Interview mit Ulrich Noethen

"Es ist wichtig, dass sich auch jüngere Generationen davon ein Bild machen."

Ulrich Noethen ist der Darsteller des Heinrich Himmler in dem deutschen Kinofilm Der Untergang.

Frage: Was können Sie zu Ihrer Rolle als Himmler sagen?

Ulrich Noethen: Himmler, Reichsführer SS, ist in diesem Film zwar eine kleinere Rolle, wenn man sich jedoch damit beschäftigt, ist es wie ein gigantischer Berg, der vor einem liegt ? denn es ist eine historische Persönlichkeit, einer der allergrößten Verbrecher überhaupt, der Architekt der so genannten Endlösung. Die Aufgabe lautet also, sich der Figur anzunähern, auch wenn die Frage lautet: Möchte ich mich dem überhaupt annähern? Will ich damit überhaupt etwas zu tun haben?

Normalerweise versucht der Schauspieler, seine Figur zu verteidigen, aber ich hatte unglaubliche Schwierigkeiten, allein die Worte aus dem Drehbuch zu lernen und beim Spielen habe ich gemerkt, es gibt nur wenige Momente, in denen ich diese Texte auch denken kann. Das hat wohl damit zu tun, dass man sich nicht im Stande sieht, diese Figur zu verteidigen.

Frage: War dies Ihre bisher schwierigste Rolle?

Ulrich Noethen: Das würde ich so nicht sagen. Ich habe mich zwar wahnsinnig schwer getan, aber nicht weil ich einen inneren Schweinehund überwinden musste. In St. Petersburg haben wir uns in den ersten Wochen auch hauptsächlich mit den Außenbildern beschäftigt, mit dem Grauen außen herum ? jetzt geht es in die Innenräume, und ich merke, dass eine unglaubliche Anspannung da ist. Oliver lässt es sich nicht so anmerken, er verbreitet eine gute Atmosphäre, ist ganz locker ? es wirkt wie ein entspannter Dreh. Aber darunter schwingt etwas mit, da fragt man sich, ob es gut gehen kann.

Frage: Wie verlief Ihre Vorbereitung?

Ulrich Noethen: Interessant bei Himmler ist, dass es zwar Biografien gibt, aber sie beschränken sich meist auf den technischen Aspekt; wir wissen, dass er ein in seiner Arbeit sehr effizienter Bürokrat war, sehr fleißig ein riesiges Tagespensum absolvierte; wenn man aber nach persönlichen Hintergründen sucht, wird es in den Materialien plötzlich sehr dünn.

Als ich mich aber in Berlin mit Waldemar Pokromski für die Maske getroffen habe, saß zufälligerweise auch Romuald Karmakar dabei; mir war eingefallen, dass er doch gerade dieses Himmler-Projekt mit Manfred Zapatka gemacht hatte ? also habe ich ihn angesprochen. Zwei Tage später schickte er mir freundlicherweise die Kassette mit dieser Geheimrede, die Himmler in Posen vor seinen SS-Oberen gehalten hat.

Diese Rede, mit ihren ganzen Grausamkeiten und Grässlichkeiten, habe ich mir immer wieder angehört; in einer solchen öffentlichen Rede ist der Ton ja eher pathetisch, die Stimme wird noch stählerner ? aber dann gibt es Passagen, in denen Himmler sich über bestimmte Geräusche beschwert, und das ? das sind die kleinen Momente, in denen die Stimme persönlicher wird. Mit dieser Vorstellung kam ich ans Set, merkte dann, dass es so nicht funktioniert, also habe ich versucht, einen Weg zu finden.

Frage: Welche Wirkung erhoffen Sie sich von diesem Film?

Ulrich Noethen: Das Hauptargument, das für diesen Film spricht, ist zu sagen, lasst uns über diese Zeit reden, lasst uns darüber berichten, es ist wichtig, dass sich auch jüngere Generationen davon ein Bild machen. Obwohl es eigentlich sehr viele Argumente gibt, die dagegen sprechen: Ist es überhaupt zu leisten? Tritt nicht in dem Moment, in dem ich solchen Leuten mit der Kamera auf den Leib rücke, eine Form von Identifikation oder eine Art Glorifizierung ein? Kommt man dem nicht menschlich näher, als man das überhaupt will?

Es gibt also ein ganzes Bündel von Skrupeln, aber dennoch sage ich: Das erste Argument zählt trotzdem, ich wurde gebeten, mitzumachen, also stelle ich mich zur Verfügung. Und ganz wichtig ist, die Opfer dieses Krieges nicht aus den Augen zu lassen, davor muss man sich sehr hüten.

Ulrich Noethen
Filmplakat

Dirk Jasper FilmLexikon

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