Interview mit Ayelet Waldman
"Ja, es ist schon verrückt, wie sich das Leben an der Fiktion orientiert."
Frage: Sie haben mit ihrer Heldin Juliet Applebaum einiges gemeinsam. Sie sind auch Anwältin und ehemalige Strafverteidigerin. Und Sie haben auch ihren Beruf aufgegeben, um sich um Ihre Kinder zu kümmern. Wie sind Sie dazu gekommen zu schreiben?

Ayelet Waldman: Ja, es ist schon verrückt, wie sich das Leben an der Fiktion orientiert. Ich habe jede Minute meines Jobs als Strafverteidigerin geliebt, aber als ich von der Arbeit nach Hause kam, war ich ausgelaugt.

Und mir wurde klar, dass es meine eigene Entscheidung war, Mutter zu werden, also musste ich mich auch für mein Kind entscheiden. Und als nächstes habe ich verzweifelt Ablenkung vom Kinderhüten gesucht und damit begonnen, den ersten Juliet-Krimi zu schreiben.

Frage: Ihre Bücher gehen wunderbar ehrlich mit dem Thema »Freud und Leid der Kindererziehung« um.

Ayelet Waldman: Es ist nicht so, dass Juliet keine Mutter sein möchte, sie ist nur schrecklich gelangweilt vom reinen Eltern-Dasein. Es ist unerträglich, jemanden acht Stunden lang zu unterhalten, dessen Aufmerksamkeitsspanne gerade mal dreieinhalb Minuten beträgt.

Ich dachte erst, ich wäre die einzige, die so denkt. Doch dann bekam ich E-Mails von Leuten - hauptsächlich Frauen, nur wenige Männer waren dabei - die sagten: »Vielen Dank, dass Sie es mal aussprechen, dass Sie die ketzerische These wagen, dass Kinderkriegen vielleicht doch nicht das allein Seligmachende ist.«

Frage: Waren Sie in Ihrem Job als Strafverteidigerin schon mal extrem gefährlichen Situationen ausgesetzt?

Ayelet Waldman: Jeder einzelne Fall erforderte Arbeit im entsprechenden Milieu. Ich habe mich schon durch entsetzliche Viertel von Los Angeles gekämpft, um Junkies aufzuspüren, die vielleicht in Kontakt mit gefährlichen Informanten standen oder nach Hells Angels gesucht, die auf Methadon waren. Ich habe einige Leute ziemlich wütend gemacht.

Frage: Sie sind mit dem Romanautor und Pulitzer-Preisträger Michael Chabon verheiratet. Hat Sie diese Tatsache beim Schreiben Ihres eigenen Buches verunsichert?

Ayelet Waldman: Als Michael und ich heirateten, sagte ich immer, ich hätte keinerlei literarische Ambitionen. Und als ich dann anfing, zu schreiben, erzählte ich ihm nichts davon. Es war mein großes Geheimnis.

Schließlich zeigte ich ihm etwa 50 Seiten und sagte: »Ich habe da etwas geschrieben, und ich möchte, dass Du mir sagst, ob es Müll ist. Du musst mich nicht schonen, ich möchte, dass Du ehrlich bist.« Und er sagte nur: »Mach weiter.«

Als ich das Buch fertig hatte, zeigte ich es seiner Agentin und sie verkaufte es zusammen mit zwei weiteren. Ich habe gerade den vierten "Juliet Applebaum Krimi" fertig und CBS produziert eine TV-Serie, die auf Juliets Erlebnissen basiert. Und 2003 wird ein ernsthafterer Roman von mir erscheinen.

Frage: Also sind Sie keine Vollzeit-Mutter mehr wie Juliet?

Ayelet Waldman: Obwohl ich viel Zeit mit meinen Kindern verbringe, habe ich jetzt eigentlich einen fulltime Job als Autorin. Ich stehe um halb fünf in der Früh auf und arbeite, bis die Kinder aufwachen. Dann bringe ich sie in die Schule und arbeite noch ein paar Stunden.

Ich habe auch eine Zusatz-Professur in Boalt Hall, der juristischen Fakultät von Berkeley, wo ich ein Seminar über den Kampf gegen Drogen halte.

Frage: Erzählen Sie uns etwas über den ernsthafteren Roman?

Ayelet Waldman: Ich finde die Unterteilung in verschiedene literarische Genres okay, aber ich wehre mich dagegen zu behaupten, dass Kriminalromane wertloser wären. Mein ernsthafter Roman handelt von einer jungen Frau um die 20, deren Freund in einen Drogendeal verwickelt ist. Und weil sie dabei war, drohen ihr 10 Jahre Haft.

Aber eigentlich geht es um ihre Beziehung zu ihrer Mutter - und darum, dass eine Eltern-Kind-Beziehung nie endet. Ich wollte eigentlich eine harsche Anklageschrift über den Kampf gegen Drogen schreiben, und statt dessen habe ich über das Mutter-Sein geschrieben.

Frage: Wie geht es mit Juliet Applebaum weiter?

Ayelet Waldman: Ich werde so lange über Juliet schreiben, wie man mich lässt. Es hilft, dass sie mir so ähnlich ist. Ich bin grundsätzlich komplett mit mir selbst beschäftigt, ich werde mir selbst nie langweilig, also wird Juliet mir auch nie langweilig werden.

Ayelet Waldman. Foto: Heyne Verlag

Ayelet Waldman graduierte an der Harvard Law School und arbeitete als Strafverteidigerin. Heute lebt sie mit ihren zwei Kindern und ihrem Ehemann Michael Chabon, ebenfalls Schriftsteller, in Berkeley, Kalifornien. Michael Chabon erhielt 2001 den Pulitzer-Preis für seinen Roman "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay".

Ayelet Waldman legt mit Unter guten Freunden den ersten Band einer Krimiserie um die sympathische Mommy-Ermittlerin Juliet Applebaum vor und kreiertmit der warmherzigen, witzigen und originellen Mischung aus Krimi und Frauenliteratur das Genre des "cosy crime".

Ayelet Waldman: Unter guten Freunden

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