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Interview mit Albert Hammond "Nein, ein Favorit, das geht nicht. Denn alle Songs sind mir wichtig." |
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Frage: Albert
Hammond, eine wirklich sprachlos machende Statistik besagt, dass
Albert Hammond als Songschreiber an Platten beteiligt war, die bis
heute weltweit über 360 Millionen mal verkauft wurden
...
Albert Hammond: Ja, da haben sie mal ein bisschen recherchiert und gesagt, schaut mal, der Typ hat wirklich ein paar Platten verkauft ... Vermutlich haben sie mir deshalb den OBE (Order Of The British Empire) zugesprochen, den mir die Queen 2000 umgehängt hat.
Albert Hammond: Nun, ich tue dies ja schon seit den 60ern, also über rund 5 Dekaden, und wenn man da kontinuierlich Erfolg hatte, kann so eine Zahl schon mal zusammenkommen ? zumal da meine Songs ja nicht nur von einem Künstler gesungen wurden. ?The Air That I Breathe? zum Beispiel wurde über 500 mal gecovert. ?When I Need You? wurde in der Version von Celine Dion allein 38 Millionen mal verkauft. Und das ist dann nur ihre Version. So kommen die Songs und die Millionen zusammen. Und da sind die Orchesterversionen noch nicht mal dabei. Was soll ich sagen? Ich bin ein ganz normaler Typ, der gerade völlig in seinem neuen Album aufgeht. Das ist meine Antwort darauf. Frage: Es ist auch von ungeheurer Ironie, dass einige Ihrer erfolgreichsten Songs zunächst auf Ihren Solo-Alben auftauchten, die teils bei Ihren Plattenfirmen alles andere als wohlgelitten waren ... Albert Hammond: Ja, CBS zum Beispiel versenkte tatsächlich dieses Album von mir, auf dem die Originale von ?When I Need You?, ?To All The Girls I've Loved Before? und ?99 Miles To LA? zu finden waren. ?Wir hören keine Hits?, hieß es. Also kam es in den Giftschrank, bis Leo Sayer mit ?When I Need You? eine No.1 hatte. Und dann haben sie's als so eine Art Johnny Mathis-Verschnitt rausgebracht. Es gab viele Enttäuschungen und irgendwann sagte ich mir: Da verbringe ich die Zeit doch lieber mit meinem Sohn und meiner Frau statt wieder auf Tour für dumm verkauft zu werden. Abgesehen von der Familie lag darin auch der Grund, warum ich einstweilen ganz aufhörte: Ich war wütend auf das Geschäft und auf die Welt. Frage: Ein anderer großartiger Song, zu dem Sie auf nicht ganz gewöhnliche Weise beigetragen haben, ist ?Creep? von Radiohead ... Albert Hammond: Ja. Ich bin ja nicht der Verleger von ?The Air That I Breathe?, ich besitze nur das Copyright des Autoren. Doch Rondor, der Musikverlag, beschloss, dass ?Creep? sich bei ?The Air That I Breathe? bedient und verklagten Radiohead. Und die Band gab tatsächlich zu, dass sie das getan hatten, sie waren da wirklich bemerkenswert ehrlich. Und weil sie so ehrlich waren, ging es vor Gericht auch nicht bis zum Letzten. Wir holten uns nur ein bisschen was wieder. Frage: Was hat Sie zuallererst bewogen Songs zu schreiben? Albert Hammond: Ich fing mit neun an, da hab' ich eine Platte nur für Gibraltar gemacht. Die hab' ich immer noch und wenn ich das heute höre, kann ich nicht glauben, dass ich damals so gesungen habe. Es ist die pure Stimme eines Chorknaben. Frage: Ihre Songs beschreiben stilistisch einen ungeheuer großen Bogen. Haben Sie Genres, die Sie favorisieren? Albert Hammond: Mein liebstes ist das, was ich jetzt gerade tue. Und dann wahrscheinlich noch meine ersten beiden Alben und dazu ?It Never Rains In Southern California? und ?Free Electric Band?. Aber ich schreibe natürlich auch gern R'n'B-Songs, die, zum Beispiel, eine Aretha Franklin aufnimmt. Oder Country-Songs, die Glen Campbell, Johnny Cash und Willie Nelson aufnehmen. Oder Rock-Songs für Steppenwolf. Und daneben Sachen, die Josh Groban und Carreras interpretiert haben. All' diese Fragen sind toll, aber für mich ist alles immer ein Mysterium geblieben. Ich bin nur ein einfacher Typ aus einer armen Familie, der in Gibraltar damit anfing, dann über Marokko und Spanien nach London kam, und sich dann ? als in derselben Woche drei Songs in der UK-Top Twenty waren ? entschloss nach Amerika zu gehen. Ich hätte ja in England bleiben und dort gut mein Leben leben können, aber ich dachte, da muss es noch mehr geben für dich da draußen, also ging ich in die USA. Mann, das sind Fragen, die ich nur schwer beantworten kann. Frage: Auf jeden Fall haben Ihre Songs sehr viele Facetten, vom Kinderreim-Humor in ?Gimme Dat Ding? und ?I'm A Train? über große Balladen wie ?When I Need You? und ?One Moment In Time? bis zu sozialen und politischen Statements ... Albert Hammond: Ich habe einfach viel zu sagen. Und weil ich nicht der Typ bin, der mit einem Transparent auf die Straße geht, kann ich das nur mit meinen Songs und Platten sagen. Dies sind meine Gefühle, und so gebe ich sie der Welt da draußen. Ich hab' zum Beispiel gerade einen Song über meinen Sohn geschrieben, den ich noch nicht aufgenommen habe. Und als ich den für meinen Manager gespielt habe, hat er angefangen zu weinen. Frage: Die ganzen Fakten über ihre Erfolge als Songschreiber, Künstler und Produzent erzählen ja auch nur einen Teil der Geschichte. Liest man zwischen den Zeilen, ist es offensichtlich, dass Sie sehr viel Glück hatten, Ihnen aber auch die andere Seite nicht fremd ist ... Albert Hammond: Oh ja. Aber das trifft ja auf alle zu. Man muss kein Superstar oder was auch immer sein, um das auch zu kennen. Mein Vater, ein Feuerwehrmann, kennt sich auch damit aus. Bei einer Explosion auf Gibraltar starben mal 12 Freunde von ihm, er überlebte. Wenn ich mir mein Leben anschaue und das, was ich erreicht habe, dann kann ich mich wahrscheinlich zu den glücklichsten Typen auf diesem Planeten zählen ? wenn es auch schlechte Momente gab. Aber wenn es die nicht gäbe, dann wüsste man ja gar nicht um den Unterschied zu den glücklichen und guten. Was mir am wichtigsten ist, wenn es darum geht, mein Leben da draußen darzustellen: Dass ich bei allem immer derselbe geblieben bin. Ich fühle mich immer noch wie dieser ziemlich normale Typ in den Straßen von Gibraltar. Wenn ich auf dem Boden schlafen muss, dann tue ich das. Was immer ich tun muss, ich werde es tun. Und das ist auch ok so. Frage: Haben Sie einen Lieblingssong von sich? Albert Hammond: Das ist nicht zu beantworten, auch weil es ja ein Song sein könnte, von dem noch kaum jemand gehört hat, weil er einst auf irgendeinem obskuren Album untergetaucht ist. Nein, ein Favorit, das geht nicht. Denn alle Songs sind mir wichtig. Wissen Sie was Songs tun? Und zwar die guten wie die schlechten? Sie führen dich. Du brauchst den guten Song um dich gut zu fühlen ? und wenn du einen schlechten erwischst, kannst du dir sagen: Gee, ich sollte besser wieder einen guten schreiben! Was dich wieder zum nächsten guten Song führt. Klar, ich liebe ?The Air That I Breathe?, ?It Never Rains In Southern California?, ?One Moment In Time?, aber ein Favorit? Nein ..., ich liebe sie alle! Frage: Vielleicht anders: Welcher Ihrer Songs ist der einflussreichste in Ihrem Leben? Albert Hammond: Klingt vielleicht blöd, darauf mit ?Little Arrows? zu antworten. Aber das war mein erster großer Hit, mein erster Millionenseller. Aber mehr noch ?It Never Rains In Southern California?, der nicht nur meine Solo-Karriere startete, sondern sie auch gleich etablierte. Gewiss, einer meiner wichtigsten Songs und bestimmt sehr einflussreich. Nicht nur, weil es ein toller Song ist, der in gewisser Weise auch meine Lebensgeschichte erzählt, sondern auch weil da alles zusammenkam: Der Künstler, der Produzent, der Songschreiber. Da stimmte einfach alles, ich war zur richtigen Zeit mit dem richtigen Song am richtigen Platz. Sonst wäre es für mich vielleicht langsam bergab gegangen. Frage: Was hat Sie denn zu diesem Song inspiriert? Albert Hammond: Er wurde in London geschrieben, bevor Mike (Hazlewood, sein langjähriger Kreativpartner) und ich nach Los Angeles gingen. Wir wussten schon, dass wir gehen werden, und ich hatte Mike erzählt, wie ich damals in Spanien anfing. Wie ich auf den Bahnhöfen nach Geld fragte, weil ich nichts mehr zu essen hatte und meinen Eltern nichts davon erzählen wollte. Mein Cousin war damals gerade in den Flitterwochen, er kam aus dem Bahnhof und sah mich, und ich wusste nicht mal, dass er das ist und fragte ihn auch nach Geld. Und er sagte: Du solltest dich schämen! Ich werd's deinem Vater erzählen. Und ich sagte: Bitte nicht! Er wird verrückt spielen und mich hier wegholen! Also nahm mich mein Cousin mit in sein Hotel. Ich nahm ein Bad, er gab mir saubere Klamotten und ein bisschen Geld. Und ich zog weiter. Aber er hat es natürlich meinem Vater gesagt. Und daher kommen auch diese Zeilen in dem Song wie ?Will you tell the folks back home I nearly made it?? und all' das Zeug. Das war halt diese Phase in meinem Leben, als ich kämpfte, als ich versuchte, es zu schaffen. Versuchte von Marokko nach Spanien zu kommen, von Spanien nach England, von England nach Amerika. Dieser Kampf, den du da bestreitest, das ist ?It Never Rains In Southern California?. Frage: Welchen Rat haben Sie für Jemanden, der im Musikgeschäft seinen Lebensunterhalt bestreiten will? Albert Hammond: Nun, wenn du erstmal angefangen hast, bist du im Kreis. Und den darfst du nie verlassen! Wenn du ihn verlässt, wirst du es nie schaffen. Und selbst wenn du es innerhalb des Kreises nicht schaffst, hast du doch dein Bestes versucht. Also höre nie auf, es zu versuchen, gebe nicht auf und glaube einfach an deine Songs, auch wenn es der Rest der Welt gerade nicht tut. Das ist meine Botschaft. Frage: Wie ist es, einen Sohn zu haben, der nicht nur Musiker ist, sondern ein erfolgreicher obendrein? Albert Hammond: Oh, ich bin natürlich der stolzeste Vater der Welt. Ich freue mich einfach so für ihn, weil es das ist, was er machen wollte. Als er noch sehr jung war, machte ich mir Sorgen um ihn, denn er hatte einfach keinen Rhythmus ? auch wenn er als Roller-Skater bis aufs Podest schaffte. No. 3 in den USA, von sieben bis elf, und im Westen war er sogar die Nummer Eins. Aber irgendwie kein Rhythmus, dachte ich. Also schleppte ich ihn in diese Show ?Buddy? im Victoria Palace in London. Auch, weil ich in den frühen 70ern dort selbst noch gespielt hatte. Und als wir dann später wieder in dem Appartement waren, das ich damals in London hatte, sagte er: Zeig' mir ein paar dieser Akkorde, ich möchte sie liebend gern kennen lernen. Also zeigte ich ihm drei Akkorde und sagte: Damit kannst du fast alle Buddy Holly-Songs singen. Er verbrachte den Rest der Nacht mit den drei Akkorden und am nächsten Morgen um 9 weckte er mich und begann, mir diese Songs vorzusingen. Das war der Anfang. Ich bin ein stolzer Vater. Er ist ein unglaublicher Junge mit einem großen Herzen, und ich werde immer für ihn da sein, solange ich hier bin, egal, was auch immer ist. Frage: Wie und mit welchem Instrument schreiben Sie Songs? Albert Hammond: Manchmal Gitarre, manchmal Klavier, manchmal ganz ohne Instrument. Dann kommt einfach irgendwas. Manchmal nehme ich einen Song, den ich am Klavier geschrieben habe, und mache einen Gitarren-Song draus, wenn sich das besser anfühlt. ?It Never Rains In Southern California? ist ein Beispiel dafür. Frage: Schreiben Sie in einem bestimmten Arbeitsrhythmus, nach einem Zeitplan? Albert Hammond: Nein, so ein Regiment funktioniert nicht für mich. Die Inspiration muss da sein. Was nicht heißt, dass ich nicht sagen kann: Heute schreibe ich mit dem und dem und nicht inspiriert werde. Aber manchmal dauert's dann halt drei Stunden bis es soweit ist und dieses unerklärliche Ding herauskommt. Das genau ist es. Letzte Nacht saß ich bis drei Uhr morgens ? und hatte gleich sechs tolle Ideen. Und ich dachte: Wo verdammt kommt das jetzt her? Aber die Antwort kenne ich nicht. Frage: Wenn Sie mit einem Co-Autoren schreiben, wer macht dann was? Albert Hammond: Es ist immer eine Kombination, aber meist schreibe ich die Musik. Und dafür habe ich immer einen Titel und eine Idee. Diese Sachen kommen dann immer mit der Musik. Manchmal habe ich einen Refrain und eine Strophe, aber eigentlich bin ich faul! Leo und ich setzen uns hin wie ich es früher mit Mike Hazlewood gemacht habe. Mike sagte ich zum Beispiel: Schau, ich hab' gerade in St. Louis dieses Mädchen getroffen, sie heißt Rebecca, war mal ein Playboy-Häschen und sonst ziemlich dumm. Ich stellte mir dann vor, wie es ihr wohl in Los Angeles ergehen würde, und zusammen kamen wir dann langsam auf den Text. Und so ähnlich lief es dann jetzt auch mit Leo für ?Revolution Of The Heart?. Frage: Sie haben mit so vielen und den besten Co-Autoren geschrieben. Können Sie da einen Favoriten nennen? Albert Hammond: Weiß nicht. Mochte sie alle. Aber vielleicht Mike Hazlewood doch ein bisschen mehr. Er war nicht nur ein Co-Autor für mich, sondern auch ein Partner, ein Freund, und das über 45 Jahre. Frage: Welche Absichten verfolgt ein Songschreiber? Albert Hammond: Meine Absicht ist es, ein Anliegen verständlich zu machen, und damit, hoffentlich, die Leute mit ins Boot zu holen, die sich auf den Song einlassen. Derselbe Song kann ja für zehn verschiedene Leute zehn verschiedene Dinge bedeuten. Ich hoffe nur, dass ich den Leuten etwas geben kann, was sie woanders nicht finden. Wie soll ich das erklären? Mein Leben mit der Musik ist eine Freude und ich werde das hier ewig tun. Auch wenn ich manchmal eine längere Pause brauche, so schreibe ich doch immer noch Songs. Ich versuche einfach, in die richtige Richtung zu gehen und den Leuten ein paar Träume zu geben. Frage: Was ist ein Geschenk für einen Songschreiber? Albert Hammond: Ein Typ kam mal zu mir und sagte: Ich habe geheiratet zu ?When I Need You?. So etwas gibt mir wirklich einen Kick. Es geht nicht um die zehn Millionen Alben, die verkauft werden. Klar, das ist auch schön, aber nicht das, was mir einen Kick gibt. Es ist diese menschliche Geste. Dass da jemand kommt und fragt, ob ich den Song geschrieben habe, und dann erzählt er, wie er sich zu diesem Song in dieses Mädchen verliebt hat, das jetzt seine Frau ist, und wie ihre Kinder mit dem Song aufwuchsen, weil er ihnen erzählt hat, was dieser Song ihren Eltern bedeutet. Das ist das Geschenk. Nicht die Gold-Platte und das viele Geld. Ich habe nie an Geld gedacht, wenn ich geschrieben habe. Ich war nur so froh, dass ich das tun und sie für Leute spielen konnte. Und wenn die Leute dann eine Träne im Auge hatten, weil es ein trauriger Song war, oder ein Lächeln im Gesicht, weil es ein fröhlicher Song war ? dann war genau das mein Leben. Und genau das gab mir auch selbst ein großartiges Gefühl. |
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