Interview mit Vanessa Jopp
Vanessa Jopp

Frage: Engel und Joe, der Straßenjunge und das Mädchen, das von zu Hause abhaut, erleben ihre erste große Liebe. Wieso ist diese Unbedingtheit, die ihre Gefühle für einander ausmacht, eigentlich fast nur bei einer ersten großen Liebe denkbar?

Vanessa Jopp: Man kann die wirklich große Liebe in allen Extremen natürlich auch dann erfahren, wenn man schon einige Lieben erlebt hat. Man kann auch mit 80 Jahren Liebe erkennen, dass die Beziehungen davor nicht das Wahre waren. Wenn man aber die erste große Liebe als Teenager erlebt, ist man eher bereit, alles andere unterzuordnen, weil das Gefühl so stark und übermächtig ist. Deswegen kämpft sich Joe auch immer wieder zurück zu Engel: Er ist ihr Lebensmittelpunkt.

Je älter man wird, desto mehr weiss man, was man im Leben will und geht dann weniger naiv und nicht so absolut in eine Liebe hinein. Engel und Joe denken in diesem Moment, dass sie nie jemanden anderen lieben werden. Sie denken, diese Liebe wird ewig so bleiben. Sie stellen diese Liebe nicht in Frage, ein Ende dieser Liebe ist außerhalb ihrer Vorstellung. Wenn man älter ist, hat man auch schon mehrere Leute geliebt. Man weiß einfach, dass Liebe sich ändert. Es ist wie bei Kindern, die keinen Begriff vom Tod haben. Sie wissen zwar, dass Menschen sterben, aber sie sind nicht in dem Bewußtsein, dass es auch ihnen geschehen wird. Auch bei der ersten großen Liebe ist man nicht in dem Bewußtsein, dass diese Liebe sterben kann. Das passiert anderen. Aber nicht einem selbst.

Frage: Die Story basiert auf einer Reportage des renommierten Journalisten Kai Hermann (Co-Autor von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"). Was hat Sie an der Geschichte interessiert und welchen persönlichen Bezug haben Sie zu ihr?

Vanessa Jopp: Nach Vergiss Amerika war mir, schon bevor ich auf die Geschichte von Kai Hermann gestoßen bin, klar, dass ich unbedingt die Geschichte einer ersten großen Liebe, einer Teenagerliebe, erzählen wollte. Das war so ein innerer Drang. Darüber hinaus wusste ich auch, dass ich diese Liebesgeschichte in einem eher härteren sozialen Milieu erzählen wollte, um eine existentielle Basis für diese Liebe zu schaffen, wo Fragen wie "Welches Handy kaufe ich mir?" nicht das Wichtigste sind. Es ging mir um das Aufspüren dieses überwältigenden Gefühls. Als ich auf das Drehuch stieß, war es für mich fast wie eine kleine Offenbarung. Denn es war genau das, wonach ich gesucht hatte.

Frage: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Kai Hermann beim Schreiben des Drehbuchs gestaltet?

Vanessa Jopp: Intensiv und spannungsgeladen. Also nicht immer ein harmonisches Miteinander, aber ein sehr produktives. Mit Kai Hermann und mir trafen zwei Menschen aus zwei Generationen aufeinander und ein Mann und eine Frau mit zwei völlig unterschiedlichen Backgrounds. Das heißt: Wir hatten mitunter extrem andere Sichtweisen. Auch wenn es um die Gefühle der Protagonisten ging. Das ergab kreativ fruchtbare Reibungsflächen, die für Funkenflug sorgten.

Frage: Worin lagen die besonderen Schwierigkeiten, die Reportage zu dramatisieren?

Vanessa Jopp: Wir wollten einerseits das Reportagenhafte nicht völlig verlieren, andererseits wollten wir einen Film machen und keine Dokumentation. Wir fanden also eine Filmstruktur, legten aber die Figuren authentisch und dokumentarisch an. Ich wollte keine "klassischen" Filmfiguren schaffen. Wenn Engel beispielsweise mehr und mehr den Drogen verfällt, funktioniert er nicht mehr als Identifikationsfigur und das ist richtig so. Trotz dieser dokumentarischen Nähe sind Engel und Joe natürlich andere Menschen geworden als Hexe und Zottel, wie die Straßenkids aus Hermanns Reportage heißen. Die Gesamtstruktur musste natürlich einem Drehbuch angepasst werden. Es gab gravierende Änderungen. Beispielsweise haben wir die Handlung von Berlin Alexanderplatz auf die Kölner Domplatte verlegt. Die Szene am Alexander Platz ist eine andere, auch eine härtere. Mit dem Locationwechsel haben sich auch die Personen geändert. Ich habe mich bei der Recherchearbeit ausschließlich auf die Kölner Szene bezogen und dementsprechend das Buch modifiziert.

Frage: Wie stark hängen Sie beim Drehen am Buch?

Vanessa Jopp: Das hängt vom Buch ab. Bei Engel & Joe war es mir wichtig, so authentisch und natürlich wie möglich zu inszenieren. Ich habe daher viel mit Improvisationen gearbeitet, was mit den jungen Darstellern sehr gut funktionierte. Außerdem kann es einem immer wieder passieren, dass eine Szene wie sie im Buch steht in der Inszenierung einfach nicht funktioniert. Dann muss man so lange daran arbeiten, anderes ausprobieren, bis sie auf dem Punkt ist. In Engel & Joe ist sehr viel im Film, was überhaupt nicht im Buch stand. Wir haben zwei Wochen vor Drehbeginn geprobt, davon eine Woche allein mit den Hauptdarstellern. Schon bei den Proben habe ich Improvisationen entwickelt.

Frage: Sie haben über ihre Hauptdarsteller Jana Pallaske und Robert Stadlober gesagt: "Ich habe zwei Schauspieler erlebt, die sich unglaublich mutig und bedingungslos in ihre Figuren und eine Szene fallen lassen."

Vanessa Jopp: Wir standen uns während des Drehs sehr nah. Ich war 100prozentig für die Darsteller da. Wir haben den Film wirklich gemeinsam gemacht. Wir hatten ein sehr enges, sehr vertrauensvolle Verhältnis. Ich habe ihnen vertraut, sie haben mir vertraut - sonst wäre der Film auch nicht so intim geworden. Vertrauen war die Grundvoraussetzung. Die beiden haben von sich aus unheimlich viel mit gebracht. Sie sind beide ungeheuer mutig an alles herangegangen.

Frage: Der Film schwankt emotional zwischen Extremen: Leidenschaft und Trauer. Angst und Lebensfreude. Wie sah ihr visuelles Konzept aus und wie haben Sie es mit Kamerafrau Judith Kaufmann erarbeitet?

Vanessa Jopp: Unsere Zusammenarbeit gestaltet sich so: Am Anfang steht für uns immer die Geschichte, dann erst die Bilder. Wir werden uns darüber klar, was man mit dem Film, der Szene, dem Moment erzählen will und entwickeln dazu die Bilder. Wir suchen nach der uns richtig erscheinenden Art, die Geschichte zu erzählen. Bei Engel & Joe war das zum Beispiel die Handkamera. Weil sie diesen dokumentarischen Look gibt, weil man den Figuren extrem schnell folgen kann. Wir wollten uns auf die Figuren einlassen und bei ihnen bleiben und nur in sehr wenigen Momenten Distanz schaffen. Generell schwebte uns ein harter, authentischer Look vor, viele Neonröhren, viel Beton. Die Welt in der Engel und Joe leben, ist sehr grau, sehr hart. Die ganzen Originaldrehorte spiegeln diese Härte wider: Ihr Treffpunkt, der Teufelsbrunnen, die Unterführungen, ihre Schlafplätze, alles ist hart, grau, dreckig. Dazu kommt ihre Liebe - ein ungeheuer starker Kontrast. Dabei suchen sie auch diese Härte, wollen dem Mief ihrer Eltern entkommen.

Frage: Michael Beckmann, der für den Soundtrack verantwortlich ist, hat Musik als "emotionale Heimat" besonders für Jugendliche beschrieben. Wie haben Sie Musik und Bilder auf einander abgestimmt?

Vanessa Jopp: Beim Musikkonzept war uns wichtig, für die Liebesgeschichte eine eigene Ebene zu finden. Akustisch also zu spiegeln, was das Bild zeigt: Zwei finden sich, lieben sich unheimlich - aber auf hartem Beton. Deswegen haben wir ein Liebesthema gesucht, das etwas Sphärisches hat, weil es der Übersinnlichkeit, dieser Größe der Gefühle entsprechen musste. Im Gegensatz zu der harten Punkmusik und anderen harten Songs.

Frage: Welche Bedeutung für die Geschichte hat Engels Bekenntnis zum Punk?

Vanessa Jopp: Für mich steht Punk in diesem Film für "Straßenkinder". Punk hat als gesellschaftliches Phänomen nicht mehr die politische Bedeutung wie in den Sechziger und Siebziger Jahren. Punk steht hier für Engels Sehnsucht nach Anarchie und Rebellion. Dabei will er sich nicht nur - wie die historischen Punks - von der bürgerlichen Welt absetzen. Sondern beispielsweise auch von den rassistischen Skinheads, den "Glatzen". Darüber hinaus verbindet Engel mit dem Bekenntnis 'Ich bin Punk' seine persönliche Vorstellung von Coolness und von Spaß. Verrückt zu sein. Er sagt damit 'Hallo, hier bin ich. Guckt mich an.' Dabei geht das weit über die simple Provokation hinaus. Engel meint damit nicht nur: Seht mich an. Sondern auch: Guckt richtig hin. Wer wie Joe und seine Freunde richtig hin guckt, findet den Menschen. Wer glotzt, sieht nur die Verkleidung.

Frage: Haben Sie filmische Vorbilder?

Vanessa Jopp: Ja, Lars von Trier und David Lynch. Beide sind Genies. Sie haben keine Angst, sie machen, was sie wollen. Sie lassen sich nicht auf kommerzielle Schienen pushen. Ich bewundere sie, weil sie konsequent und mutig ihren Visionen folgen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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