Ja, sonst wäre ich auch der falsche Produzent gewesen. Mir war immer klar, dass das Potential des Films im Realfilm liegt und dass das mit den heutigen Techniken auch funktioniert. Kinder sind ein sehr kritisches Publikum und man musss ihren Vorstellungen aus den Büchern sehr nahe kommen. Unser Bestreben war es deshalb, dass die Schauspieler den Zeichnungen in den Sams- Büchern sehr ähneln und unser wunderbares Schauspielerensemble hat sich da sehr gut eingefunden. Und die größte Herausforderung war natürlich die Besetzung der Sams Figur. Und da kann ich Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich und dankbar ich bin, dass wir Christine Urspruch gefunden haben. Mein Sohn war übrigens das erste Testpublikum für die Sams Casting-Aufnahmen. Er hat Christine Urspruch sofort als Sams akzeptiert. Jetzt fühlt er sich natürlich mindestens als Koproduzent des Films.

Frage: Wie genau kam denn nun der Eisbär in das Zimmer von Herrn Taschenbier?

Ulrich Limmer: Diese Szenen bereiteten uns in der Vorbereitung großes Kopfzerbrechen. Erstens gibt es in ganz Europa Eisbären nur in Zoos. Eine andere Tierhaltung ist nicht möglich, denn diese Tiere sind gefährlicher als jede Raubkatze. Zweitens verbietet das Artenschutzgesetz den Import von Eisbären. Schließlich wollten wir uns einen elektronisch gesteuerten Eisbären bauen. Dafür riefen wir im Nürnberger Zoo an, als dort drei Eisbären entlaufen waren, die daraufhin erschossen werden musssten. Statt uns die Felle der Tiere zur Verfügung zu stellen, ließen die Nürnberger sie verbrennen, angeblich auch aus Artenschutzgründen. Dann entdeckten wir den hervorragenden Schweizer Tiertrainer René Strickler, der in der Nähe von Zürich arbeitet. Weil auch sein Eisbär "Polaris" die Schweiz nicht verlassen durfte, musssten wir dorthin fahren, um den Bären zu drehen und ihn später digital in den Film zu integrieren.

Frage: Beim Auftritt von "Polaris" verlief dann alles eisglatt?

Ulrich Limmer: Herr Strickler hat uns vorgewarnt und betonte immer wieder, dass man bei "Polaris" nie wisse, was passiert. Es sei durchaus vorstellbar, dass er zwei Tage im Studio liegt und nichts tut. Er ist überhaupt nur dann zur Arbeit bereit, wenn seine beiden Bärenfreundinnen ebenfalls im Studio sind. Ein echte Diva also. Wir machten uns auf einiges gefasst. Aber "Polaris" mochte uns. Er hat schon am ersten Tag alles gemacht, was wir brauchten. Bis auf eine Ausnahme.

Frage: Und welche war das?

Ulrich Limmer: Laut Drehbuch sollte Herr Lürcher aus dem Bild greifen und in der Meinung, seinen Hund zu streicheln, versehentlich den Kopf des Eisbären knuddeln. Das wollte selbst Herr Strickler nicht riskieren, weil der Eisbär dann wohl seine Hand abgebissen hätte. Er hat dann "Polaris" lieber am Hinterteil gestreichelt und diese Aufnahmen wurden nachträglich von den Münchner Digitalexperten "Scanline" in den Film integriert.

Frage: Warum legen Sie so großen Wert darauf, dass es sich bei der Leinwandfassung der "Sams"-Kinderbücher um Family-Entertainment und nicht um einen Kinderfilm handelt?

Ulrich Limmer: In Deutschland besteht leider der Hang, Filme, die aus Kinderbüchern entstehen, in eine Nische zu drängen und diese mit dem Etikett "Kinderfilm" zu versehen. Es sind aber keine Filme zweiter Klasse, ebenso wenig, wie ein Autor, der für Kinder schreibt "nur" ein Kinderbuchautor ist. Kinder sind das schwierigste Publikum, sie lassen sich nicht durch intellektuelle Interpretationen blenden, sondern wollen direkt überzeugt werden. In den USA käme man auch nicht auf die Idee, "Stuart Little" als Kinderfilm abzuqualifizieren.

Dirk Jasper FilmLexikon
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