Interview mit Bjarne Reuter
"Ich wollte schon immer ein Buch über das Ende eines Lebens schreiben."
Frage: Bjarne Reuter, Sie haben sich zunächst als Kinderbuchautor einen Namen gemacht. Was bewegt Sie überhaupt zum Schreiben, und warum waren es gerade Kinderbücher?

Bjarne Reuter: Ich begann mit dem Schreiben als ich 10 Jahre alt war. Sobald ich gemerkt hatte, was ich mit meiner Fantasie und der Sprache alles machen konnte, wurde das "Geschichten erzählen" zum Zeitvertreib.

Das änderte sich aber bald und die ganze Sache wurde etwas heikler, als sich mir der "geheime Raum" öffnete - das Herz der Schriftstellerei, dieses magische Etwas, das alle Schriftsteller antreibt, und das man nie richtig kontrollieren kann. Ich denke, dass ich anfangs Kinderbücher schrieb, weil ich selbst als Kind begonnen habe zu schreiben.

Frage: Hatten Sie damals schon die Idee, auch einmal Krimis und Romane zu schreiben, wie Sie es ja heute erfolgreich tun, oder war das eine persönliche Entwicklung, die Sie selbst gar nicht genau absehen konnte?

Bjarne Reuter: Ich habe z. B. nie wirklich das Alter meiner Leser im Kopf. Ein Buch ist ein Buch - und für mich ist ein Kinderbuch eben eins, das Kinder auch lesen können. Die Freiheit, das Genre zu wechseln und mich zwischen einem 14-jährigen Helden und einem 78-jährigen Helden wie Leon Culman hin- und herbewegen zu können, ist mir überaus wichtig. Ich denke dieser Aspekt ist für die Entwicklung eines Schriftstellers wichtig.

Frage: Alle Ihre Bücher - seien es die Kinderbücher, Krimis oder Romane - enthalten stets Elemente des Zauberhaften und Fantastischen - sind diese Eigenschaften für Sie auch im täglichen Leben von großer Bedeutung?

Bjarne Reuter: Ich möchte betonen, dass ich meine Geschichten nicht zwanghaft mit zauberhaften oder fantastischen Elementen versehe, sondern dass sie in den Geschichten enthalten sind, wie es sie einfach gibt - sie sind Teil unseres Lebens.

Frage: Was inspiriert Sie, wie bekommen Sie die Ideen für Ihre Bücher?

Bjarne Reuter: Das weiß ich meistens auch nicht. Manchmal erinnere ich mich an eine winzige Kleinigkeit, die mich irgendwie berührt hat, aber meistens inspiriert mich einfach das Schreiben an sich. Allerdings höre ich viel Musik, und ich leg die auf, die mich im richtigen Moment in die richtige Stimmung versetzt. Und ich reise gern. Nicht wegen eines bestimmten Ziels, sondern wegen der Reise an sich.

Der Weg ist das Ziel, und die Reise ist in vielerlei Hinsicht dem Schreiben ähnlich - man weiß nie genau, wohin die Geschichte führen wird, und hat nie alle Details unter Kontrolle. Das Ganze kann auch recht widersprüchlich sein: Vor einigen Jahren reiste ich nach Hue in Vietnam, und als ich zurückkam schrieb ich eine Geschichte, die an einem kleinen Ort außerhalb meiner Heimatstadt in Dänemark spielte!

Frage: Im August 2000 erscheint im Diana Verlag Ihr neues Buch Am Ende des Tages. Was hat Sie dazu bewegt, eine Geschichte zu schreiben, die eine "Chronik eines angekündigten Mordes" ist?

Bjarne Reuter: Ich wollte schon immer ein Buch über das Ende eines Lebens schreiben. Also wählte ich einen Mann, der 78 Jahre alt ist, still und unscheinbar. Mein Ziel war es, dem Leser ein Bild zu entwerfen von einem langen Leben, das in nur einem Tag erzählt wird. Um die Geschichte so "schlüssig" wie möglich zu machen, entwarf ich einen Krimi als Motor.

Es handelt sich - wie eine dänische Rezension beschreibt - um die Geschichte eines Verbrechens, das größer ist als das Leben. Dennoch kommt weder die Polizei darin vor noch irgendwelche üblichen Krimi-Charakteristika. Es geht ganz ausschließlich um Culman, und um eine anonyme Person, die allein um Culmans Geheimnis weiß.

Ich denke diese anonyme Person gibt es immer - was immer man angestellt hat (und wer hat nicht schon mal irgendetwas angestellt?), und damit davongekommen ist - es gibt immer jemanden, der einen beobachtet, nennt man es nun Gott oder die Seele oder eine innere Stimme. In Culmans Fall ist es jemand sehr Lebendiges.

Frage: In Am Ende des Tages haben Sie es geschafft, einen Krimi zu schreiben, der gleichzeitig eine Tragikomödie ist - skurril und mit hintergründigem Witz - wir schaffen Sie die Balance zwischen Spannung und Humor?

Bjarne Reuter: In diesem Buch sehe ich Spannung und Humor als absolut gleichgewichtig, wobei der Humor nur eine Verkleidung ist - sobald man das merkt, tritt die Spannung ein.

Frage: Sehen Sie bei sich persönlich eine literarische Entwicklung in eine bestimmte Richtung? Was wird man in Zukunft von Bjarne Reuter lesen?

Bjarne Reuter: Ich rede nie über die Zukunft. In Dänemark ist aber gerade mein neues Buch erschienen. Es umfasst 500 Seiten und spielt in der Karibik um 1640. Wie Sie sehen, ist es unmöglich vorherzusehen, was als Nächstes passieren wird ...!

Frage: Eine Frage, die vermutlich jeder Autor dutzende Male gestellt bekommt: Hatten Sie große literarische Vorbilder?

Bjarne Reuter: Viele! Deutsche sowie us-amerikanische, und alte dänische Schriftsteller, die schon lange tot sind, und junger Dichter, die für die Musikszene schreiben.

Frage: Wie viel Skandinavien ist in Ihren Büchern?

Bjarne Reuter: Ich denke, wenn ein Roman wirklich gut ist, dann ist er einerseits sehr eng mit dem Ort verbunden, an dem er geschrieben wurde und mit den Wurzeln des Autors, gleichzeitig aber universal.

Frage: Wie schaltet Bjarne Reuter am liebsten ab - was bringt Ihnen Entspannung in Schaffenspausen?

Bjarne Reuter: Leider kann ich den Schriftsteller in mir nicht ausschalten, also kann ich ihm auch nicht entkommen. Das ist nun schon so lange Teil meines Lebens, dass ich mich vollkommen daran gewöhnt habe. Aber wenn ich mit meiner Familie in unserem Sommerhäuschen in Norden von Sjælland bin, versuche ich es!

Bjarne Reuter. Foto: Heyne Aktuell

Bjarne Reuter wurde 1950 in Bronshoj bei Kopenhagen geboren, wo auch viele seiner Jugendbücher spielen. Seit 1980 widmet sich der ausgebildete Volksschullehrer ausschließlich dem Schreiben.

Er begann seine Karriere mit Kinder- und Jugendbüchern und hat inzwischen an die 60 Bücher geschrieben, zudem einige Filmdrehbücher. Er gilt als einer der meist gelesenen Autoren Dänemarks. Mehrere seiner Jugendbücher wurden erfolgreich verfilmt, unter anderem von Bille August.

Bjarne Reuter wurde für sein Schaffen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 1988 bekam er die "Goldenen Lorbeeren" der dänischen Buchhändler, 1990 wurde er zum Lieblingsautor der Dänen und Däninnen ernannt, 1993 erhielt er den "Nordischen Kinderbuchpreis" sowie 1997 den "Soren Gyldendal Preis". Ein lebenslängliches Kunststipendium des dänischen Staates wurde ihm 1998 zugesprochen.

In Deutschland ist er vor allem als Kinderbuchautor bekannt und steht auf der Auswahlliste 2000 für den Deutschen Jugendbuchpreis.

Bjarne Reuter ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er soll ausgezeichnet Kontrabass spielen. Er lebt mit seiner Familie in Lyngby, in der Nähe von Kopenhagen.

Bjarne Reuter veröffentlicht im August 2000 sein aktuelles Buch Am Ende des Tages. Im Interview spricht er über seine Kinderbücher, sein aktuelles Buch und das, was ihn motiviert.

Bjarne Reuter: Am Ende des Tages

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