Interview mit Artur Brauner
"Es sind alle Elemente für einen erfolgreichen Film vorhanden."
Frage: Wie sind Sie auf den Stoff zu Der letzte Zug aufmerksam geworden?

Artur Brauner: Leider durch persönliche Erfahrung. Denn ich sollte ebenfalls in einem solchen Todeszug sitzen. Weil es nicht dazu kam, bin ich in der Lage Ihre Fragen zu beantworten?

Frage: Hat es diesen letzten Transport von Berlin nach Auschwitz tatsächlich so gegeben?

Artur Brauner: Ja, effektiv hat es den im Film gezeigten Transport von Berlin nach Auschwitz mit den 688 jüdischen, dem Tod geweihten Menschen gegeben.

Frage: Wie sehr beruft sich der Film auf historische Fakten?

Artur Brauner: Die Einzelschicksale sind teilweise erfunden, teilweise gab es sie tatsächlich ? abhängig von den je­weiligen Schicksalsverläufen.

Frage: Haben Sie am Drehbuch mitgewirkt?

Artur Brauner: Ja, ich habe am Drehbuch mitgewirkt. Es haben sich bei den Aufnahmen Situationen ergeben, die eine exakte Orientierung, wie im Drehbuch enthalten, irrelevant machten. Es sind, wie üblich beim Film, die entsprechenden notwendigen Veränderungen vorgenommen worden, die aber an der Dramaturgie nichts veränderten.

Frage: Wie sind Sie bei der Auswahl der Schauspieler vorgegangen?

Artur Brauner: Ich hielt die Schauspieler Gedeon Burkhard, Sibel Kekilli und Brigitte Grothum ganz eindeutig prädestiniert für die vorgezeichneten Rollen - und ich habe hundert Prozent Recht gehabt, sie sind alle großartig in ihrer darstellerischen Leistung.

Frage: Sie haben auch tschechische Schauspieler besetzt ? warum?

Artur Brauner: Wir haben tschechische Darsteller in den Film involviert, da es sich um eine deutsch-tschechische Co-Produktion handelt, obwohl der tschechische Partner einen Minoritätsanteil am Film aufweist.

Frage: Wo wurde gedreht?

Artur Brauner: Gedreht wurde in Prag und Umgebung. Außenaufnahmen sind in einem Vorort Prags realisiert worden.

Frage: Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert und wie hoch war das Budget?

Artur Brauner: Die Dreharbeiten dauerten über zwei Monate. Das Budget betrug um die 3,5 Millionen Euro.

Frage: Wie sind die Dreharbeiten verlaufen?

Artur Brauner: Ich war bei den Dreharbeiten einmal kurz anwesend. Sie gestalteten sich schwierig, da es sich um einen historischen Film handelt. Als besonders anstrengend erwiesen sich die Aufnahmen im Zug. Die Menschen waren ja in Viehwaggons eingesperrt und auf dieser Grundlage sollten die gesamten dramatischen Handlungen ablaufen.

Mit Anekdoten, wie man sie bei anderen Filmen etwa zu erzählen weiß, kann ich bei Der letzte Zug nicht dienen. Dazu ist das Thema viel zu ernst. Aber ich erinnere mich an einige fast dramatische Vorfälle, da bei einigen Darstellern sogar die Assoziation aufkam, dass es sich hier nicht um einen Film, sondern um die Wirklichkeit handelt.

Frage: Halten Sie Filme, die - wie Der letzte Zug ? die Vernichtung des Judentums während der Nazi-Herrschaft zum Thema haben, gerade auch in der heutigen Zeit für sehr wichtig?

Artur Brauner: Ich halte Protektion von Filmen, die die Vernichtung der Juden während der Nazi-Tyrannei beinhalten, wie es bei Der letzte Zug der Fall ist, gerade in unserer Zeit für besonders wichtig. Denn Menschen vergessen sehr schnell, insbesondere wenn es sich um Vorgänge handelt, die sie nicht direkt tangieren. Ich erlaube mir hier meine Meinung zu äußern, dass dieses Thema noch in 100 und mehr Jahren greifen wird.

Frage: Welche Reaktion erwarten Sie sich in Deutschland auf diesen Film?

Artur Brauner: Es ist schwer im Voraus zu sagen, welche Reaktion hier in Deutschland auf diesen Film erfolgen wird. Aber eines ist sicher: Der Film ist sehr gut inszeniert, er bewegt den Zuschauer bis in die Tiefen seiner Seele, die Schauspieler brillieren, und die Kamera und Musik tun das Übrige.

Es sind alle Elemente für einen erfolgreichen Film vorhanden, es sei denn, das Thema wird vom deutschen Publikum wiederum nicht ausreichend honoriert. Aber wir wollen hoffen, dass es in diesem Fall anders sein wird. Und wir haben es erlebt, dass Filme dieser Art auch sehr angenommen werden, wie zum Beispiel bei ?Hitlerjunge Salomon? und Die Spaziergängerin von Sans-Souci. Und ganz besonders bei Schindlers Liste.

Frage: Sie haben schon einige Filme mit ähnlicher Thematik realisiert. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Artur Brauner: Die künstlerischen, die politischen und die menschlichen Erfahrungen bei ähnlich gelagerten Filmen waren äußerst positiv, die finanziellen dagegen enttäuschend.

Frage: Glauben Sie, dass Der letzte Zug das Bewusstsein für diese Thematik bei der Jugend schärfen kann? Kann ?Kinounterhaltung? überhaupt Botschaften vermitteln?

Artur Brauner: Ich hoffe, dass der Film nicht nur bei der Jugend entsprechenden Anklang finden wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass besonders die mittlere und ältere Generation sich für diesen Film interessieren dürfte. Ich bin überzeugt, dass jeder Zuschauer, der diesen Film sehen wird, ihn niemals vergisst.

Frage: Was halten Sie von Filmen wie Sophie Scholl - Die letzten Tage und Der Untergang?

Artur Brauner: Den Film Sophie Scholl - Die letzten Tage halte ich für gelungen und wichtig. Dagegen den Film Der Untergang für ambivalent.

Frage: Wie beurteilen Sie denn den Status Quo in Deutschland? Können sich unsere jüdischen Mitbürger in Deutschland im Jahre 2006 sicher fühlen? Sicherer als noch vor zehn, zwanzig Jahren? Oder hat sich der Zustand wieder verschlechtert?

Artur Brauner: Ich bin nicht der Meinung, dass sich die jüdischen Mitbürger im Jahre 2006 unsicherer fühlen oder fühlen sollten, als vor zehn, zwanzig Jahren. Denn vor zehn, zwanzig Jahren stand es mit der Sicherheitskomponente in Deutschland nicht zum Besten.

Und damit meine ich nicht etwa den physiologischen Hooliganismus der Neonazis, sondern eher das Verhältnis zu den jüdischen Mitbürgern, das sich mit viel mehr Gefühl und Verbundenheit hätte darstellen können - was leider nicht geschah.

Frage: Schauen Sie optimistisch in die Zukunft?

Artur Brauner: Ja, denn ich bin jemand, der das halbleere Glas immer als halbvoll bewertet. Und zwar im Sinne einer Zukunft, die durch Hoffnung gesegnet werden soll.

Frage: Sie haben so viele Filme gemacht - haben Sie einen Lieblingsfilm?

Artur Brauner: Natürlich hat man Lieblingsfilme. Bei mir wären es viele. Diejenigen, die mir am meisten am Herzen liegen, sind ?Hitlerjunge Salomon?, ?Babij Jar?, ?Von Hölle zu Hölle?, Der letzte Zug, ?Der 20. Juli? sowie ?Der brave Soldat Schwejk? und ?Old Shatterhand?.

Frage: Warum haben Sie für dieses Projekt Joseph Vilsmaier als Regisseur ausgewählt?

Artur Brauner: Joseph Vilsmaier hat u. a. ?Comedian Harmonists? und ?Schlafes Bruder? inszeniert. Zwei ? vom Genre her ? total verschiedene Filme. Aber beide Filme sind von sehr guter Qualität. Deshalb habe ich ihn für unseren Film engagiert.

Frage: Welche Projekte werden Sie als Nächstes machen?

Artur Brauner: Ich habe meiner Tochter Alice einen großen Teil der geplanten Projekte übertragen. Sie muss die richtige Auswahl treffen. Auf jeden Fall sind zwei Projekte mit bedeutenden Regisseuren fest eingeplant.

Artur Brauner. Foto: Concorde Film

Artur 'Atze' Brauner wurde 1918 als Sohn eines Holzgroßhändlers in Lódz, Polen, geboren. Dort verbrachte er seine Kindheit und Jugend und machte auch sein Abitur.

Anschließend studierte er am Polytechnikum bis zum deutschen Überfall auf Polen, der den Zweiten Weltkrieg auslöste. Mit seinen Eltern und vier Geschwistern flüchtete er in die Sowjetunion, wo er unerkannt überleben konnte. Artur Brauner hat 49 jüdische Verwandte durch die Nazis verloren.

Der letzte Zug ist seine aktuelle Kinoproduktion.

Filmplakat

Audio-Feature:

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Quelle: Concorde Film © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken