Interview mit Arnd Longrée
"Die Ergotherapie unterstützt den Patienten in der Bewältigung seines Alltags."
Frage: Herr Longree, was genau ist Ergotherapie?

Arnd Longrée: Die Ergotherapie stellt die alltägliche Handlung des Menschen in den Mittelpunkt. Menschen, die durch Krankheit, Behinderung oder Verhaltensauffälligkeiten in ihrem Alltag eingeschränkt sind, bekommen Ergotherapie.

Bei Kindern steht vor allem die Entwicklungsförderung im Vordergrund. Dagegen dient die Ergotherapie bei Erwachsenen vor allem der Stärkung und dem Erhalt von Fertigkeiten, die etwa aufgrund von Erkrankungen beeinträchtigt wurden.

Frage: Was wird in der Ergotherapie gemacht?

Arnd Longrée: Die Behandlung ist sehr unterschiedlich und hängt stark vom jeweiligen Patienten ab. Zum Beispiel wird bei einem halbseitig gelähmten Schlaganfallpatienten das An- und Ausziehen geübt oder die Essenszubereitung. Ziel ist der weitestgehende Erhalt der Selbstständigkeit.

Ein anderes Beispiel: Ein depressiver Mensch wird sich durch die Rückbesinnung auf persönliche Interessen und Aktivitäten im Rahmen der Behandlung seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten langsam wieder bewusst.

Frage: Können Sie uns den Ablauf einer ergotherapeutischen Behandlung beschreiben?

Arnd Longrée: Zu Beginn steht ein ausführliches Gespräch, in dem die Vorgeschichte des Patienten erfasst wird. Es folgt eine genaue Untersuchung der Stärken sowie der alltagsrelevanten körperlichen und geistigen Probleme des Patienten. Daran schließt sich die gemeinsame Festlegung eines Behandlungsplans an.

Ein mögliches Ziel wäre, um noch einmal das Beispiel des Schlaganfallpatienten aufzugreifen, das selbständige An- und Ausziehen nach zehn Behandlungseinheiten.

Frage: Was ist der Unterschied zur Physiotherapie?

Arnd Longrée: Die Ergotherapie unterstützt den Patienten in der Bewältigung seines Alltags. Es geht also nicht darum, ob ich meinen Arm um 85 oder um 95 Grad strecken kann, sondern darum, ob ich trotz des geschädigten Arms mein Brot schneiden kann. Der Patient lernt in der Ergotherapie, seine Einschränkungen durch Handlungsalternativen zu überwinden.

Frage: Wie lange dauert die Behandlung Ihrer Erfahrung nach?

Arnd Longrée: In der Regel zwischen 30 und 60 Minuten. Die Dauer der gesamten Behandlung, im besten Fall bis zur Heilung, ist sehr unterschiedlich. Sie kann einige Wochen und auch Monate dauern, je nachdem mit welchen Einschränkungen und Störungen der Patient zu kämpfen hat.

Unser Beispiel Schlaganfallpatient: Während seines Klinikaufenthaltes bekommt er täglich eine halbe Stunde Ergotherapie. Liegen nach seiner Entlassung noch Einschränkungen vor, wird der Patient in der Ergotherapie-Praxis weiterbehandelt.

Die Dauer richtet sich immer danach, welche Probleme im täglichen Leben oder der beruflichen Tätigkeit noch vorliegen und für den Patienten von Wichtigkeit sind. Danach kann er auch trotz einer bleibenden Lähmung möglichst selbstständig leben.

Frage: Wer verordnet Ergotherapie?

Arnd Longrée: In Deutschland wird die Ergotherapie durch einen Arzt verordnet. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten.

Frage: ?Ergotherapie" und ?Spielen" werden oft in einem Atemzug genannt. Wird in der Ergothe rapie nur gespielt?

Arnd Longrée: Spielen ist bei Kindern eine grundlegende Tätigkeit. Über das Spiel kann soziales Verhalten erlernt und verbessert werden. Doch auch im Erwachsenenbereich kann Spielen vielen Menscher helfen. Wenn jemand etwa aufgrund eines Schlaganfalls Schwierigkeiten mit Aufmerksamkei und Ausdauer hat, kann dies zum Beispiel auch durch Spielen verbessert werden.

Frage: Ist Ergotherapie eine anerkannte und wissenschaftlich untermauerte Behandlungsform?

Arnd Longrée: Ergotherapie ist bereits seit Jahrzehnten ein anerkanntes Heilmittel und wird als solches ja auch von den Krankenkassen erstattet. Auch gibt es wissenschaftliche Studien, die die Wirksamkeit belegen. Dennoch ist die weitere Förderung der ergotherapeutischen Forschung ein erklärtes Zie unseres Berufsverbandes.

Frage: Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass es immer noch viele gibt, die mit dem Begriff Ergotherapie wenig oder gar nichts anfangen können? Physiotherapie und selbst Logopädie sind Behandlungsformen, die in der Öffentlichkeit weitaus besser bekannt sind.

Arnd Longrée: Ich denke, dass die Ergotherapie in den vergangenen Jahren schon deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Immer mehr Menschen kennen uns und unsere Arbeit. Manch einer tut sich mit der Behandlungsform vielleicht noch schwer.

In der Ergotherapie wird zum Beispiel gekocht und gebacken, mit Werkzeug gearbeitet etc., alles Tätigkeiten, die auf den ersten Blick gar nicht nach einer Behandlung aussehen. Das ist für viele sicherlich ungewohnt, dient aber dem Erhalt bzw. der Wiederherstellung von Lebensqualität und größtmöglicher Selbstständigkeit.

Arnd Longrée. Foto: Deutscher Verband der Ergotherapeuten e. V.

Arnd Longée ist Vorsitzender des Deutschen Verbandes der Ergotheraputen e. V. (DEV).

Trotz Schlaganfall wieder voll im Leben! Was ist Ergotherapie und wem hilft sie? Obwohl jährlich Hunderttausende mit unterschiedlichen Krankheitsbildern und Störungen in Praxen, Krankenhäusern und Altenheimen erfolgreich behandelt werden, ist Ergotherapie vielen immer noch fremd.

Arnd Longree, Vorsitzender des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten e. V. (DVE), sorgt für Aufklärung.

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