Interview mit Dai Sijie
"Die Vermischung von Rassen ist etwas, was ich sehr gut kenne."
Frage: Woher kommt die Idee zu diesem Film?

Dai Sijie: Ich habe vor fünf oder sechs Jahren mit Nadine Perront begonnen, an diesem Stoff zu arbeiten, schon vor dem Drehbuch zu ?Balzac und die kleine chinesische Schneiderin?.

Auslöser für die Geschichte war eine Notiz unter der Rubrik ?Vermischtes? in einer chinesischen Tageszeitung. Zwei junge Frauen, die in der gleichen Fabrik arbeiteten ? die eine als Arbeiterin, die andere als Krankenschwester ? wurden wegen ihrer lesbischen Liebe zum Tode verurteilt und zudem noch verdächtigt, den Vater der einen ermordet zu haben.

Der Mann wurde tot in seinem Bett gefunden und man nahm an, die beiden Frauen hätten ihn umgebracht, um ihre von ihm missbilligte Liebe auszuleben. Das hat uns inspiriert.

Frage: Was machte den besonderen Reiz dieser Meldung aus?

Dai Sijie: Der größere Rahmen. Wie ?Balzac und die kleine chinesische Schneiderin? kein Film über die kulturelle Revolution ist, geht es in Die Töchter des chinesischen Gärtners auch nicht primär um weibliche Homosexualität, sondern um eine große Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die zufälligerweise Frauen sind.

Mein Anliegen hat nichts mit einer Wertung dieser Verbindung, noch mit Voyeurismus zu tun.

Frage: Ihr Blick auf die beiden Frauen wirkt sehr viel zärtlicher als der auf die beiden Männer, die sie umgeben.

Dai Sijie: Mein Blick auf die Männer entspricht dem der beiden Frauen. Der Vater steht für Autorität, der Ehemann für Virilität. Eine sehr vordergründige Virilität, denn dieser Mann hat keine Ahnung von Frauen. Er übernimmt ohne weiteres gesellschaftliche Vorstellungen über die Rolle der Frau und wie sie sich verhalten muss.

Im Grunde ist er mehr Tollpatsch als Dummkopf. Deshalb habe ich sehr darauf geachtet, ihn nicht als Karikatur erscheinen zu lassen. Diese beiden Männer halte ich für ziemlich repräsentativ für eine Vielzahl meiner Geschlechtsgenossen, wie man sie auch heute noch trifft.

Frage: Finden Sie sich in irgendeiner Weise in den beiden männlichen Figuren wieder?

Dai Sijie: Ich identifiziere mich nicht wirklich mit diesen Männern, glaube aber, dass alle Männer sich in manchen Momenten Frauen gegenüber sehr ungeschickt verhalten. In den Charakteren des Films erkenne ich vor allem die vorherige Generation, die meines Vaters und die meines Großvaters.

Frage: Warum ist die Handlung in den 80er Jahren angesiedelt?

Dai Sijie: Die Epoche dient als Hintergrund für den Fortgang der Geschichte, die sich auch früher hätte abspielen können, gleichzeitig aber heute noch passieren könnte. Selbst China ist nicht ein notwendiger Kontext im Film, der auch im chinesischen Viertel von Paris oder New York angesiedelt sein könnte.

Wichtig sind vor allem die Beziehungen zwischen den Protagonisten. Selbst die Beziehung zwischen An und dem alten Mann ist sehr klassisch: Sie kann weder ihren Vater noch den Garten verlassen. Er weiß das und nutzt die Situation für sich aus. Das ist eine andere Form von Liebe, eine Tochterliebe, die man in allen Gesellschaften und in allen Epochen findet.

Frage: Was war der Ausgangspunkt für den wilden botanischen Garten?

Dai Sijie: Mit seinen seltenen und manchmal auch gefährlichen Pflanzen, wird der Garten zum Ort der Sinnlichkeit und des Geheimnisvollen, steigert sich die Mystik der Geschichte.

Frage: Von Film zu Film entwickeln Sie sich immer mehr zum glühenden Verfechter individueller Freiheiten.

Dai Sijie: Das ist nicht der Zweck meiner Arbeit. Wenn ich ein glühender Verteidiger der Freiheit wäre, egal welcher, wäre ich Politiker oder Dissident, wie einige meiner Freunde. Ich sehe meine Arbeit auf einem sehr persönlichen Feld, angeregt durch meine Wahrnehmung menschlicher Gefühle.

Ich betrachte mich einfach nur als Regisseur, als Geschichtenerzähler. Dabei bediene ich mich einer Umgebung, die ich kenne. Aber die Geschichten an sich sind universell und zeitunabhängig, versinnbildlichen eine künstlerische und ästhetische Suche. Ich kämpfe vor allem für eine Sache: meine schöpferische Freiheit.

Frage: Wie lief es mit der Realisierung des Projektes?

Dai Sijie: Meine Filme haben es nicht einfach. Dieser war besonders schwierig zu finanzieren. Wegen des Themas konnten wir uns nicht an eine chinesische Produktionsfirma wenden, sie hätte nie die Erlaubnis bekommen, Geld in das Projekt zu investieren, weil Homosexualität immer noch ein Tabuthema in China ist.

Wir mussten uns das nötige Geld also woanders besorgen. Ich bin an diese Schwierigkeiten gewöhnt ? so auch meine Produzentin Lise Fayolle, die sich mehr als vier Jahre für die Finanzierung aus Frankreich und Kanada eingesetzt hat.

Frage: Sie erhielten keine Dreherlaubnis in China, dabei hätten Sie gerne dort den Film realisiert.

Dai Sijie: Ich war nicht wirklich überrascht und auch nicht wirklich beeinträchtigt durch die Entscheidung. Natürlich habe ich es versucht und war durch das harte und definitive Nein verletzt. Nachdem alle Überzeugungsversuche nicht fruchteten, lösten wir das Problem, indem wir in Vietnam drehten.

Landschaft und Natur ähneln in ihrer Üppigkeit der chinesischen Region, wo wir eigentlich drehen wollten. Die Natur kümmert sich nicht um Grenzen.

Frage: Waren Sie wirklich nicht getroffen durch das Verbot?

Dai Sijie: Ich bin nur traurig. Ich habe Freunde in China, Regisseure und Schriftsteller, die riesige Schwierigkeiten haben, ihre Filme zu drehen oder ihre Bücher zu veröffentlichen. Kürzlich sagte mir einer von ihnen: ?Wenn dieses Land mir meine künstlerische Freiheit nicht erlaubt oder sogar verbietet, ist das nicht mein Land?.

Ich persönlich glaube immer noch, dass China mein Land ist. Ein schwieriges Land, aber trotz allem immer noch meine Heimat. Ich erinnere mich an meinen ersten Film ?Chine ma douleur?, der vor 17 Jahren unter die chinesische Zensur fiel. Ich habe ihn dann in Frankreich in den Pyrenäen gedreht.

Eines Tages während der Dreharbeiten wurde mir klar, dass ich, ein Chinese, dabei war, einen verbotenen Film zu drehen. Ich begann zu weinen und stellte mir vor, nie mehr in mein Land zurückkehren zu können und dachte an die Konsequenzen, die aus meiner Verrücktheit für meine Eltern entstehen könnten ...

Frage: Ist es inzwischen anders?

Dai Sijie: Die Zeiten haben sich geändert und ich mich auch. Ich rege mich nicht mehr so schnell auf, mein Gemütszustand ist ruhiger geworden.

Frage: War die Ablehnung der Drehgenehmigung von Drohungen begleitet?

Dai Sijie: Nein ... es gab Ratschläge und Anregungen.

Frage: Was denken Sie über das Verhalten von Zhou Xun (der Schauspielerin aus ?Balzac und die kleine chinesische Schneiderin?), die Ihr Rollenangebot abgelehnt hat?

Dai Sijie: Sie wurde beeinflusst und man legte ihr nahe, besser nicht in diesem Film mitzuwirken. Sie hat ihre Entscheidung getroffen. Ich bedauere das sehr und bin persönlich davon berührt, weil ich sie für eine Freundin halte und ihr mehr Standfestigkeit gewünscht hätte.

Dongfu Lin und Li Xioran, zwei bekannte und großartige chinesische Schauspieler, zeigten keine Furcht, wie auch die chinesischen Teammitglieder, mit denen ich gerne zusammen arbeiten wollte. Sie alle sagten von Herzen zu, weil ihnen das Drehbuch gefiel. Während der Dreharbeiten waren sie eine große Unterstützung, moralisch wie künstlerisch.

Frage: Bereitete die Besetzung der Li mit einer Schauspielerin aus dem Westen Probleme?

Dai Sijie: Eigentlich nicht. Ich bin glücklich, dass ich Li zu einer Eurasierin machen musste. Sie ist ja nicht nur äußerlich ein Mischling, sondern auch intellektuell, kulturell und ideologisch. Von den anderen wenig verstanden und fast zurückgewiesen, hungert sie mehr als jede andere Person nach Liebe und Zärtlichkeit.

Dieses Faktum in den Film zu integrieren, war nicht besonders schwierig. Die Vermischung von Rassen ist etwas, was ich sehr gut kenne, ich bin doch selbst ein kultureller Mischling.

Frage: Wie arbeiten Sie mit den Schauspielern?

Dai Sijie: Ich respektiere sie und vertraue ihnen. Während des Drehs bin ich sehr konzentriert. Ich versuche so wenig wie möglich mit ihnen über die Figur zu sprechen, die sie verkörpern und ich begnüge mich oft damit, ihnen einige Hinweise zu geben, die es ihnen erleichtern, die Wahrhaftigkeit und die Authentizität der Rolle in sich zu finden.

Ich hasse es, Kurse in psychologischer Analyse der Charaktere zu geben und finde es besser, während der Proben zu diskutieren. Eine glaubhafte Figur entsteht nur in Einklang zwischen Regisseur und Schauspieler.

Frage: Im Gegensatz zu ?Balzac und die kleine chinesische Schneiderin? schrieben Sie das Drehbuch ohne den Umweg über einen Roman.

Dai Sijie: Im Allgemeinen schreibe ich sehr visuell. Das muss ich tun, weil ich mich in französisch artikuliere und nicht in meiner Muttersprache. Die literarische Arbeit ist eine sehr einsame, die kinematografische eine kollektive. Der Blick des Regisseurs ist entscheidend, bleibt aber nicht ohne Einfluss der Techniker und der Schauspieler.

Man darf also bei der Wahl der Mitarbeiter keinen Fehler machen, denn auch sie gehören zum kreativen Potenzial. Ein Film ist immer eine Geschichte von Freundschaft, Komplizenschaft und Liebe zwischen Männern und Frauen, die sich gemeinsam in ein unbekanntes und aufregendes Abenteuer werfen.

Frage: Entstanden durch die unterschiedlichen Sprachen am Set irgendwelche Komplikationen?

Dai Sijie: Was besonders amüsant war: wenn jemand einen Wutanfall in seiner Sprache bekam, verstand ihn niemand und der Zorn verrauchte so schnell, wie er entstanden war. Die eigentliche Schwierigkeit lag darin, den Film in 42 Tagen mit einem knappen Budget fertig zu stellen.

Ich musste jede Einstellung genau planen und durfte nichts dem Zufall oder der Improvisation überlassen, durfte auch nicht zu lange Zeit mit Nachdenken vergeuden. Eine Frage der Disziplin. Ich habe mich den Umständen gefügt. Auch da wurde ich bestens unterstützt von einem Team, das trotz unterschiedlicher Sprachen sehr geschlossen und einheitlich arbeitete.

Guy Dufaux, mein Kameramann bei ?Tang le Onzième?, mit dem ich unbedingt wieder zusammen arbeiten wollte, ist ein außergewöhnlicher Mensch und ein kreativer Künstler. An Bin, der berühmten chinesischen Set Designerin, gelang eine Arbeit von seltener Schönheit, die den Film bereichert und sich nicht damit begnügt, nur die Handlung zu illustrieren oder nur einen kleinen chinesischen Touch zu geben.

Frage: Was wünschen Sie sich, wenn das Publikum das Kino verlässt?

Dai Sijie: Dass es meinen Film liebt. Dass es ihn schön und bewegend findet. Wenn im Kino die Lichter ausgehen und die Zuschauer gebannt auf die Leinwand starren, endet damit die letzte Phase des kreativen Prozesses.

Dai Sijie. Foto: Universum Film

Filmemacher und Romanautor Dai Sijie, geboren 1954 in der chinesischen Provinz Fujian, erlebte von 1971 bis 1974 die kulturelle Umerziehung hautnah: Die Kommunisten schickten ihn in ein abgelegenes Bergdorf. Nach Maos Tod durfte er Kunstgeschichte in Peking studieren und erhielt wenig später ein Auslands-Stipendium.

Der Sohn eines Mediziners entschied sich für Frankreich und begann 1984 an der IDHEC, der angesehenen Filmakademie, ein Filmstudium. Sein erster Spielfilm ?Chine ma douleur? (1989) wurde mit dem französischen Filmpreis ?Prix Jean Vigo? ausgezeichnet. Es folgten 1994 ?Le Mangeur de Lune? und 1998 ?Tang le Onzième?.

Der internationale Durchbruch kam mit seinem Roman ?Balzac und die kleine chinesische Schneiderin?, der in 30 Sprachen übersetzt wurde und sich allein in Deutschland 500.000mal verkaufte. Dai Sijies Verfilmung lief 2002 im offiziellen Programm des Festival de Cannes und erhielt eine Golden Globe-Nominierung.

Anschließend schrieb er einen neuen, 2003 mit dem ?Prix Femina? ausgezeichneten Roman, ?Le complexe de Di? (Muo und der Pirol im Käfig), die Geschichte eines Psychoanalytikers, der nach langen Jahren des Exils nach China zurückkehrt.

Die Töchter des chinesischen Gärtners ist sein fünfter Spielfilm, er startet am 28. Juni 2007 in Deutschland in den Kinos. Dai Sijie schrieb selbst das Drehbuch und führte Regie.

Filmplakat

Feature zu Die Töchter des chinesischen Gärtners:

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Quelle: Universum Film © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken