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Interview mit August Zirner "Wer lyncht, ist auch ein Mörder. Da gibt es keinerlei Rechtfertigung." |
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Frage: Sie sind
am 28. Oktober 1997 in dem großen Sat.1-Film "Eiskalte Liebe"
zu sehen. Welche Rolle spielen Sie?
August Zirner: Ich spiele Ulrich Kemper, einen sehr unglücklichen Menschen, der in seiner 'Krankheit' gefangen ist. Er kann nur lieben, indem er tötet. Bei Frauen, die sich von ihm abwenden, überfällt ihn diese unheimliche Mordlust. Plötzlich verliebt sich eine Frau in ihn. Es freut ihn und er merkt, dass er vielleicht aus seiner Haut heraus könnte. Er ist ein einfacher Mensch, der bei einer Zeitung arbeitet und die Inseratstexte aufnimmt. So kommt er auch an seine Opfer heran. Je mehr er sich allerdings auslebt, umso mehr ist ihm die Polizei auf den Fersen. Und er entdeckt auf einmal durch diese Frau, die ihn will, dass er tatsächlich lieben könnte. Aber dafür ist es zu spät.
August Zirner: Ich wollte diese Rolle unbedingt, weil das Drehbuch von Detlef Müller so gut geschrieben ist. Letzten Endes ist es auch eine Liebesgeschichte. Natürlich eine fatale, eine ganz schreckliche. Bei fast allen Menschen geht es doch darum, dass sie Liebe wollen und suchen - auf die unterschiedlichste Art und Weise. Ulrich Kemper ist völlig gestört in seiner Beziehung zu Frauen. Es ist vielleicht die extremste Form von Liebessuche - eine tödliche. Frage: Wie haben Sie sich vorbereitet? August Zirner: Ich habe niemanden umgebracht ... Immer wieder habe ich mit Psychologen und dem Regisseur Jan Ruzicka gesprochen. Mein Anliegen war, diesen Menschen zu verstehen, in seine Psyche einzutauchen, ohne sie zu akzeptieren. Lieben kann er nur eine Frau, die sich nicht mehr bewegt. Und er hat, so schlimm das klingen mag, eine Methode gefunden, um diesen regungslosen Zustand herzustellen: Er erwürgt die Frauen. Am Anfang ist da seine totale Verzweiflung, die er versucht zu verdrängen. Irgendwann steigert er sich so sehr in sein 'Werk', dass er seine Taten idealisiert. Er empfindet das, was er tut, als etwas Herrliches, Großes, Schönes. Ich habe versucht, mir das vorzustellen. Was ist das für eine unheimliche Lust, die er nur so kurz empfinden kann - nämlich kurz vor dem Tod seines Opfers. Frage: Kemper wird in "Eiskalte Liebe" festgenommen, entlassen, mordet weiter. August Zirner: Er ist unheilbar. Deswegen endet die Geschichte auch, wie sie enden muss - nämlich mit einem Selbstmord. Kemper ist nicht zu erlösen, man kann ihn nur von der Menschheit fernhalten. Tragisch, aber es geht nicht anders. Es ist also nicht nur die Geschichte einer Liebe, sondern auch die eines Selbstmörders. Frage: Wenn Sie tagsüber als Mörder vor der Kamera stehen - wie können Sie abends entspannen? August Zirner: So eine Rolle färbt immer ein bisschen auf den Schauspieler ab. Ich habe diese ganze Trostlosigkeit natürlich mit nach Hause genommen. Wir haben fünf Wochen in Emden gedreht - und ich war auch noch in einem trostlosen Hotel. Ich war die ganze Zeit sehr konzentriert, hab' mich sehr zurückgezogen. Auch als der Dreh zu Ende war, hab' ich eine ganze Zeit allein verbracht. Frage: Nimmt man all' diese Gedanken mit in die Träume? August Zirner: So weit ging's nicht. Ich konnte abschalten, indem ich mich auf andere Projekte vorbereitet habe. Den Text konnte ich schon lange vor Drehbeginn. Also konnte ich mich nachts durch viel Lesen zerstreuen. Frage: Können Sie Verständnis für einen Mörder empfinden? August Zirner: Ich kann es nicht akzeptieren, finde es unendlich traurig und unverständlich, wenn ein Mensch töten muss. In meinem ganz persönlichen Alltag gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mich frage: Wie konnte das nur passieren? Wie konnte ich nur so heftig reagieren? Aus welcher dunklen Ecke in mir ist diese Bemerkung 'rausgeplatzt? Wir alle haben dunkle Ecken, die uns aber nicht zwangsweise zu Mördern machen. Frage: Was tun Sie gegen Aggressionen? August Zirner: Ich bin ein eher jähzorniger Mensch und habe damit immer wieder Schaden angerichtet. Je älter ich werde, umso mehr versuche ich zu lernen, rechtzeitig zu erkennen, wenn sowas auftaucht. Die beste Methode ist, auf das jeweilige Gegenüber zuzugehen - und zu reden. Ich versuche, die Aggression gar nicht erst ausufern zu lassen, sondern rechtzeitig am Schopf zu packen und sie zu nutzen. Meistens geht's doch sowieso um nichts. Es geht um den eigenen Frust mit mir selbst. Darunter darf kein anderer leiden. Frage: Kemper wird mangels Beweisen freigelassen und mordet weiter - wie oft in der Realität. Fühlen Sie sich im deutschen Rechtssystem sicher? August Zirner: Es gilt: Im Zweifel für den Angeklagten. Ich vertraue eigentlich keinem Rechtssystem, weil alle Rechtssysteme von Menschen gemacht werden. Systeme sind immer nur Hilfskonstruktionen, und Menschen machen immer Fehler. Das Rechtssystem kann immer nur versuchen, sich dem Optimalen zu nähern. Frage: Können Sie Menschen verstehen, die Lynchjustiz fordern? August Zirner: Nur aus dem Affekt, aus dem Schmerz heraus. Ich kann die Wut und den Hass verstehen, es aber niemals als Lösung akzeptieren. Wer lyncht, ist auch ein Mörder. Da gibt es keinerlei Rechtfertigung. Frage: Dürfen Ihre Kinder (sie sind 18, 13, 10 und 8 Jahre alt) Ihre Filme sehen? August Zirner: Meine älteren schon. Die beiden haben 'Eiskalte Liebe' auch schon gesehen. Sie waren mit mir zufrieden. Meine Kinder haben ein sehr kritisches Verhältnis zu mir und meinem Beruf. Sie sagen mir klipp und klar, was ihnen gefällt. Frage: Gibt es Rollen, die Sie nie annehmen würden - und von welchen träumen Sie? August Zirner: Eine Rolle muss eine menschliche Chance haben. Wenn im Drehbuch schon zu viele Klischees und simple Lösungen angehäuft sind, sage ich Nein. Ich träume von vielen, vielen Rollen. Ich hab' das Glück, dass ich nie in eine Schublade eingeordnet werden kann, weil ich niemals zweimal das Gleiche spiele. Frage: Sie sind in den USA aufgewachsen - schon 'mal an eine Hollywood-Karriere gedacht? August Zirner: Na klar, wie alle hab' ich davon geträumt. Aber welcher Deutsche hat es jemals in Hollywood richtig geschafft? Entweder musst du blond und blauäugig sein und den germanischen Hünen spielen, oder du bist abonniert auf den Dauer-Nazi. Was mich reizt, sind Filme wie Smoke, mein Lieblingsfilm im letzten Jahr." Frage: Welches sind Ihre nächsten Projekte? August Zirner: Ich habe drei Jahre lang wahnsinnig viel gedreht, jetzt habe ich mich ein Jahr mehr dem Theater verschrieben. Ab Herbst stehe ich in Wien auf der Bühne - 'Der Fall Furtwängler', inszeniert von Helmut Griem. Ein Stück, was mir sehr am Herzen lag, und was ich unbedingt spielen wollte. |
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