Interview mit Volker Schlöndorff
Volker Schlöndorff Volker Schlöndorff über Palmetto

Frage: Waren Sie bereits vor "Dumme sterben nicht" mit James Hadley Chase vertraut?

Volker Schlöndorff: Den haben wir in den 60er Jahren geradezu verschlungen. Ich mag, dass bei ihm feste Versatzstücke immer wieder auftauchen. Vor allem ist da der Held, der moralisch nicht sehr gefestigt und im Grunde ein Monument an Schwäche ist, jeder Versuchung erliegt. Er wird nun einer doppelten Versuchung ausgesetzt: der Gier aufs Geld und der Gier auf die schöne Frau. Für mich ist das neu: Meine anderen Helden wurden - so wie ich - bisher immer eher von Ideen verführt. Palmetto bedeutete für mich, wenn Sie es so nennen wollen, eine Verjüngungskur, eine Reise zurück in die Jugend.

Frage: Warum hat es so lange gedauert, bis Sie einen Genrefilm inszeniert haben?

Volker Schlöndorff: In Wiesbaden bin ich damals in Kinos gegangen, die Apollo und Walhalla heißen, um mir Filme anzusehen, die man als Schund und Schmutz bezeichnete: amerikanische Krimis. Als ich in Frankreich zur Schule ging, nannte man Krimis "Serie noire" und sie genossen ein ungleich höheres Ansehen. Ich selbst konnte als Regieassistent von Jean-Pierre Melville an einigen Thrillern mitarbeiten. Das Trauma, ein Deutscher zu sein, den Ballast der deutschen Geschichte mit mir zu tragen, hielt mich aber davon ab , als Regisseur selbst solche Genrestoffe zu versuchen . Wenn ich Filme mache, so dachte ich, dann gibt es einen moralischen Imperativ, der mir abverlangt, eher die Gesellschaft als die Unterhaltung zu bedienen. Noch während wir "Der Junge Törless" drehten, nahm ich mir dennoch vor, als zweiten Film einen Krimi zu drehen. Es war Mord und Totschlag, doch bald merkte ich, dass mir Literatur mehr lag.

Frage: Dennoch gab es vor Palmetto noch weitere Versuche, doch einen Genrefilm zu drehen.

Volker Schlöndorff: Ich stieß immer wieder auf Krimis. Ein halbes Jahr meines Lebens habe ich damit verbracht, "Red Harvest" von Dashiell Hammett zu entwickeln. Das ging bis zur Motivsuche und der dritten Drehbuchfassung. Krimis waren mir nie ganz fremd. Letztlich wurde ich vom Zufall eingeholt. Seit "Mord und Totschlag" im Jahr 1966 hatte mich Horst Wendlandt immer wieder bedrängt, doch einmal einen Krimi mit ihm zu drehe n. Er war es, der mir "Dumme sterben nicht aus" von James Hadley Chase zu lesen gab ich gab ihm mein Okay. Meine Auflagen waren eigentlich nur, das der Film in Amerika spielt und dass ein amerikanischer Autor das Drehbuch schreibt.

Frage: Wie sind Sie an den Stoff herangegangen?

Volker Schlöndorff: Uns war bewußt, dass man die Geschichte aus Filmen wie "Double Indemnity" bis "Body Heart" bestens kannte. Palmetto konnte also nur die Variation einer Variation sein. Darin liegt aber auch der Spaß des Films, denn auch der Zuschauer wird mitspielen, und wir müssen ihn trotzdem aufs Glatteis führen. Ironie spielt eine große Rolle, denn es ist ein Spiel mit dem Genre, ein Fun-Movie, dessen Versatzstücke auch dem Zuschauer bekannt sind: Wir setzen das Puzzle nur anders zusammen.

Frage: Wie eng hielten Sie sich an die Vorlage?

Volker Schlöndorff: Wir übernahmen dieses gewisse Gefühl der 50er Jahre, obwohl der Film in der Gegenwart spielt, die wir aber so zeitlos wie möglich gestalteten. In den Handlungsverlauf haben wir dagegen massiv eingegriffen. Hätten wir uns eng an Chase gehalten, wäre der Film nach der Hälfte sehr vorhersehbar geworden. Max hatte zahllose neue Ideen, die Handlungsschraube immer noch ein Stück weiter zu überdrehen. Geblieben ist auch der typische Held der Chase-Bücher: ein Mann, der einerseits seine moralischen Skrupel, andererseits auch seine Schwächen hat. Er bringt sich aus hundertprozentig eigenem Verschulden in den Schlamassel hinein und versucht, sich im zweiten Teil der Geschichte, da wieder hinauszuwinden. Er glaubt irrigerweise, er sei schlauer als er es ist.

Frage: Da bietet es sich an, wenn man einen Film mit einem Helden wie Harry Barber macht.

Volker Schlöndorff: Der Held ist im Grunde ein Antiheld, der zwar merkt, dass es sich nicht lohnt, anständig zu sein und deshalb wie alle anderen versucht, auch ans schnelle Geld und die Frauen zu kommen. Dann aber entdeckt er, dass er für die Kriminalität nicht begabt ist und andere ihm in punkto Skrupellosigkeit bei weitem überlegen sind. Diese Typen haben Tradition im Film noir: Früher wurden sie von Richard Widmark gespielt, diese Unhelden, die moralisch entgleisen, obwohl man spürt, dass er im Grunde doch ein guter Kerl ist. Das sind Figuren, die mich reizen, weil sie mir sehr wahr vorkommen. Selbst wenn Harry mit dem Rücken an der Wand steht, lügt er wie gedruckt und leugnet, leugnet, leugnet, obwohl er doch sehen muss, dass ihm das niemand abkauft. Das empfinde in als eine sehr männliche und sehr komische Haltung.

Frage: Warum haben Sie die Idee fallenlassen, den Film in Schwarzweiß zu drehen?

Volker Schlöndorff: An Schwarzweiß habe ich nur kurz gedacht, als wir überlegten, den Film den 50er Jahren spielen zu lassen. Als das vom Tisch war, wollte ich das genaue Gegenteil: Mir schwebte der Stil der alten Universal-Krimis vor, bei denen fast immer Russell Metty Kameramann war. Der Nahm sich die Freiheit, das Licht nicht realistisch zu setzen wie andere das zu dieser Zeit getan haben: Bei Metty kam von links plötzlich ein blaues Licht und von rechts ein gelbes. Mit dem Einsatz von Primärfarben erzeugte er eine ganz unverwechselbare Stimmung. Wenn man in Florida dreht, bietet sich das ohnehin an. Palmetto sollte seht schrill und schräg wirken, wie man das eigentlich nur bei Videoclips sieht. Alles, was ich mir in meiner Karriere bislang aus ästhetischen Gründen verboten hatte, war diesmal erlaubt - bei den Schauspielern , bei den Kostümen, bei der Fotografie. Wenn man einen Film noir in Farbe dreht, dann sollte er auch sehr grell sein.


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