Interview mit Uwe Ochsenknecht

"Hier ist die Art des Spielens anders."

Uwe Ochsenknecht ist Hauptdarsteller in dem Doris Doerrie-Film Erleuchtung garantiert.

Frage: Was gab den Ausschlag, dass Sie bei diesem Projekt zugesagt haben?

Uwe Ochsenknecht: Die Bekanntschaft und die Erfahrung mit Doris Doerrie. Sie ist schon ein sehr spezieller Mensch. Wir kennen uns ja jetzt schon fast zwanzig Jahre ? zunächst nur vom Sehen, bei "Männer" haben wir uns dann richtig kennengelernt. Mittlerweile ist das unser vierter Film. Das sind so Freundschaften, wo man nicht jeden Tag telefoniert, aber trotzdem befreundet bleibt. Wir haben auch im Privatleben gegenseitig unsere Höhen und Tiefen mitbekommen, das prägt eine Freundschaft.

Ich habe mit anderen Leuten, die ich öfter sehe, ein weniger intensives Verhältnis als mit Doris Doerrie. Es ist auch schön, wenn man sich im Laufe der Jahre ? Jahrzehnte mittlerweile ? nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben als Mensch weiterentwickelt. Deswegen verändert sich unsere Beziehung auch immer wieder, es bleibt interessant. Und das ist gut so. Denn bei einem Projekt wie Erleuchtung garantiert ist man schon sehr intensiv zusammen.

Frage: Glauben Sie, dass der Film ? gerade durch seine Nähe und Intimität ? das Publikum in seinen Sehgewohnheiten aufschrecken wird?

Uwe Ochsenknecht: Das soll er ja auch. Heute, in den Zeiten der Hochglanzfilme, wo immer mehr Budget verbraten wird und die Filme immer schlechter werden. Ich finde, es liegt in der Verantwortung der Macher - also Produzenten, Regisseure - die Leute im positiven Sinne "umzuerziehen", die Sehgewohnheiten zu verändern, den Leuten zumindest die Möglichkeit zu geben, mal etwas anderes und mit anderen Augen zu sehen - sonst stumpft man ja langsam total ab. Bei sehr vielen Kino-Produktionen der letzten Zeit geht der Mensch verloren. Die Stories sind nicht mehr nah an den Menschen dran. Bei diesem Film liegt der Fall anders: Er ist ziemlich intim, nah und privat.

Frage: Hat Ihnen das nicht etwas Angst gemacht?

Uwe Ochsenknecht: Überhaupt nicht, das sehe ich als Teil meines Berufs. Im Gegenteil, ich fand das gut ? und nach dieser Erfahrung des Filmemachens hat sich das auch bestätigt. Ich bin jetzt fast 30 Jahre mit der Schauspielerei beschäftigt und langsam wird es mir auch langweilig, immer im selben Rahmen, in der selben Form zu arbeiten. Und plötzlich konnte ich dann einmal etwas ganz anderes machen - und ausgerechnet noch mit Doris Doerrie!

Ich habe es mir schon immer gewünscht, einmal ein Roadmovie zu machen. Ich bin Gott sei Dank nicht so festgefahren, dass mich das verunsichert, sondern ich sage: Geil! Neue Wege! Einen Weg im Dschungel freihauen? Da bin ich sofort dabei! Und die Erfahrung hier hat auch gezeigt, dass ich bei so einer Art Film ganz anders an die Figur rangehe, die Figur während der Arbeit finde.

Hier ist die Art des Spielens anders: Man hat eine Szene und weiß, inhaltlich soll das und das darin vorkommen ? und es gibt keinen Text. Der Weg ist also gerade umgekehrt. Ich bin so wie sonst nie konkret beteiligt am Entstehen einer Situation, einer Figur. Und dadurch entsteht auf einem höchst kreativem Weg plötzlich eine Figur, die man währenddessen erst selber kennenlernt.

Frage: Sie haben aber nicht sich selber gespielt, sondern eine Kunstfigur. Gibt es da Kongruenzen mit dem "wahren" Uwe?

Uwe Ochsenknecht: Es deckt sich immer mal wieder, und dann wieder nicht. Die Kunst dabei ist ja, sich auch in den Momenten, die nichts mit mir als Privatperson zu tun haben, diesen Moment anzueignen, sonst kann man das nicht überzeugend vermittlen. Und dann gibt's immer Momente, wo das nicht mehr auseinanderzuhalten ist.

Frage: Wenn Sie also die Klostertreppen putzen ? das hätten Sie als Uwe Ochsenknecht ähnlich gemacht?

Uwe Ochsenknecht: (lacht) Freiwillig wahrscheinlich nicht. Ist ja vor allen Dingen scheinbar so sinnlos, nicht?

Frage: Dann sind Sie nicht Buddhist geworden?

Uwe Ochsenknecht: Nein, aber das Thema interessiert mich schon. Ich bin ja schon mit 14 Jahren, als ich meine erste eigene Kohle verdient habe, sofort aus der Kirche ausgetreten ? ich war evangelisch. Seitdem bin ich frei religiös, im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt viele Religionen, für die ich mich interessiere, und da gehört der Buddhismus auf jeden Fall dazu. Ich habe mich vorher immer wieder mal damit beschäftigt. Jetzt, wo ich den Alltag im Kloster kennengelernt habe, ist mir das noch sympathischer. Aber ich bin nicht jemand, der in diesem Sinne sehr fanatisch ist oder sagt, hier finde ich mein Seelenheil.

Frage: Was hat sich bei Ihnen durch die Zen-Erfahrung verändert?

Uwe Ochsenknecht: Zen ist eine Lebenseinstellung, eine philosophische Lebenshaltung. Ein Zen-Satz sagt: Was gestern war, das ist vorbei, das kann man nicht mehr ändern ? warum soll ich also dauernd sagen, "hätte ich gestern doch"? Man reibt sich unnötig daran auf. Was morgen ist, wissen wir alle noch nicht, wir wissen nicht, was kommt: Also macht es doch Sinn, so gut wie möglich und so intensiv wie möglich den Moment zu leben. Für mich waren die Erfahrungen, die ich bei der Realisation von Erleuchtung garantiert gemacht habe, auf jeden Fall eine Bereicherung insofern, dass man auf eine ganz andere Art und Weise an die Rollen herangegangen ist. Man konnte viel spontaner sein.

Frage: Sie waren ja auch Kameramann ...

Uwe Ochsenknecht: (lacht) Auch, ja, und gar nicht mal ein so schlechter ...

Frage: ... und Sie haben ein umwerfend komisches Talent.

Uwe Ochsenknecht: Das vermute ich mittlerweile auch.

Frage: Haben Sie ein Faible für das Komödien-Genre?

Uwe Ochsenknecht: Ich habe mir die letzten Jahre wirklich viele Gedanken darüber gemacht und denke einfach, es ist mein größtes schauspielerisches Talent. Ich kann schon mal einen Bösen mimen, ohne dass es peinlich ist, aber meine Stärken liegen doch im komödiantischen Bereich. Und jetzt bin ich auch so weit, dass ich das nicht unter den Tisch kehren will.

Man ist ja oft mit dem, was man geschenkt kriegt, nicht so zufrieden und will immer etwas anderes - das ist bei mir auch nicht anders. Aber mittlerweile denke ich: So ein Talent gibt es ja auch nicht so oft und warum soll man das wegdrücken wollen? Jetzt habe ich mir vorgenommen, mich mehr darauf zu konzentrieren und zu versuchen, Projekte in diese Richtung zu entwickeln.

Frage: Haben Sie es schon jemals bereut, Schauspieler geworden zu sein anstatt Musiker?

Uwe Ochsenknecht: Ich bin oft hin und her gerissen, immer wieder. In den letzten Jahren hat es mich vor allem geärgert, dass ich das Gefühl hatte, ich entwickle mich als Schauspieler nicht weiter. Und da kam mir Erleuchtung garantiert, mit dieser Machart, sehr zugute. Da hatte ich das Gefühl, auf eine andere Art an die Rolle rangehen zu können, Ecken freikratzen zu können, die bis jetzt noch brachgelegen haben.

Frage: Haben Sie schon mal daran gedacht, Regie zu führen?

Uwe Ochsenknecht: Ich bin gerade dabei, eine eigene Filmproduktion aufzubauen. Gerade hier im Filmland Deutschland muss man nach neuen Mitteln und Wegen suchen.

Uwe Ochsenknecht
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Dirk Jasper FilmLexikon

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