Interview mit Anna Valle
"Als Filmpartnerin habe ich mich jeden Tag auf sie gefreut."
Frage: Bist du zum ersten Mal in Deutschland?

Anna Valle: Ja, und ich bin von den Leuten hier absolut positiv überrascht. Man sagt, die Deutschen seien im Vergleich zu den Italienern hart. Ich empfinde das überhaupt nicht so und hatte, im Gegenteil, sehr viel Spaß. Natürlich mussste ich mich an die Kälte gewöhnen - und an das Essen.

Frage: An was konkret?

Anna Valle: Ich esse nur frische Sachen, meistens ohne Saucen. In Deutschland wird alles mit Sauce gegessen. Lobend erwähnen musss ich allerdings deutsche Butter und Spätzle. Von denen werde ich mir auch einige nach Italien mitnehmen.

Auf dem Oktoberfest habe ich Bier und Brathendl probiert und genossen. Außerdem haben mir die großen Parks sehr gut gefallen, genauso wie die Tatsache, dass man hier so gut Fahrrad fahren kann. Das geht in Rom natürlich nicht, da wäre man ziemlich schnell tot.

Frage: Über deinem Lebenslauf prangt wie ein Stempel dein Titel "Miss Italia 1995". Ist dir das bewusst?

Anna Valle: In Italien gab es deswegen anfangs ein paar Vorurteile. Auch ich bekam Aversionen, mittlerweile stehe ich aber voll und ganz dazu. Das alles kommt mir schon sehr lange her vor - als ob ein erfahrener Schauspieler auf seinen ersten Film vor 20 Jahren zurückblickt.

Wenn die Leute in Italien heute über mich sprechen, dann geht es meistens um Fernseh-Projekte wie die RAI-Kultserie 'Commesse', in der ich eine Verkäuferin spielte.

Frage: Wie wurdest du Schauspielerin?

Anna Valle: Nach dem Miss Italia-Wettbewerb habe ich zunächst eine Schauspiel-Schule besucht. Es folgten einige Filme für die RAI. Für die Rolle der Laura in 'AEON' hat mich die RAI als koproduzierender Sender empfohlen. Anfangs wußte ich gar nicht, dass meine Kassette gesichtet wurde. Das war angenehm stressfrei.

Nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, war es für mich keine Frage mitzumachen. Meine Vorstellung von Schauspielerei ist: Alles musss von Herzen kommen. Das konnte ich in meiner bisherigen Arbeit zum Glück immer verwirklichen.

Frage: Ist der "AEON"-Dreiteiler auch Herzens-Sache?

Anna Valle: Klar, schließlich wollte ich als Kind immer Astronautin werden, habe pausenlos mit dem Teleskop die Sterne betrachtet.

Frage: Also hat man dich für die falsche Rolle eingekauft?

Anna Valle: Nein, die ist nur der erste Schritt dahin. Ich spiele jetzt die Geliebte eines Astronauten, und im zweiten Schritt werde ich zum Mond fliegen.

Frage: Erfüllst du überhaupt die körperlichen Voraussetzungen für einen Flug ins All?

Anna Valle: Momentan wäre ich dafür wohl ein bischen zu dünn und schwach, aber als Schauspieler hat man ja die einmalige Gelegenheit, mehrere Leben gleichzeitig zu leben. Ich werd's schaffen!

Frage: Welche Erfahrungen - positiv wie negativ - gab es beim Dreh?

Anna Valle: Die paar Probleme, die es gab, hat Angelika, meine Übersetzerin, gelöst. Selbstverständlich habe ich nicht jeden witzigen Spruch oder Kommentar am Set mitbekommen. Ganz besonders hat mir der Geist am Set imponiert.

Meine Schauspielkollegen, Regisseur Holger Neuhäuser, der Kameramann und ich haben besonders schwierige Szenen stets in der Gruppe gelöst.

Frage: Welche Unterschiede gibt es zum Dreh in Italien?

Anna Valle: Auf Unterschiede zwischen deutschen, italienischen, französischen oder englischen Sets möchte ich gar nicht eingehen. Es geht eher darum, dass man am Set in einem fremden Land sich selbst viel mehr hinterfragt.

Frage: Wie siehst du deine eigene Rolle der Journalistin Laura?

Anna Valle: Laura ist eine sehr schöne, intelligente und auch sehr ironische Frau, die um ihre Wirkung weiß. Sie ist es gewohnt, dass man ihr nichts abschlägt. Allerdings kennt sie viele verschiedene Arten, ihr Opfer zu umkreisen. Chris zum Beispiel beißt erstmal nicht an, aber ihr gefällt das Spiel.

Frage: Schön, klug und ironisch also. Bist du auch ironisch?

Anna Valle: Ich habe viel von Laura gelernt. Das ist das große Glück der Schauspieler: Man gibt der Rolle etwas, merkt aber auch, dass die Rolle in einem etwas wachrufen kann, wovon man nichts ahnte.

Frage: Aus Weltraumfilmen kennt man dieses berühmte Bild, dass die Frau des Astronauten in den Himmel schaut und sich ihrem Mann ganz nah fühlt.

Anna Valle: Ja, Laura macht das auch. Aber sie fühlt auch, dass er herunterschaut.

Frage: Glaubst du auch an einen Gott, der auf uns herunterschaut?

Anna Valle: Ich glaube, dass es einen Gott gibt. Ob der katholisch oder buddhistisch ist, kann ich nicht sagen. Aber ich weiß, dass es eine große Kraft gibt, die alles kreiert hat. Es gibt jemanden, der alles sieht und mit dem ich, seit ich klein bin, auch spreche.

Frage: Im Film bleibt offen, was "AEON" genau ist: eine Art Gott, eine Energie. Was hast du dir darunter vorgestellt?

Anna Valle: 'AEON' ist für mich eine Kraft, die besteht, eine sehr schöne Kraft. Aber sie ist nicht da, um schön zu sein, sondern sie IST einfach - unkonkret und unvorstellbar. Eine korrekte Antwort auf die Frage, was 'AEON' ist, gibt es also nicht, und das ist gut so.

Das zeichnet den Film aus. Ganz oft kann man selbst menschliche Gefühle nicht erklären. Da ist es ganz unmöglich, so etwas Ungreifbares, Unsichtbares wie 'AEON' zu erklären.

Frage: Welche drei Dinge bzw. Menschen würdest du in den Weltraum mitnehmen?

Anna Valle: Die Essenz der Liebe der Leute, die mich umgeben und die mir wichtig sind. Und da das mehr als drei Leute sind, eben die Essenz. Zweitens die Musik. Und schließlich mich selbst, und zwar komplett.

Was ich damit sagen will: In manchen Alltags-Situationen existiert man nur mit dem Kopf, manchmal nur mit dem Bauch oder dem Körper, aber ein Teil fehlt immer. Und ich möchte mich selbst komplett mitnehmen, um alles andere zu spüren, was ich da mitnehme.

Frage: Hast du Geschwister?

Anna Valle: Ja, mein älterer Bruder ist Polizist auf Elba, meine Schwester und meine Mutter leben in Sizilien.

Frage: Wie wichtig sind sie für dich, und was denken sie über das, was du machst?

Anna Valle: Für mich sind diese Personen sehr wichtig, auch, dass sie einen normalen Beruf haben. Sie wissen nicht genau, was es heißt, am Set zu sein. Aber das ist vielleicht auch ganz gut, weil sie mich, ohne das zu wissen, auf der Erde halten und vermeiden, dass ich wie ein Astronaut plötzlich 'auf den Mond fliege'.

Frage: Hast du Vorbilder?

Anna Valle: Es gibt keine Vorbilder. Das einzige Vorbild, das man haben kann, ist man selbst. Aber ich bewundere Leute wie Jeremy Irons, Liv Tyler und Brad Pitt. Aber nicht, weil er so gut aussieht, sondern zuerst, weil er ein toller Schauspieler ist.

Natürlich sieht man als Zuschauer seine Schönheit, aber gleichzeitig registriert man auch unbewusst immer, ob jemand ein guter Schauspieler ist oder nicht. Sonst würde er nicht ankommen.

Frage: Welches Verhältnis hast du zu deinem Äußeren?

Anna Valle: Sicherlich ist es mir wichtig, gut auszusehen, dafür tue ich auch viel. Brigitte Bardot hat einmal gesagt, die Schönheit ist etwas, das du irgendwann zurückgeben mussst. Wahre Schönheit, und das ist nicht einfach so dahergesagt, kann aber nur funktionieren, wenn dahinter ein Licht ist.

Frage: Du hast erzählt, dass du gleich zu einem Modetermin nach Italien weiterfliegst. Wird es auch in Zukunft solche Termine geben?

Anna Valle: Das hängt von den Angeboten ab. Vielleicht sind die in ein paar Jahren nicht mehr so attraktiv. Natürlich hat das auch damit zu tun, wie stark ich mit meiner Arbeit als Schauspielerin ausgelastet bin. Mein Privatleben ist mir sehr wichtig.

Wenn ich für die Modetermine auch noch permanent meine Wochenenden opfern musss, dann höre ich damit auf.

Frage: Wir haben beinahe das Jahr 2000. Was verbindest du mit diesem Datum?

Anna Valle: Die runde Zahl kennzeichnet das Ende und den Anfang von etwas, deshalb zieht sie die Menschen so an. Sie löst kleine Adrenalinstöße aus und setzt in ihnen Ideen für die Zukunft frei. Das ist wie ein Spiel: Was wäre, wenn ...

Für mich hat das Datum keine besondere Bedeutung. Manche Leute sagen ja, die Welt würde dann untergehen - wieder mal.

Frage: Was wird im Jahr 2100 in deiner Biographie stehen?

Anna Valle: Dio mio! Ich hoffe, da steht über mich: 'Das Mädchen, das seine Träume nicht verrät'.

Anna Valle. Foto: Susie Knoll / Sat.1

Anna Valle, 24, spielt die Rolle der Journalistin Laura in dem SF-Film AEON - Countdown im All, der vom 23. bis 25. Januar 2000 jeweils um 20.15 Uhr in Sat.1 läuft.

Nicht nur Schauspielerkollege Bernhard Bettermann war begeistert von Anna Valle, die sich in AEON - Countdown im All als Journalistin Laura in den Astronauten Chris Sanders verliebt.

Sie ist Sternzeichen Zwilling, "Miss Italia 1995", aber vor allem Italienerin.

Ihr einnehmendes Wesen führte dazu, dass sich "Buongiorno" innerhalb kürzester Zeit als Morgengruß am Set von AEON - Countdown im All etablierte.

Das Interview führte Jörg Kanzler.

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