Interview mit Bastian Pastewka
"Unser Humorverständnis ist sehr groß, weil wir viel Komisches kennen."
Frage: Wenn Sie an die Dreharbeiten zu ?Neues vom WiXXer? zurückdenken: Was wird ganz sicher in Erinnerung bleiben?

Oliver Kalkofe und ich hatten eine Szene in einem Ruderboot. Als wir die Sequenz geschrieben haben, war uns nicht so präsent, dass wir neben sehr sehr vielen anderen Dingen auch nicht Rudern können. Es wurde dunkel, bis wir gleichmäßig durchs Bild gepaddelt sind, ohne dass wir aussahen wie Dreijährige.

Mein Very hat diesmal eine Begegnung mit dem WiXXer, in der es um Leben und Tod geht. Sowohl der WiXXer als auch ich haben dafür extra einen Schnellkurs im Fechten auf uns genommen. Ich habe mich nur einmal am Knie geschnitten.

Unvergesslich auch sicher der erste Drehtag mit Joachim Fuchsberger. Ich war so glücklich, dass er uns für ?Neues vom WiXXer? die Zusage gegeben hat; schließlich hat er schon in neun der Originalfilme den Inspector gespielt. Er ging zum ersten Mal durch unsere Sets in der riesigen Prager Film-Studiohalle, und ich glaubte zu erkennen, wie plötzlich in seinen Augen eine Art ?Edgar Wallace-Glanz? erschien.

Er erkannte unglaublich viele Details und meinte irgendwann: ?Dieses Büro sieht ja exakt so aus wie in ?Die toten Augen von London?? ? und keiner von uns hatte das vorher wirklich so realisiert. Sicher, Oliver Kalkofe, Oliver Welke und ich haben auch bei ?Neues vom WiXXer? viele Anspielungen auf die Ur-Serie ins Drehbuch eingearbeitet, die optischen Details allerdings hat unser Szenenbildner Matthias Müsse gezaubert.

Ansonsten würde ich sagen: Die besten Tage waren die, an denen wir so richtig viele Darsteller am Set hatten. Wir haben uns gegenseitig wahnsinnig aufgestachelt, um diese kleine Komödie zu wuppen. Wir waren ein sehr harmonisches Team und es hat Spaß gemacht. Das ist nicht bei jeder Komödie voraussetzbar.

Frage: Viele der alten Wallace-Helden haben Sie im Kino und TV selbst gar nicht mehr erlebt. Wie haben Sie sich ihnen angenähert?

Ich bin erst auf die Wallace-Filme gestoßen, als wir 2001 mit dem Drehbuch zum ersten ?WiXXer? begonnen haben. Kalkofe und Welke sind ja ? das möchte ich hier noch mal in aller Deutlichkeit festhalten ? sehr viel älter als ich. Die beiden kannten die Filme schon aus ihrer Kindheit. Ich musste da einiges nachholen.

Zuerst habe ich mir nur zwei, drei angeschaut. Aber irgendwann entwickelten die Filme auf mich eine solche Sogwirkung, dass ich am Ende alle gesehen habe. Ich habe dann richtig Buch geführt. Was ist besonders an den Kommissaren, den einzelnen Schurken, was wiederholt sich in den Filmen, usw ... Daraus ist eine kleine Recherchebibel entstanden, die wir sowohl beim ersten als auch beim zweiten Teil immer wieder zu Rate gezogen haben.

Frage: Was macht den Charme der alten Filme aus für jemanden, der nicht mit ihnen aufgewachsen ist?

Die guten Filme der Reihe wirken noch immer durch die erstklassigen Schauspieler, das Tempo und den Reiz des ?Whodunit?-Krimis: Ich darf raten, wer von den vielen Verdächtigen der Oberschurke ist und wie er das gemacht hat. Und dabei werde ich als Zuschauer immer wieder hübsch geleimt. Die Tätersuche gestaltet sich mal spannend, mal gruselig und in manchen Momenten sogar sehr humorvoll.

?Der Hexer? und ?Neues vom Hexer? sind zum Beispiel zwei der besten Filme der Serie. Der Sender Kabel 1 wiederholt in loser Folge einige Wallace-Filme und kann damit beträchtliche Zuschauerzahlen einfahren. Das halte ich für sehr besonders.

?Neues vom WiXXer? bedient sich ein bisschen aus dem Oeuvre des deutschen 60er-Jahre-Kino-Krimis und diejenigen, die die Originalfilme kennen, werden genug Details wiedererkennen. Dennoch wollen wir auch den ?Neueinsteigern? etwas bieten und setzen daher nicht zwangsläufig Kenntnisse voraus.

In den späten 70ern und den frühen 80ern liefen die Wallace-Filme erstmals im Deutschen Fernsehen ? und wurden so auch einer neuen Zuseher-Generation bekannt, nämlich den in den späten 60er und frühen 70ern Geborenen; sprich: meiner Generation.

Wenn man die Filme heute schaut, ist es eigentlich pure Nostalgie. Man guckt immer ein sehr vergangenes Stück deutsches Kino. Auch wenn die Reihe komplett in England spielen sollte, scheint mir nichts Urdeutscher als die Edgar Wallace-Filme. Man sieht die Topgarde des deutschen Films: Lil Dagover, Fritz Rasp, Marianne Hoppe ? das waren ja noch UFA-Stars! Und auch die größten Stars der damals neuen Riege haben mitgemacht.

Eddi Arent, Klaus Kinski, Harry Meyen, Harald Leipnitz, Horst Tappert, Heinz Drache, Karin Dor. Und alle haben so getan, als hießen sie ?Harry?, ?Linda? oder ?John? und als würde das Ganze in London spielen. Dabei stand das ?Gasthaus an der Themse? erwiesenermaßen an der Elbe. So konsequent sind heute nur noch die ?Rosamunde Pilcher?-Filme.

Die Wallace-Filme dagegen hatten ja auch immer eine ironisierende Ebene. Überdeutlich rätselhafte bis bizarre Superschurken, die sich hinter einer Maske verbergen, zwielichtige Handlanger und allwissende Inspectoren, die immer cleverer sind als die Bösen. Knarrende Türen, wehende Vorhänge und Schritte im dunklen Gang.

Gespielt von einer großen Schar beliebter Komiker und Schauspieler und am Schluss eine dicke Überraschung mit Happy End. Und diese Elemente haben wir versucht, in ?Neues vom WiXXer? zu erhalten.

Frage: Meinen Sie wirklich, die Filme hatten damals schon eine bewusst ironische Ebene?

Sowohl Blacky Fuchsberger als auch Wolfgang Völz, die in der Originalserie dabei waren, erzählten uns, dass sie damals diese Filme sehr ernst genommen haben. Und damit auch den Humor der Filme. Nehmen Sie Eddi Arent: Bei dem sieht man genau, wie akribisch der sich auf seine kleinen Bonmots vorbereitet hat. Er durfte ja alle halbe Stunde so einen kleinen Comedy-Glanzauftritt hinlegen.

Man hat eben damals entschieden: Wir machen es richtig spannend. Hin und wieder aber auch richtig lustig. Da wäre heute bei vielen Filmmachern die Schere im Kopf aufgegangen und sie würden sagen: Wir müssen uns vorher festlegen, ob wir Krimi oder Komödie machen. Bei den guten Wallace-Filmen waren diese Grenzen damals kurzzeitig aufgehoben.

Doch früher wurde vieles spontaner und unschuldiger produziert: Für ?Neues vom WiXXer? brauchten wir 2 Jahre Vorbereitung, drei Monate Drehzeit und noch mal ein knappes Jahr für die abschließende Postproduktion. Die Wallace-Kurbler haben ihren Film im Januar geschrieben, im Mai gedreht und im August ins Kino gebracht.

In den Glanz-Jahren der Wallace-Filme 1962 bis 1965 war alle vier bis fünf Monate ein neuer Streifen im Kino. Die haben unglaublich geschuftet und nur deshalb konnte es eine solche Wallace-Welle geben.

Frage: Sprechen wir über Ihre Rolle: Wie hat sich Very Long seit dem ersten Teil entwickelt, was erfahren die Zuschauer Neues über ihn?

Very und Even sind schon im ersten Teil als ungewöhnliches Ermittlerpaar aufgefallen: Chief Even Longer ist der knurrige, anstrengende und sauertöpfische Alt-Inspector, der sich grämt, dass sein ehemaliger Partner Rather Short auf die dunkle Seite der Londoner Unterwelt gewechselt, sprich: zum WiXXer geworden ist und Even in tödliche Gefahr gebracht hat.

Evens neuer Partner wurde zu Beginn des ersten Teils Inspector Very Long: Ein Neuling, der zwar als Bester die Polizeischule verlassen hat, aber den Chief-Inspector mit seiner übertriebenen Freundlichkeit und Harmoniesucht gewaltig nervt. Die zwei mussten sich aneinander gewöhnen.

Very ist ein guter Polizist, immer höflich, erschreckend gut gelaunt und er weiß bereits nur zu gut, dass seinem launischen Chief mitunter das Fingerspitzengefühl fehlt. Und genau in dem Punkt steht er ihm jetzt zur Seite: Er zeigt Even, dass man auch mal mit einem Lächeln eine Situation entkrampfen kann, dass ein angenehmes Äußeres kein Zeichen von Schwäche ist.

Very ist eben ein Perfektionist, der auf Etikette achtet und sich einen genauso perfekten Chief Inspector an seiner Seite wünscht. Even aber ist ein Einzelkämpfer, ein Mann der Tat, nicht des Wortes, und daher knallt es hin und wieder zwischen Very und Even.

Doch Very hat diesmal noch ein anderes Problem: Der neue WiXXer hat ihn auf seine Todesliste gesetzt. Schon am nächsten Morgen soll Very nicht mehr leben. Das ist für den routinierten Inspector natürlich ein Schock. Doch er muss sich selbst helfen, denn Even kann ihn nicht rund um die Uhr beschützen, weil auch die Frau, die er liebt, die junge adelige Victoria Dickham, auf der Todesliste steht.

Very muss diesmal um sein Leben, aber auch um den Respekt seines Chefs kämpfen ? und speziell letzteres fällt ihm natürlich extrem schwer ...

Aber er punktet ja mächtig damit, dass er seinem verliebten Chef einen Crashkurs in guten Manieren und Lifestyle gibt ...

Er tut wie von Sinnen alles, um sich bei seinem Chief-Inspector Even Longer gut zu stellen. Damit dieser ihn endlich beachtet und ihm hilft. Und deshalb erklärt er ihm den Sinn von Höflichkeit, Rückenenthaarung sowie der Kreisbewegung beim Zähneputzen.

Es ist natürlich - wie in jeder guten Komödie - aber auch wie in jedem guten Edgar Wallace Film ? eine ausweg- und hoffnungslose Situation. Aber: Dass die beiden sich in Lebensgefahr Stylingtipps geben, ist einer der witzigsten Momente in unserem Film geworden.

Frage: Woher hat Very diese Sicherheit in Stilfragen?

Ich glaube, er ist insgeheim zumindest ein Halbadliger. Und wahrscheinlich hat er neben der Polizeischule auch noch eine Hauswirtschaftsschule besucht. Auf jeden Fall ist er der Meinung, dass der moderne Inspector von heute ein gepflegtes Äußeres haben und Gentleman sein sollte. Damit ist er natürlich die denkbar falscheste Person für den Polizeidienst ? aber das weiß er ja zum Glück nicht.

Frage: Kommen wir zur Arbeit am Drehbuch. Eigentlich heißt es ja ?Viele Köche verderben den Brei?. Drei Autoren sind reichlich viele Köche ? wieso schmeckt dieser Brei trotzdem?

Das Gute ist: Wir sind immer einer zuviel ? aber das ist jeweils ein anderer von uns dreien. Wir sind sehr oft unterschiedlicher Auffassung, aber wir sind immer in der Lage, einen Konsens herzustellen. Ich glaube, wir sind relativ geschmackssicher und in der Lage, die Qualität unserer Texte und Ideen gleich einzuschätzen.

Wir können uns beim Schreiben nicht immer gegenseitig glücklich machen, aber wir wissen auch, dass es am Ende keine ?Bauchschmerzen-Stellen? mehr im Drehbuch gibt, das wir vorlegen. Olli und Olli sind so unglaublich fantasievoll beim Erschaffen von Szenen und Dialogen, dass immer genug Ideen im Raum sind, die wir durchdenken können.

Ich versuche die Abläufe und Beschreibungen nicht aus den Augen zu verlieren, bin also ähnlich wie der dritte Detektiv der DREI ????? (?Drei Fragezeichen?) verantwortlich für Recherche und Archiv. Und ich muss zu allem immer wertvolle Skizzen zeichnen und die auftauchenden Figuren in einem farbigen Diagramm zusammenfassen. Und das ist exakt der Teil der Arbeit, der uns überhaupt nicht weiterhilft.

Frage: Gibt es bei Kalkofe, Welke und Pastewka ein ganz ähnliches Humorverständnis? Oder wo liegen die Unterschiede?

Unser Humorverständnis ist sehr groß, weil wir viel Komisches aus Film und Fernsehen kennen. Das Schwerste ist für uns eigentlich, sich von bekannten Vorbildern zu lösen. Denn wir wissen, dass wir uns selber verpflichtet sind, einen Film zu machen, der eben nur zu uns passen darf. Deshalb laufen wir manchmal Gefahr, die Szenen größer, opulenter und noch verrückter machen zu wollen, als die WiXXer-Welt erfordert.

Wallace ist nicht Hollywood, Long und Longer können nicht wie bei ?24? innerhalb von fünf Minuten einen Helikopter herbeirufen wie Jack Bauer mit seinem blöden piepsenden Handy, während im Gefängnis eine Meuterei stattfindet und ein Killervirus ein Krankenhaus lahm legt. So etwas gibt es in der kleinen Wallace-Welt noch nicht!

Dort gibt es Anrufer, die ihre Stimmen verstellen und einen unter die Tür geklemmten Stuhl, der den Gegner 5 Minuten aufhält. Wir haben diesen Unterschied übrigens gleich zu Beginn von ?Neues vom WiXXer? deutlich klargemacht.

Und wenn Kalkofe, Welke oder ich aus Versehen wieder zu Jack Bauer mutieren, sind wir glücklicherweise immer in der Lage, die eine oder andere Riesenidee von gestern heute ganz einfach zu verwerfen.

Frage: Wie entgeht man als Autor der Versuchung, die eigene Rolle immer ein bisschen schöner, größer und glamouröser zu gestalten?

Durch die Betrachtung von außen. ?Neues vom WiXXer? ist wieder ein Ensemble-Film. Also brauchen unsere 10 Hauptfiguren genug Spielraum. Dennoch haben wir die Rollen von Long und Longer klarer gezeichnet als im ersten Teil. Wir haben gemerkt, dass die Zuschauer den Inspectoren folgen, weil die nun mal den Fall zusammenhalten. Daher haben wir Even und Very mehr gemeinsam erleben lassen.

Frage: Was sonst haben Sie aus dem ersten ?WiXXer? gelernt?

Mit der Humorfarbe sind wir beim ersten Film genauso zufrieden wie beim zweiten. Wir haben uns diesmal einen übersichtlicheren Krimiplot geschaffen. Der WiXXer droht eine Reihe von Morden an. Und wir müssen ganz schnell klären, wer diese Personen sind und wie wir sie schützen können.

Die Dramatik dieser Situation hat uns geholfen, die Balance zwischen Suspense und Comedy zu halten.

Bastian Pastewka. Foto: Constantin Film

Bastian Pastewka spielt in der deutschen Komödie Neues vom Wixxer den Inspector Very Long, er ist außerdem Co-Autor des Films.

Bekannt wurde Bastian Pastewka durch die TV-Serie "Die Wochenshow", in der er von 1996 bis 2001 mitwirkte.

Filmplakat
Begrüßung von Bastian Pastewka alias Inspector Very Long:

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Quelle: Constantin Film © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken