Interview mit Valeria Golino

"Die Frau, die ich darstelle, ist mir durchaus ähnlich."

Valeria Golino ist die Hauptdarstellerin des in Cannes 2002 ausgezeichneten Films Lampedusa

Frage: Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit Emanuele Crialese?

Valeria Golino: Eine der Regie-Anweisungen, die mir Crialese gegeben hat, um eine bestimmte Szene zu drehen, lautete: "Valeria, Du musst eine himmlische Spur hier auf dem Sand hinterlassen". Um sich verständlicher zu machen, hat er noch hinzugefügt: "aber nur ein Segment, ein blaues Segment". Da habe ich kapiert, dass es oft wenig Sinn macht, nach der Logik der Dinge zu fragen. Es ist besser, wenn man sich dem Instinkt überlässt. Sonst würde ich heute noch über dieses blaue Segment nachdenken, darüber grübeln, wie ich es darstellen sollte.

Frage: Sie leben und arbeiten zum großen Teil in den USA. Was hat es für Sie bedeutet, Monate lang auf der kleinen Insel Lampedusa zu sein?

Valeria Golino: Diese Art von Natur und Mentalität sind mir vertraut, ich bin Griechin, ich fühle mich wohl zwischen den Felsen, im Einklang mit dem Meer, der Sonne, dem intensiven Licht. Mit Kindern zu arbeiten, mit Laiendarstellern und den Hunden, das hat mich sehr entspannt. Ich konnte mich ganz auf die Person der Grazia konzentrieren, die ich sofort gemocht habe, als mir der Produzent Domenico Procacci das Drehbuch von Emanuele gab.

Die Frau, die ich darstelle, ist mir durchaus ähnlich, aber sehr viel extremer im Verhalten. Grazia lässt der Macht der Gefühle völlig freien Lauf, kontrolliert sie nicht. Ich habe also versucht, ich selbst zu sein in diesem Film, aber meine gewöhnlichen Reaktionen bis auf den Grund auszuloten. Und ich habe mir vorgenommen, meine ganze Professionalität als Darstellerin, im Sprechen von Texten, zu vergessen. Nur eine Sache hat mich mit dem Kino verbunden: ganz zu Anfang habe ich "Eine Frau unter Einfluss" von Cassavetes angeschaut, der Film bestärkte mich, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich habe sofort verstanden, dass ich nicht eine Verrückte spielen sollte, auch nicht die depressive Mutter ...

Es gibt zwei Möglichkeiten, Grazia zu beschreiben. Nach medizinischen Gesichtspunkten zeigt sie manisch-depressive Züge. Aber man kann auch sagen, dass es eine Frau ist, die einfach zu viele Gefühle hat, zuviel Lebensenergie, zuviel Freude, zuviel Unschuld. Man denkt, Menschen wie sie, die sich so von anderen unterscheiden, seien Rebellen. Grazia ist fügsam. Nur dann, wenn sie mit einer Ungerechtigkeit konfrontiert wird, revoltiert sie. In einer körperlichen Revolte, die jener von Kindern entspricht, die in ihrer Wut alles zertrümmern. Was sie nicht daran hindert, voller Zärtlichkeit für ihren Mann und ihre Kinder zu sein, die sie lieben.

Frage: Eigentlich ist Grazia ja eine merkwürdige Mutter. Mit ihren Kindern verbindet sie offenbar eine sehr viel größere Komplizenschaft als mit den gleichaltrigen Erwachsenen der Insel. Vor allem für die Söhne Pasquale und Filippo ist sie eher mitfühlende Schwester als Mutter.

Valeria Golino: Grazia ist das Gegenteil von dem, was man sich unter dem Archetyp der Frau im Süden vorstellt. Sie ist alles andere als die üppige, mit den Waffen der Weiblichkeit und Sexualität Besitz ergreifende italienische "mamma", sondern sehr viel verspielter, spontaner, überaus feminin, aber auf eine völlig unschuldige Weise. Zum Beispiel ist sie sich gar nicht bewusst, dass sie zu ihren Söhnen, vor allem zu Pasquale, durch den Wunsch nach körperlicher Nähe und Zuneigung fast so etwas wie eine exklusive Liebesbeziehung unterhält. Das ist einfach Teil von Grazias Charme: sie überschreitet gewisse Regeln, ohne sich dessen gewahr zu werden, ohne jeden verwerflichen Hintergedanken.

Frage: Was hat Sie auf Lampedusa besonders überrascht?

Valeria Golino: Es bedeutete, dass ich mich außerhalb der mir vertrauten Zeit befand. Die Insel ist ein Ort zwischen den Zeiten: Dort fährt man auf alten Ape, und zugleich benutzt man die modernsten Motorboote. Von draußen gleichen die Häuser prähistorischen Gebäuden, drinnen stehen wunderschöne Diwane, allerdings in Zellophan gehüllt. Es ist eine Welt in der Schwebe, zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Verblüfft hat mich auch die Entdeckung, dass die Bewohner von Lampedusa gern "fensterln" gehen. Wenn neue Touristen, fremde Leute auf der Insel ankommen, dann stellen sie sich nachts unter deren Fenster und beobachten ... Sie tragen dunkle Kleidung. Du siehst sie nicht, aber Du fühlst: da passiert irgendwas Merkwürdiges in der Nähe. Das ist eine wirkliche und sehr eigene Tradition, eine Art lokaler Sport, aber man sollte besser vorher darüber Bescheid wissen.

Frage: Welchen Stellenwert haben die USA an diesem Punkt Ihrer Karriere? Ist es das Land, in dem Sie sich niederlassen sollten oder eher eine Welt, in die man gelegentlich gern zurückkehrt?

Valeria Golino: In den USA werde ich jetzt als Schauspielerin wahrgenommen, nicht als Italienerin. Ich weiß nicht, ob ich zufrieden sein sollte mit meiner Karriere. Aber ich weiß zumindest, dass die Amerikaner mich heute nicht als Ausländerin, sondern als eine der ihren behandeln. Ich selbst habe mich entschieden, sowohl in den USA wie in Italien zu arbeiten, ohne auf eine der beiden Möglichkeiten zu verzichten, ohne "Amerikanerin" werden zu wollen. In dieser Wahl liegt meine Freiheit.

Valeria Golino in 'Lampedusa'
Valeria Golino in 'Lampedusa'
Valeria Golino in 'Lampedusa'
Valeria Golino in 'Lampedusa'

Dirk Jasper FilmLexikon

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