Interview mit Ulrich Mühe
Ulrich Mühe Ulrich Mühe spielt den Doktor in dem Film Der Stellvertreter

Frage: Kannten Sie das Stück Der Stellvertreter, bevor Sie Costa-Gavras trafen?

Ulrich Mühe: Als Bühnenschauspieler war ich sehr gut mit Hochhuths Stück vertraut. Die Tatsache, dass der Stoff im Westen nach seinem Erscheinen harsch kritisiert wurde, während man ihn im Osten gänzlich ignorierte, illustriert perfekt das Klima, in dem Nachkriegsdeutschland mit seiner monströsen Vergangenheit konfrontiert wurde.

Frage: Was waren Ihre Eindrücke, als Sie die Drehbuchversion lasen und später den fertigen Film sahen?

Ulrich Mühe: Beim Lesen des Skripts hatte ich nur einen Gedanken - ich wollte ein Teil des Projektes sein, denn es erfüllte alle meine Wünsche als Schauspieler. Die kompromisslose Sicht des Stoffes und die Klarheit im Umgang mit potenziell schockierenden Themen erkannte ich vollständig erst beim Sehen von Der Stellvertreter. Und ich erkannte einmal mehr, wie furchtbar es ist, dass sich manche Dinge auch 57 Jahre nach Kriegsende nicht geändert haben ...

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Costa?

Ulrich Mühe: Da fällt mir ein Satz Heiner Müllers ein: "Arbeit, an der man Spaß hat, ist keine Arbeit." Wie interessant, dass mir da ausgerechnet Müller in den Sinn kommt. Es zeigt, dass die größten Könner auf ihren Gebieten häufig auch auf sehr natürliche Weise die freundlichsten und am meisten respektierten Menschen sind - so wie Costa-Gavras oder Müller.

Frage: Lassen Sie uns über Ihren Charakter im Film sprechen.

Ulrich Mühe: Der "Doktor" ist kein Charakter, sondern die Verkörperung alles Bösartigen in der Welt.

Frage: Wie ist es für Sie als Deutschen, diese Rolle zu spielen?

Ulrich Mühe: Als Deutscher muss ich zunächst immer akzeptieren, dass mir diese Frage gestellt wird. Aber viel wichtiger ist, dass wir uns selbst die Fragen stellen, die in dem Stück gestellt werden.

Frage: Was ist Ihres Erachtens die Kernfrage des Stückes?

Ulrich Mühe: Gibt es einen Unterschied zwischen Religion und Ideologie? Nein! Beides verspricht eine bessere Zukunft und transportiert eine fundamentalistische Sichtweise. Und wenn sie sich bedroht fühlen, sind beide Anhänger bereit, härteste Gewalt einzusetzen. Wann wird die Menschheit lernen, dies loszuwerden?

Frage: Was glauben Sie, wie der Film in Deutschland aufgefasst werden wird?

Ulrich Mühe: Ich wünschte natürlich, dass er achtzig Millionen Zuschauer hätte. Vielleicht wird es ähnlich gute Reaktionen wie auf die Wanderausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg geben. Ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit kann sich offen mit der Historie auseinander setzen. Und dann gibt es ein paar lärmende Individuen, deren konstantes Geschrei vermutlich die Zufuhr von Sauerstoff in ihre Hirne verhindert. Damit muss eine Demokratie fertig werden. Das ist genau der Grund, weshalb wir wachsam bleiben müssen - wegen unserer Demokratie.

Dirk Jasper FilmLexikon
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