Interview mit August Diehl
"Ich dachte: Die Rolle ist für mich geschrieben!"
Frage: Du hast Was nützt die Liebe in Gedanken selbst gerade zum erstenmal gesehen ...

August Diehl: Mir fiel ein Stein vom Herzen, dass er so gut geworden ist. Es war ja keine leichte Geburt. Aber dieser Film kann für sich stehen, er bringt sein Thema auf den Punkt: Wie nah Liebe und Tod beieinander liegen. Ich bin total stolz darauf. Für mich ist es eine der wichtigsten Arbeiten, die ich bisher gemacht habe.

Frage: Was hat dich am Drehbuch gereizt?

August Diehl: Ich war vom Drehbuch, vor allem aber von der Rolle fasziniert. Ich dachte: Die ist für mich geschrieben! Ich habe ein solches Gefühl noch nicht bei vielen Rollen gehabt, die ich gespielt habe, und bei Günther war es wohl am stärksten. Ich habe ihn förmlich vor mir gesehen ? so angefüllt mit Sehnsucht und Verlangen.

Am Drehbuch hat mich gereizt, dass es wie das Porträt einer Erinnerung wirkt. Es bewegt sich nicht in Plots, sondern durch Bilder und Stimmungen. Es ist wie ein undifferenzierter, heißer Blick zurück ...

Frage: Wie würdest du deine Figur beschreiben?

August Diehl: Hilde sucht eigentlich das Leben, während das bei Günther und Paul ins Destruktive kippt ? sie suchen den Tod.

Frage: Was ist Günther für ein Mensch?

August Diehl: Günther ist ein unsicherer, hochtalentierter und sehr sensibler Charakter. Daher auch seine Überreiztheit. Er ist einer, der beim Ertrinken nicht versucht, sich zu retten, sondern alles daran setzt, im Sterben glücklich zu sein.

Er bringt Paul viel weiter, als der eigentlich zu gehen bereit ist. In dieser Hinsicht sind sie tatsächlich noch Kinder. Aber mir lag daran, dass man Günther auch lachend sieht. Denn es ist ja eigentlich Paul, der den Selbstmord im Blick trägt, und ihn dann an Günther weitergibt ...

Frage: Kannst du diesen Strudel der Gefühle nachvollziehen, von dem sich deine Figur so mitreißen lässt?

August Diehl: Ich war glaube ich mit 17, 18 Jahren dem Günther sehr ähnlich. Man entwickelt ja in der Liebe nie Routine, aber das erste Mal ist wirklich ein umwälzendes Erlebnis. Und erst rückblickend merkt man, dass die erste Liebe viel mehr mit einem selbst zu tun hat als mit dem Mädchen. Man liebt die Liebe! Und man ist bereit, alles dafür zu opfern, weil man noch nie etwas Größeres gefühlt hat.

Frage: Welche Rolle hat es für dich gespielt, dass deine Figur wirklich gelebt hat, und wie hast du für deine Rolle recherchiert?

August Diehl: Das ist so eine Sache mit historischen Figuren. Ich habe lange versucht, ein Foto von Günther zu finden, aber es gibt offenbar keins. Ich habe auch sämtliches Recherchematerial gelesen, und natürlich die Gerichtsprotokolle.

Aber irgendwann fing ich an, mich zu distanzieren ? irgendwann interessierte mich mein Günther Scheller, und je näher man an die Drehzeit herankommt, desto mehr verblasst die historische Figur.

Frage: Die Zwanziger als Metapher für die Orientierungslosigkeit in der Jugend?

August Diehl: Wir sind heutzutage sehr verwöhnt, aber auch ein bisschen infantil. Dieses Festhaltenwollen an der Jugend ist ja heute ein Problem. Damals war man nicht lange jung, da ist einem die Jugend tatsächlich in den Fingern zerflossen. Das war eine schnell alternde Generation.

Frage: Wie seid ihr am Set miteinander klar gekommen?

August Diehl: Seltsamerweise hat das vom ersten Augenblick an gestimmt. Ich glaube, die Tatsache, dass Daniel und ich gegenseitig unsere Arbeit sehr schätzten, war ein großer Bonus für unser Verhältnis.

Frage: Kein Konkurrenzgebaren am Set, keine Schwierigkeiten, mit Kollegen so unterschiedlicher Herkunft eine Einheit zu bilden?

August Diehl: Vielleicht deshalb nicht, weil wir das ja gleich zu Beginn auf eine so spielerische Ebene gehoben hatten. Und auch was Anna betrifft ? der größte Teil der Schauspielerei besteht ja daraus, seinem Gegenüber zuzuhören und auf ihn zu reagieren.

Jemand mit weniger Erfahrung und Routine ist da manchmal viel spannender als allzu routinierte Kollegen, die für Ärger diesen Blick benutzen, bei Trauer jenen. Man kann nie viel besser sein als der Partner. Es ist ein bisschen wie eine Räuberleiter.

Frage: Wie war es, mit Achim von Borries zu arbeiten?

August Diehl: Er ist sehr jung geblieben, und das liebe ich an ihm. Er weiß noch ungeheuer viel über die Wahrnehmungsbilder der Pubertät, und er hat ein fast musikalisches Gespür für Stimmungen. Und er hat das wunderbares Talent, diese ganz besondere Stimmung, die am Set herrschte, auch abseits vom Drehort herzustellen und zu halten ? indem er zum Beispiel dafür sorgte, dass wir während der Drehzeit nicht in Berlin, sondern in diesem Hotel am See wohnten.

Frage: Gibt es einen Moment der Dreharbeiten, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

August Diehl: Bei mir war es die Scheller-Wohnung. Nach der Verabredung, keine Witze, keine kecken Bemerkungen mehr zu machen, waren Daniel und ich wie zwei andere Menschen. Das hat sich seltsamerweise auch erst auf Achim, dann auf das Team übertragen. Und Anna kam abends an und fragte: Was ist denn los mit euch?

August Diehl. Foto: X-Film

August Diehl spielt die Hauptrolle des Günther in dem deutschen Drama Was nützt die Liebe in Gedanken.

Filmplakat

Audio-Feature:

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Quelle: X-Film © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken