Interview mit Bruce Sterling
"Die Welt ist wirklich ein seltsamer Ort."
Frage: In ihrem aktuellen Roman Brennendes Land geht es den USA so wie der Sowjetunion - sie zerfallen in etliche Kleinstaaten. Halten Sie das tatsächlich eines Tages für möglich?

Bruce Sterling: Selbstverständlich. Jede Gesellschaft, jedes staatliche Gebilde kann irgendwann kollabieren, auch die USA. Aber das ist nicht entscheidend. Die globale Ökonomie ist länst privatisiert, der Einfluss von Regierungen geht langsam aber sicher gegen Null. Wie auch immer wir institutionell verfasst sind, über die Zukunft entscheiden die Märkte.

Frage: Das Buch schildert eine zukünftige Wahlkampagne, die mit modernsten technischen Mitteln geschlagen wird. Was dachten Sie, als Sie die letzten Präsidentschaftswahlen und ihren kuriosen Ausgang verfolgten?

Bruce Sterling: Es war der belangloseste Wahlkampf, den ich je gesehen habe. Und was die Stimmauszählung betrifft, dafür musste man sich ja beinahe schämen.

Frage: Brennendes Land ist ein außerordentlich politischer Roman. Wie politisch kann oder soll Science Ficton sein?

Bruce Sterling: Als Künstler, der die Auswirkungen von Technologie auf die Gesellschaft thematisiert, bin ich schon zufrieden, wenn ich die Fantasie der Leser anrege. Ich habe keine Absicht, bei einer Wahl zu kandidieren oder sonstwie Macht zu erlangen, und meiner Meinung nach kann man nicht wirklich politisch aktiv sein, ohne diese Möglichkeit zumindest in Betracht zu ziehen.

Aber damit tue ich den Leuten einen Gefallen, denn eine Gesellschaft, die von Science Fiction-Autoren regiert wird, muss wirklich in einem erbärmlichen Zustand sein. Newt Gingrich ist ein SF-Autor. Er hätte nie auch nur in die Nähe eines politischen Amtes kommen dürfen.

Frage: Die sogenannten Cyberpunk-Romane von Ihnen und William Gibson haben viel dazu beigetragen, dass das Internet zu einem Heilsversprechen wurde, zu einer Art Techno-Paradies. Wie denken Sie heute darüber?

Bruce Sterling: Das Internet war ein einmaliger Raum. Im Gegensatz zu anderen Technologien hat es keine materielle Substanz, besteht allein aus einem Haufen Nullen und Einsen. Natürlich ist der Hype inzwischen vorbei, die Luftblase geplatzt, aber ich sehe immer noch keine andere Technologie, die so frei und offen ist und wo so viel Innovation möglich ist.

Unser alter Cyberpunk-Slogan war: "Die Information will Freiheit!" Und ich muss zugeben, dass bei mir ein wenig Schadenfreude aufkommt, wenn Leute Pleite machen, die das Internet kommerzialisieren und dort groß absahnen wollen.

Frage: Offenbar ist die Gen- und Biotechnik da nächste große Heilsversprechen?

Bruce Sterling: Ja, dort wird investiert, bis die Fetzen fliegen - bis es zu einer Art Bio-Tschernobyl oder Bio-Bhopal kommt. Es ist schon beängstigend.

Frage: Wenn man heute die Zeitung aufschlägt, stößt man auf Tatsachen, die SF-Autoren schon Jahre zuvor prophezeit hatten. Ist Science Fiction inzwischen wissenschaftliche Realität gewoden?

Bruce Sterling: Nicht nur wissenschaftliche, auch ökonomische oder politische Realität. SF beeinflusst beispielsweise Design und Mode mehr als die Wissenschaft. Aber darauf kommt es nicht an, wie es auch nie auf treffende Zukunftsvoraussagen ankam: Science Fiction ist eine künstlerische Ausdrucksmöglichkeit wie viele andere und auf ihre Weise einzigartig. Sie muss nicht ständig mit der Realität verglichen werden.

Frage: William Gibson hat einmal gesagt, die Welt ist ein so seltsamer Ort, dass wir die Science Fiction als eine Art Brille brauchen, um sie zu verstehen.

Bruce Sterling: Da ist was dran. Die Welt ist wirklich ein seltsamer Ort. Aber die Menschen gewöhnen sich schnell daran. Der Grat zwischen Wunder und Banalität ist sehr schmal.

Frage: Wie fühlt man sich als SF-Autor im Jahre 2001, das Jahr, in dem sich laut Arthur C. Clarke und Stanley Kubrick die Zukunft hätte ereignen sollen?

Bruce Sterling: Ich fühle mich hervorragend. Meine Arbeit könnte interessanter nicht sein, wohin man blickt, entdeckt man wunderbare Dinge - schlagen Sie etwa nur ein Magazin zum Thema Industriedesign auf. Das Leben ist ein Karneval.

Frage: Was für ein besonderes Talent braucht man als SF-Autor?

Bruce Sterling: Nun, vermutlich ein Gespür dafür, Entwicklungen vorherzusehen, die sich bereits im Alltag andeuten. Aber eigentlich muss man sich nur darüber im Klaren sein, das die Vorstellung anderer Menschen von der Wirklichkeit völlig willkürlich ist.

Bruce Sterling. Foto: Heyne Verlag

Bruce Sterling wurde 1954 im US-Bundesstaat Texas geboren. Er ist heute als Journalist und Schriftsteller tätig. Häufig spricht er auf Wissenschaftskongressen zum Thema Gentechnologie, Mediengeschichte und Internet-Design.

Vom us-amerikanischen Kongress wurde er im Jahr 2001 eingeladen, über das Thema "Gesellschaftliche Zukunft des Internets" zu referieren.

Bruce Sterling zählt mit William Gibson zu den prominentesten Vertretern des Cyberpunk, einer Sciene Fiction mit düsterer Grundstimmung, die ein Spannungsverhältnis zwischen High Tech und Pop-Underground aufbaut.

Zusammen mit William Gibson, dem Schöpfer des modernen Mythos Cyberspace, schrieb Bruce Sterling das Kultbuch "Die Differenzmaschine".

Bruce Sterling: Brennendes Land

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