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Interview mit Antje Diller-Wolff "Die perfekte Schwangere für eine Hebamme ist die, die keinen Ratgeber liest!" |
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Frage: Wie
kommt es, dass Sie ein Buch über Hebammen geschrieben
haben?
Antje Diller-Wolff: Bei meiner Arbeit als Journalistin habe ich etliche Sozialreportagen über junge Mütter gedreht: Mädchen, die mit 14 schwanger werden, junge Frauen, die mit 18 das zweite Kind erwarten und im Mutter-Kind-Heim das Muttersein schwer trainieren müssen.
Plötzlich schimpften sie über unsägliche Arbeitsbedingungen, nervige Schwangere und zeigten eigene Bedürfnisse, Ängste, Ärger und Frust, aber auch viel Zynismus, und sprachen interessante Gedanken aus, die kaum einer Schwangeren oder Mutter klar sein dürften. Ich war gefesselt - so eine intime Einsicht in diesen Beruf gab es für die Öffentlichkeit nicht. Ich begann, Hebammen zu interviewen, und gewann eine ganz neue Sichtauf Themen rund um Schwangerschaft und Geburt. Niemand sonst kann einen Wandel in den Familien und in der Gesellschaft so gut beschreiben. »Alle meine Babys« ist ein Porträt unserer Gesellschaft in der jetzigen Zeit. Frage: Sie sind selbst Mutter - welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit Hebammen gemacht? Antje Diller-Wolff: Ich hätte keinen Geburtsvorbereitungskurs ertragen, in dem mein Mann meinen Bauch hätte bunt anmalen müssen. Außerdem brauchten wir es etwas strenger und gleichzeitig auch lustiger. Ich finde, man darf lachen rund ums Thema Schwangerschaft, es handelt sich doch nicht um ein bierernstes Drama. Mein Mann sprach gern vom »Elefantenturnen«. Mir war beispielsweise wichtig, auch mit Baby voll stillend zu arbeiten. Ich brauchte Tipps, wie ich das Prozedere mit Abpumpen und Milcheinfrieren optimal organisieren konnte. Auch war mir wichtig, mein Sportprogramm zu besprechen und zu erfahren, wie schnell ich nach einem Kaiserschnitt wieder zum Kickbox-Training gehen konnte. Meine Hebammen waren frech, einfühlsam, geradeheraus, sportlich und hatten eigene Kinder. Für mich waren sie die perfekte Hilfe. Frage: Was sind das für Frauen, die Hebammen werden? Antje Diller-Wolff: Frauen, die selbstbestimmt arbeiten möchten. Und Frauen, die die Geburtsbedingungen für Schwangere durch ihre eigene Arbeit verbessern möchten. Ihr Ziel ist es, Frauen zu ermöglichen, wieder mehr auf sich und ihren Körper zu hören. Eine Schwangere sollte nicht erst im Ratgeber nachschlagen müssen, wenn eine Hebamme sie fragt, wie es ihr gehe. Hebammen geben den Frauen Selbstbewusstsein mit auf den Weg. Frage: Gibt es auch Männer, die sich für diesen Beruf interessieren? Antje Diller-Wolff: Wenige. Es wird auch unter den Hebammen nicht so gern gesehen, wenn sich Männer in diese Frauendomäne einmischen. Der einzige Entbindungspfleger in Deutschland, Jens Unger aus Dresden, den ich für mein Buch interviewt habe, wird immer wieder stark von Berufskolleginnen kritisiert. Er hat eine Praxis mit seiner Frau zusammen, die ebenfalls Hebamme ist. Die beiden sind ein sehr gutes Team. Frage: Was muss eine Hebamme alles können? Antje Diller-Wolff: Sie muss vielseitig sein! Und gute Nerven haben: Eine Hebamme ist auch Sozialarbeiterin, Paar- und Familientherapeutin, Sportlehrerin, Psychologin, Ernährungsberaterin und Stillexpertin. Sie trifft auf Frauen und Männer in ihren verletzlichsten Stunden. Da ist wenig Zeit für Floskeln und Allgemeinweisheiten: Da ist sofortiges Verstehen der Situation gefragt-und natürlich schnelles Reagieren mit der erforderlichen Hilfe. Frage: Spezialisiert sich eine Hebamme in der Regel auf eine besondere Art von Geburtshilfe? Antje Diller-Wolff: Wenn sie in der Klinik arbeitet, entbindet sie Frauen bei Spontangeburten und assistiert beim Kaiserschnitt. Andere Hebammen betreuen Frauen ausschließlich bei Geburten im Geburtshaus oder bei Hausgeburten. Es ist eine Entscheidung aus Überzeugung, ob man die eine oder die andere Arbeitsmethode wählt. Für manche ist es auch eine rein wirtschaftliche Entscheidung, ob sie frei arbeiten oder sich für eine Festanstellung in der Klinik entscheiden. Die stark gestiegenen Haftpflichtprämien, die den Hebammen ihre Arbeit so kostspielig machen, werden in der Klinik vom Arbeitgeber übernommen. Freie Hebammen müssen sie selbst tragen. Frage: Wie wird man Hebamme? Antje Diller-Wolff: Die Ausbildung dauert drei Jahre. Eine abgeschlossene Ausbildung zur Krankenschwester oder Kinderkrankenschwester kann mit einem Jahr angerechnet werden. Die Ausbildung besteht aus mindestens 1600 theoretischen Unterrichtsstunden und mindestens 3000 praktischen Ausbildungsstunden. Die praktische Ausbildung findet im Kreißsaal, auf der Wochenstation, im Kinderzimmer, auf der Gynäkologischen Station und im OP des Ausbildungskrankenhauses statt. Zusätzlich sind externe Einsätze in der Kinderklinik und zumeist auch bei einer freiberuflichen Hebamme vorgesehen. Die Ausbildung endet mit der staatlichen Prüfung, welche aus einem schriftlichen, einem mündlichen und einem praktischen Teil besteht. Die bestandene Prüfung berechtigt zur Führung der Berufsbezeichnung »Hebamme«. Frage: Wie viele Hebammen gibt es in Deutschland? Und um wie viele Geburten kümmern sie sich? Antje Diller-Wolff: Momentan arbeiten 18.000 Hebammen in Deutschland, darunter ein Entbindungspfleger. Im Jahr kommen bei uns rund 665.000 Babys zu Welt. Aber längst nicht alle Hebammen leisten Geburtshilfe. Viele geben ausschließlich Kurse zur Geburtsvorbereitung oder Rückbildung oder kümmern sich nur um die Nachsorge. Frage: Wie viel verdient eine Hebamme? Antje Diller-Wolff: Rund 7,50 Euro erhält eine Hebamme pro Stunde dafür, dass sie oft Tag und Nacht in Bereitschaft lebt und die Verantwortung für Mutter und Kind während der Geburt trägt. Die Hebammen protestieren immer wieder gegen diese niedrige Entlohnung, doch bisher hatten sie keinen signifikanten Erfolg. Durch eine weitere Erhöhung der Haftpflichtprämie sind die Arbeitsbedingungen für freiberuflich tätige Hebammen mit Geburtshilfe noch schlechter geworden. Immer mehr geben ihren Beruf auf. Das sollte uns zu denken geben. Frage: Betreuen Hebammen sich selbst, wenn sie Kinder bekommen? Antje Diller-Wolff: Hebammen schalten im Moment der Schwangerschaft vom Hebammenmodus in den Schwangerenmodus. Sie sind dann einfach nur werdende Mütter, die plötzlich Dinge bei ihrer Hebamme nachfragen, die sie selbst in zahllosen Geburtsvorbereitungskursen anderen Müttern schon erzählt haben. Unter der Geburt brauchen auch sie eine Hebamme; sie unterscheiden sich also nicht von anderen Frauen. Manche berichteten mir sogar, dass sie noch nicht einmal aufs CTG geschaut hätten, obwohl sie es natürlich selbst hätten lesen können. Frage: Welche Verhaltensweisen von werdenden Müttern finden Hebammen nervig? Wie ist eine »Idealschwangere«? Antje Diller-Wolff: Hebammen mögen es nicht, wenn werdende Mütter glauben, dass die Hebamme rund um die Uhr auch wegen der unnötigsten Fragen ansprechbar ist. Von Notfällen spreche ich natürlich nicht, sondern zum Beispiel von Anrufen kurz vor Mitternacht, ob es schlau sei, mit dickem Bauch am nächsten Tag eine Radtour zu planen. Die perfekte Schwangere für Hebammen ist die, die keinen Ratgeber liest, sich nicht verrückt machen lässtvon Freunden und Verwandten, die auf ihren Körper hört und dann später aufs Baby. Die sich auf ihre Instinkte besinnt, über die alle Frauen verfügen. Frage: Hat jede Frau Anspruch auf Betreuung durch eine Hebamme? Antje Diller-Wolff: Jede Schwangere kann Vorsorgetermine mit einer Hebamme vereinbaren. Nach der Geburt haben Mutter und Kind bis zum 10. Tag nach der Geburt Anspruch auf mindestens einen täglichen Besuch durch die Hebamme. Bis das Kind acht Wochen alt ist, kann die Mutter bis zu 16 Mal die Hebamme um Rat und Hilfe bitten. Bei Stillschwierigkeiten oder Ernährungsproblemen kann die Mutter anschließend noch acht Mal Kontakt zu ihrer Hebamme aufnehmen. Weitere Besuche sind auf Verordnung eines Arztes möglich. Frage: Wie findet man eine gute Hebamme? Antje Diller-Wolff: Indem man früh an fängt zu suchen! Es gibt regionale Verzeichnisse von Hebammen, zum Beispiel auch über die beiden Hebammenverbände in Deutschland. Außerdem sollte man im Freundes- und Bekanntenkreis nachfragen und sich in örtlichen Familien- oder Mütterzentren oder beim Frauenarzt Empfehlungen geben lassen. Am Telefon gewinnt man einen ersten Eindruck, beim Treffen einen weiteren. Acht Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin ist die Auswahl nicht mehr so groß. Viele Frauen fragen die Hebamme, die den Geburtsvorbereitungskurs geleitet hat, ob sie auch die Nachsorge übernehmen könnten. Da herrscht dann bereits ein Vertrauensverhältnis. Frage: Eine Schwangerschaft im 21. Jahrhundert - wie sind werdende Mütter heute? Antje Diller-Wolff: Schlank, schön, fit, glücklich! Der Druck von allen Seiten ist immens. Zweifel oder Ängste offen zu äußern ist schwer. Die Freundin, die bereits Kinder hat, zuckt zusammen, wenn die Schwangere Phasen hat, in denen sie unsicher ist, ob jetzt tatsächlich der richtige Zeitpunkt zum Kinderkriegen gekommen ist. Der Mann, der selbstverständlich davon ausgeht, dass die Frau den Löwenanteil der Hausarbeit übernimmt, ist sicher nicht erfreut darüber, dass er jetzt kräftiger zupacken muss. In verschiedenen Situationen am Tag muss sich die Schwangere unterschiedlich geben: Bei der Arbeit darf sie nicht zu verklärt sein, bei den Freundinnen nicht zu sentimental, beim Freund nicht zu hysterisch, in der Clique muss sie immer noch hip sein und im Geburtsvorbereitungskurs sollte sie nicht zu cool rüberkommen. Das Leben einer modernden Schwangeren kann ganz schön anstrengend sein! Frage: Was wünschen Sie sich von Gesellschaft, Schwangeren und Müttern? Antje Diller-Wolff: Mehr Toleranz untereinander. Ich habe immer gearbeitet, was ich mir in meinem Beruf mit freier Zeiteinteilung zum Glück erlauben konnte. Als ich mit dem zweiten Kind schwanger war, musste ich mir oft anhören, dass ich jetzt aber mal spätestens nur Mutter sein musste. Mal ganz davon zu schweigen, welche Blicke ich mir zuzog, wenn ich mit Riesenkugel oder fünf Wochen altem Baby ins Fitnessstudio ging. Aber ich hatte in keiner Schwangerschaft Rückenschmerzen und war nach den Geburten sehr schnell wieder körperlich fit! Mein Sohn schlief neben mir, während ich turnte. Ich wurde fit und las Zeitung auf dem Crosstrainer. Das Problem daran habe ich nie gesehen. Mehr Flexibilität von Arbeitgebern. Es ist mittlerweile erwiesen, dass Mütter, die schnell wieder in den Beruf einsteigen, den Firmen viel Geld sparen. Wenn mehr Firmen dann auch noch Teilzeit- oder Heimarbeitsplätze ermöglichen, sind wir auf einem guten Weg. Auch hier gibt es zahllose Studien, die belegen, dass sich Mütter, denen diese Flexibilität ermöglicht wird, für den Arbeitgeber zerreißen und eher freiwillig Überstunden machen und auf Pausen verzichten, als auch nur eine Minute ungenutzt verstreichen zu lassen. Weniger Jammern von Müttern. Es ist in einigen Berufen möglich, sich und die Kinder selbst zu organisieren. Man kann Mütter-Netzwerke aufbauen, in denen man füreinander einspringt, wenn Kinder krank werden; man kann Babysitter oder Kinderfrauen installieren. Das Argument »Ich arbeite nicht, weil das Geld fast ganz für die Kinderbetreuung draufgeht« darf nicht ausschlaggebend sein. Langfristiges Denken würde ich mir von vielen Geschlechtsgenossinnen wünschen. Eine aus Leidenschaft arbeitende Mutter kann genauso ausgeglichen sein und die Zeit mit ihren Kindern richtig genießen. April 2011. Quelle: Schwarzkopf & Schwarzkopf. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich. |
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