Interview mit Xavier Naidoo

"Der Film schockiert und fasziniert auch."

Der deutsche Soulsänger Xavier Naidoo spricht die Synchronstimme von "Buscapé" in dem Film City of God.

Frage: City of God ist ganz außergewöhnlich durch das Nebeneinander von Schönheit und Härte. Was hat dich besonders fasziniert?

Xavier Naidoo: Der Film hat eine wunderbare Art und Weise, dir Realität zu verkaufen, die logischerweise keine ist. Es sieht erst mal so aus, als wäre das ein Tag, der einfach so mitgedreht wurde. Fast dokumentarisch. Aber dann merkt man ziemlich schnell die Schönheit und dass man in etwas hineingesogen wird.

Frage: Die Authentizität des Filmes schockiert erst mal.

Xavier Naidoo: Er schockiert und fasziniert auch. Man nimmt an der Freude der Menschen teil und in der nächsten Sekunde wird jemandem ins Bein geschossen. Und da merkt man, wie nahe alles beieinander liegt.

Frage: Was denkst du über die brasilianischen Favela-Kinder?

Xavier Naidoo: Sie sind sehr pragmatisch. Viele Dinge passieren aus reinem Überlebensdrang, und wenn es nicht der Überlebensdrang ist, dann ist es eben ein jugendlicher Leichtsinn, der zu dem verhelfen soll, was du nicht hast oder was deiner Familie das Leben sichert.

Und dadurch werden gewisse Dinge eben nicht mehr so hoch geachtet, und das endet in einem Leben, das nicht mehr so hoch geachtet wird.

Frage: In dem Film stellt sich klar die Frage nach Ethik und Moral. Gerade bei deiner Figur.

Xavier Naidoo: Man sieht bei Buscapé die Versuche, in das Milieu abzurutschen, die er aus Verzweiflung startet. Und genauso am Zufall festgemacht ist seine andere Karriere.

Die hängt ja am seidenen Faden. Mal kriegt er eine Kamera und dann wird sie ihm wieder abgenommen. Man hofft für ihn, man kann es ihm aber auch nicht übel nehmen, wenn er dann ins Milieu reinrutscht.

Frage: Worin unterscheidet sich Buscapé von den anderen?

Xavier Naidoo: Er hat ein anständiges Hobby. Er kann damit Schönheit einfangen, Momente einfangen. Er hält sich an etwas fest, das nicht total unwahrscheinlich ist. Aber für einen Jungen aus seinem Viertel fast unerreichbar.

In seinem Herz lodert für die Fotografie eine ähnlich hohe Flamme wie für die Frauen, denen er immer wieder begegnet. Die anderen haben diese Leidenschaft nicht.

Frage: Kids aus den Favelas haben mir erzählt, dass dort zu Leben gar nicht so schrecklich wäre. Dass sie dort Freundschaft finden und Brasilien einfach lieben.

Xavier Naidoo: Ich war in Brasilien, auch in Rio de Janeiro. Mich erinnert es einfach an Südafrika. Auch ein wunderschönes Land. Dort fährt man auch vom Flughafen erstmal eine dreiviertel Stunde an Slums vorbei.

Ich kenne Soweto - dort habe ich Familie und natürlich weiß ich, dass es dort wunderschöne Familienfeste gibt. Mit wunderbarem Essen und zwei, drei dicken Tanten, die dich in ihren Brüsten verstecken. Aber das Leben ist sehr reduziert auf das Grundleben der Familie.

Frage: Du hast dich ja entschieden Buscapé zu sprechen, hast du lange darüber nachgedacht, das zu tun?

Xavier Naidoo: Nein, ich hab nicht lange nachgedacht. Ich habe kurz darüber nachgedacht, ob ich mir das zutraue. Ich war bei Probeaufnahmen in Mannheim und da habe ich mir überlegt, wenn ich spüre, das ist nichts, dann kann mir das auch niemand Schönreden. Aber dann haben wir uns das angeschaut, und ich konnte mir das vorstellen.

Frage: Als Sänger ist die Stimme ja dein Metier. Da muss die Herausforderung ja nicht so groß gewesen sein, oder hast du es als etwas ganz anderes empfunden?

Xavier Naidoo: Das ist ein Trugschluss. Das Schauspielerische ist das Schwierige. Erzählen gut und schön - aber ich muss ja eine Figur spielen.

Frage: Was ist das Herausragende an dem Film? Warum würdest du ihn empfehlen?

Xavier Naidoo: Mein Lieblingsfilm ist Léon - Der Profi, da kommt er auf jeden Fall hin. Er ist brasilianisch - viele der Hauptdarsteller sind Jungspunde, Piefkes. Er hat eine gemeine Ästhetik - er hat alle Raffinessen und Fingerfertigkeiten - das finde ich super.

Frage: Das ist ein guter Punkt, denn wenn man an Kids in Favelas denkt, meint man, das könnte eine graue Milieu-Studie sein, und das ist der Film überhaupt nicht.

Xavier Naidoo: Natürlich geht man mit mehr Wissen über die Slums nach Hause aber es ist trotzdem sehr unterhaltsam.

Frage: Was ist für dich die schönste Szene?

Xavier Naidoo: Die Party-Szene ist cool. Ich finde aber auch die Szene, als er zur Redaktion der Zeitung geht, als ihm seine Bilder abhanden gekommen sind, sehr tragisch und komisch.

Frage: Der Film regt schon zum Nachdenken an.

Xavier Naidoo: Ich habe eine gewisse Machtlosigkeit verspürt, als ich in Rio war. Ich habe da einen kleinen, lebensfrohen Jungen kennen gelernt, der mit uns Fußball gespielt hat, den hätte ich am liebsten mitgenommen, denn er kam jeden Tag zurück, und ich habe gewusst, er hat kein Zuhause. Ich habe aufgehört, diese Machtlosigkeit zu empfinden. Denn ich kann zumindest versuchen, in Mannheim Dinge zu verändern.

Frage: Wie gefällt dir als Musiker die Filmmusik?

Xavier Naidoo: Die Musik hat eine andere Geschwindigkeit, im Unterschied zur europäischen. Nur zu vergleichen mit Drum and Bass.

Frage: Wie würdest Du jemandem City of God beschreiben? Was ist das für ein Film?

Xavier Naidoo: Ich werde in meiner üblichen Überzeugungskraft versuchen, Leute davon zu überzeugen, dass sie sich den Film anschauen sollen, weil sie so was noch nicht gesehen haben.

Xavier Naidoo
Filmplakat
Xavier Naidoo
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Dirk Jasper FilmLexikon

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