Interview mit Alan Rickman
"Ich mag Geschichten über besessene Leute."
Frage: Sie spielen den Kaufmann Antoine Richis. Was können Sie uns über Ihren Filmcharakter erzählen?

Alan Rickman: Am bedeutsamsten ist wohl, dass er Vater einer Tochter ist. Eigentlich ist er sogar für Laura Vater und Mutter, da seine Frau gestorben ist. Als reicher Kaufmann lebt er ein durchaus privilegiertes Leben in einem großen Haus.

Aber der wesentlichste Charakterzug ist, dass er sich allzu beschützend vor Laura stellt. Wie sagt er immer: ?Sie ist alles, was ich habe!?

Frage: Was geschieht im Laufe der Handlung mit seiner Tochter?

Alan Rickman: Alles, was im Film passiert, hat mit der Geschichte von Grenouille zu tun. Richis wird die Hauptfigur allerdings erst am Ende persönlich treffen. Bis dato weiß er nur, dass es in seiner näheren Umgebung einen Serienmörder gibt, der schöne junge Mädchen tötet.

Und da Richis? Tochter ebenfalls eines der schönsten Mädchen der Stadt ist, vermutet er ? und ganz zu Recht ?, dass seine Tochter in großer Gefahr schwebt. Und so wird er in gewisser Weise zu einer Art Sherlock Holmes.

Die anderen einflussreichen Männer der Stadt machen angesichts der drohenden Gefahr lediglich einen Riesenwirbel. Nur Richis gebraucht seinen Kopf und versucht, die unbekannte tödliche Macht zu überlisten.

Frage: Haben Sie Verständnis für die seltsame Neigung eines Grenouille, unter allen Umständen den alles entscheidenden Duftstoff zu finden?

Alan Rickman: Eigentlich ja, nur wird es spätestens dann kritisch, als Grenouille deswegen zum Mörder wird. Hier wird es für einen Menschen unmöglich, diese Neigung zu rechtfertigen.

Aber ich denke, dass man ganz allgemein versuchen sollte, sich gerade auch bei Serienmördern in deren Psyche zu versetzen, um zu verstehen, warum sie so und nicht anders reagieren. Andernfalls würde uns solch ein Mensch unverständlich bleiben.

Sicherlich prägt auch die Gesellschaft einen Täter. In unserer Geschichte handelt es sich um jemanden, der als Baby allein gelassen und während seiner Kindheit missbraucht wurde. Also kann er gar nicht anders, als eine Neigung entwickeln, von der er als oberster Experte absolut überzeugt ist.

Dass ein Mensch, der wie Grenouille nur in seiner eigenen Wirklichkeit lebt, am Ende von einer fixen Idee besessen ist, überrascht mich daher eigentlich nicht.

Frage: Was hat Sie am meisten an diesem Stoff beeindruckt?

Alan Rickman: Da ich den Roman nicht gelesen habe, kann ich mich hier nur ans Drehbuch halten. Aber als ich hörte, dass Tom Tykwer diesen Stoff verfilmen wird, wollte ich sofort mitarbeiten.

Ich mag Geschichten über besessene Leute. (lacht) Und ich denke, dass Richis ? ähnlich wie Grenouille ? ebenfalls eine Art von Besessenheit zeigt, die er darauf richtet, seine Tochter vor dem unheimlichen Mörder zu schützen.

Frage: Waren Ihnen eigentlich Tom Tykwers bisherige Filme bekannt?

Alan Rickman: Natürlich, ich habe meine Hausaufgaben gemacht! (lacht) So gut wie jeder kennt "Lola rennt", nur "Der Krieger und die Kaiserin" habe ich verpasst. Und dann gibt es noch diesen wunderbaren Kurzfilm "True", den ich sehr gemocht habe.

Tom Tykwer ist ein bemerkenswerter Filmemacher, der nicht nur jeden Bildausschnitt kontrolliert, sondern gleich jede Millisekunde darin. Er hat es verstanden, jene kurze optische Kraft zu nutzen, die nur einen Lidschlag dauert, nämlich wenn das Auge geöffnet und dann gleich wieder geschlossen wird.

Diese rasante Technik ist Teil seiner Erzählweise. Als Schauspieler ist es darum immer wieder aufregend, wenn man sich einem solchen Filmemacher voll und ganz anvertraut.

Frage: Würden Sie ihn daher als Schauspieler-Regisseur bezeichnen?

Alan Rickman: Er ist sich sehr sicher in der Umsetzung dessen, was er sich ausgedacht hat. Jede Einstellung, jede Szene, ja den gesamten Film hat er bereits im Kopf. Das soll aber nicht heißen, dass dann keine Änderungen mehr möglich wären.

Er hat ein sonniges Gemüt, wie wir Engländer sagen. Und in diesem Business ist so etwas eher selten, vor allem bei einem Regisseur, auf dem wegen des Budgets und der begrenzten Produktionszeit ein so enormer Druck lastet.

Jemanden am Set zu haben, der selbst unter größtem Stress immer ein Lächeln parat hat, das ist schon etwas Besonderes und gibt den Mitarbeitern eine Menge Energie.

Frage: Und wie war die Zusammenarbeit mit Bernd Eichinger?

Alan Rickman: Ich würde sagen, Bernd Eichinger lebt mit der ständigen Gefahr, eines Tages wegen seiner Passion fürs Filmemachen schier platzen zu müssen.

Er geht dermaßen leidenschaftlich zur Sache, und jetzt, bei dieser enorm großen Produktion, tut er es erst recht. Aber er hat auch so stark für diesen Film gekämpft, so dass er eigentlich nur ein Erfolg werden kann.

Zudem habe ich beobachtet, wie einvernehmlich er und Tom Tykwer miteinander umgegangen sind, so dass sich Tom Tykwer massiv unterstützt fühlen konnte. Bernd Eichingers Präsenz war daher auch zu spüren, wenn er einmal nicht am Set weilte.

Frage: Die Filmdesigner haben vieles unternommen, um den Film so authentisch wie möglich wirken zu lassen. Zeitgenössische Möbelstücke wurden eingesetzt, Kostüme und andere Accessoires wurden extra nachgebildet. Wie haben Sie sich unter all diesen ?antiken? Stücken gefühlt?

Alan Rickman: Ich bin der Meinung, dass gerade die Designer einen unglaublich guten Job gemacht haben. Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass während des Drehs alles um uns herum ein wenig anders ausgesehen hat, als man es dann auf der Leinwand sehen wird.

Vor allem der in Barcelona nachgebaute Fischmarkt sah entsetzlich aus mit all diesem Abfall. Und einen Kameraschwenk weiter befand man sich dann plötzlich in diesem wundervollen Haus mit dem schönen Marmorfußboden, in dem Richis und Laura wohnen.

Die Designer haben nur noch die Wände anmalen müssen, unglaublich wertvolle alte Möbel hineingestellt, und schließlich mit dieser ganz speziellen Art von Kinomagie dafür gesorgt, dass ein faszinierter Zuschauer sich fragen wird: ?Wem gehört eigentlich dieser bezaubernde Ort??

Es war alles da, was ein reicher Mann im 18. Jahrhundert benötigte: eine schöne Terrasse für die Geburtstagszene und nebenan ein Labyrinth, in dem Laura verloren gehen konnte. Das war absolut ein kleines Wunder!


September 2006. Quelle: Constantin Film. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich.
Alan Rickman. Foto: Constantin Film
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Infokasten:

Alan Rickman ist der Darsteller des Antoine Richis in der deutschen Kinoproduktion Das Parfum, die am 14. September 2006 in den deutschen Kinos startet.


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Rachel Hurd-Wood, Alan Rickman. Foto: Constantin Film
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Filmplakat. Foto: Constantin Film
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Alan Rickman über die Beziehung von Antoine Richis zu seiner Tochter:
 
Alan Rickman über Grenouilles Suche nach dem perfekten Parfum:
 

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