Interview mit Andy Tennant
"Ich wollte näher an der Vorlage und den echten Personen bleiben."
Frage: Warum haben Sie sich nach den erfolgreichen Leinwand-Adaptionen von 1946 und 1957 dazu entschlossen, Anna Leonowens´ Tagebücher erneut zu verfilmen?

Andy Tennant: Ich weiß, dass ich ein gewisses Risiko eingegangen bin, weil der Stoff so bekannt ist und auch als Broadway-Musical schon überaus erfolgreich war. Aber auch bei Auf immer und ewig rieten mir alle ab, da ja angeblich jeder die Aschenputtel-Geschichte kennt und sie nicht noch einmal im Kino sehen will. Weit gefehlt - warum sollte also Anna und der König nicht funktionieren.

Frage: Es muss aber doch auch noch andere Gründe gegeben haben?

Andy Tennant: Natürlich. Ich liebe zwar die Version mit Yul Brynner und Deborah Kerr, aber sie ist doch sehr kitschig, eindimensional und in gewisser Weise auch rassistisch. Ich habe in meinem Film versucht, realistischer zu sein, ich wollte Siam zeigen wie es damals war, die politischen Hintergründe des Stoffes transparent machen. Kurzum, ich wollte näher an der Vorlage und den echten Personen bleiben.

Frage: Politische Stoffe sind in Hollywood aber schwer zu verkaufen.

Andy Tennant: Richtig. Deshalb habe ich meinen Film ja an der Liebesgeschichte aufgehängt. Eine sehr erwachsene Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, denen es durch Zeit und Umstände nicht vergönnt ist, miteinander glücklich zu sein - ähnlich wie Emma Thompson und Anthony Hopkins in "Was vom Tage übrigblieb". Heutzutage könnte ein König doch jederzeit eine Bürgerliche heiraten.

Frage: Wie nahe sind Sie mit Ihrem Film an Leonowens´ Tagebüchern geblieben?

Andy Tennant: Wir haben sehr viel geändert und hinzugefügt. Heute weiß man nämlich, dass Leonowens in ihren Aufzeichnungen übertrieben, ja sogar gelogen hat. Interessanterweise aber mehr über ihre Vergangenheit, derer sie sich wohl geschämt hat, und ihren Mann als über ihre Zeit am Hofe von König Mongkut.

Frage: Wann haben Sie mit der Arbeit zu Anna und der König begonnen?

Andy Tennant: Im Frühjahr 1998. Ich war für die Musikaufnahmen zu Auf immer und ewig gerade in London, als mir das Projekt angeboten wurde. Im Juli bekam ich dann das Drehbuch und wir begannen mit dem Umschreiben, Besetzen und all den anderen Vorbereitungen, etwa der Suche nach den geeigneten Drehorten.

Frage: ... die sie in Malaysia fanden. Haben Sie nie daran gedacht, in Thailand selbst zu drehen?

Andy Tennant: Wir haben es zwar versucht, waren uns aber ziemlich sicher, dass wir keine Drehgenehmigung bekommen würden.

Frage: Warum?

Andy Tennant: Alle Versionen von Anna und der König sind in Thailand verboten. Bei den früheren Filmen kann ich das wegen der Darstellung des Königs vielleicht sogar verstehen. Bei unserer Version ist das Verbot hingegen nicht nachvollziehbar. Chow Yun-Fat ist der erste Asiate, der Mongkut spielt, wir hatten Thai-Historiker als Berater. Wir gaben uns wirklich alle Mühe.

Frage: Woran hat denn letztendlich das Thai Film Board das Verbot ihres Films festgemacht?

Andy Tennant: Daran, dass Kinder den König berühren. Meiner Ansicht nach pure Willkür. Trotzdem wird unser Film dank der Video- und DVD-Piraterie, wie schon seine Vorläufer, unter den Thailändern überaus populär werden.

Frage: Wieviel Budget stand Ihnen zur Verfügung und wie lange haben Sie gedreht?

Andy Tennant: Rund 75 Millionen Dollar. Nicht viel im Vergleich zu, sagen wir, Speed 2. Die reine Drehzeit betrug sechs Monate und wir haben sechs Tage die Woche gearbeitet. Dazu muss man noch sagen, dass wir nur vor Ort und nicht einen Tag im Studio gedreht haben.

Frage: Ihr Produzent Lawrence Bender hat bisher hauptsächlich Filme wie Pulp Fiction, Jackie Brown, From Dusk Till Dawn und zuletzt Good Will Hunting verantwortet. Was hat ihn denn an Anna und der König gereizt?

Andy Tennant: Natürlich war Larry im Gespann mit Quentin Tarantino überaus erfolgreich, aber genauso wie ich interessiert er sich nicht nur für eine Art von Filmen. Wir haben uns am Set des öfteren sehr darüber amüsiert, dass allein die Catering-Kosten von Anna und der König höher waren, als das Gesamtbudget eines bisherigen Tarantino/Bender-Films.

Frage: War Jodie Foster eigentlich Ihre erste Wahl für die Anna?

Andy Tennant: Ehrlich gesagt, nein. Chow Yun-Fat war bereits an Bord, was ich großartig fand, weil er eine ungeheuer erotische Ausstrahlung hat. Ich habe ihn als Actionhelden in den verschiedenen John-Woo-Filmen schon immer bewundert.

An Jodie hatten wir zunächst gar nicht gedacht, weil sie gerade ihr Kind zur Welt gebracht hatte. Wir gingen davon aus, dass sie nicht mit einem Säugling nach Fernost reisen würde. Aber weit gefehlt. Sie hat das Skript gelesen und sofort zugesagt - nicht zuletzt wegen der Möglichkeit, an der Seite von Chow Yun-Fat zu spielen.

Frage: Was hat Sie bei der Herstellung dieses Films am meisten belastet?

Andy Tennant: Ohne Frage die überaus schwierigen Dreharbeiten. Am liebsten wäre ich jeden Morgen einfach im Bett geblieben. Jeden Tag gab es neue Schwierigkeiten. Die Regenfälle überfluteten unsere Bauten, ja schwemmten sie geradezu weg. Die Moskitos waren unerträglich, Jodie fiel und brach sich ein paar Rippen, ich brach mir die Hand, ein Elefant setzte sich auf ein Auto ... Alles, was nur schiefgehen konnte, ging auch schief.

Frage: Haben Sie ihr gesamtes Personal und Material aus den USA mitgebracht?

Andy Tennant: Nein, absolut nicht. Arbeiter und Handwerker haben wir vor Ort engagiert. Wir importierten 15 Meilen Stoffe aus Thailand, um die Kostüme zu schneidern. Wir beschäftigten 1300 Arbeiter aus neun verschiedenen Ländern, die die Sets wegen des ewigen Regens aus echten Materialien nachbauten. So verbauten wir etwa rund 1400 Quadratmeter Marmor.

Frage: Sie erzählen Ihren Film für heutige Verhältnisse ungeheuer konventionell.

Andy Tennant: Mit Absicht. Wir haben bewusst eine ganz lineare, klassische Erzählform gewählt, um das Publikum ebenso langsam an den ungewöhnlichen Stoff heranzuführen, wie Jodie Foster an den für sie fremden König. Außerdem erzählen wir drei Geschichten. Die der Lehrerin, die politische und die der Konkubine, die ihre alte Liebe nicht vergessen kann. Bei drei Erzählsträngen sollte man, glaube ich, möglichst einfach erzählen.

Frage: War dieser Film schwieriger zu realisieren als Ihre bisherigen, etwa "Herz über Kopf"?

Andy Tennant: Nein. Zunächst sind Komödien immer schwerer zu machen als Dramen. Also war es insofern sogar leichter. Lassen sie es mich lieber so ausdrücken: Alle Filme sind gleich schwer zu realisieren. Sie entstehen Bild für Bild, Sequenz für Sequenz. Ist man gut vorbereitet, hat man ein gutes Buch und ein gutes Team, dann kann nur noch wenig schiefgehen.

Andy Tennant. Foto: 20th Century Fox

Andy Tennant ist der Regisseur des Films Anna und der König.

Filmplakat
Andy Tennant über die Anziehungskraft des Projektes:
Andy Tennant über die emotionalen Momente:
Andy Tennant über Chow Yun-Fat:

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Quelle: 20th Century Fox © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken