Interview mit Darius Michalczewski
"Wir machen doch keinen Straßenkampf, wir boxen nach Regeln."
Frage: Für die Boxfans ist die Revanche gegen Rocchigiani der "Kampf des Jahres" aus deutscher Sicht. Welchen Stellenwert hat dieser Fight für sie?

Darius Michalczewski: Ich freue mich, dass 'Rocky' endlich mein Angebot zum Rückkampf angenommen hat. Es hat ja etwas gedauert. Sofort nach unserem ersten Fight habe ich ihm den Vorschlag gemacht. Damals in Hamburg tobten die Emotionen der Fans. Ich brachte an diesem Tag nicht meine beste Leistung. Mein Kopf war nicht frei, da es Drohungen gegen meine Familie gegeben hatte.

'Rocky' hat nach dem Gong nachgeschlagen. Wir machen doch keinen Straßenkampf, wir boxen nach Regeln. Die sind jedem bekannt, deshalb müssen Fouls auch geahndet werden. Tyson darf niemandem in die Ohren beißen, Rocchigiani darf nicht nachschlagen. Nur schwache Menschen können ihre Emotionen nicht beherrschen.

Frage: Das Wiedersehen mit Graciano Rocchigiani am 13. Januar 2000 endete mit heftigen Beleidigungen ("Du bist ein dummer Pole") gegen Ihre Person. Nehmen sie solche Äußerungen persönlich oder gehört das zum üblichen Ballyhoo vor einem Kampf?

Darius Michalczewski: Die Verbalattacken von 'Rocky' nehme ich nicht persönlich. Heftige Wortduelle sind nicht mein Stil, ich sehe mich als kultivierten Menschen, der seine Gegner achtet. Im Ring werden wir sehen, wer der Bessere sein wird.

Ich habe schon 18 Mal um die Weltmeisterschaft erfolgreich geboxt - was 'Rocky' in den letzten Jahren beruflich getrieben hat, weiß ich nicht. Durch sportliche Leistungen hat er sich jedenfalls nicht ausgezeichnet.

Frage: Ihr Trainer beim ersten "Rocky"-Fight war der Amerikaner Chuck Talhami. Die Zusammenarbeit mit Ihrem jetzigen Coach Fritz Sdunek begann kurz danach. Mit ihm haben sie in der Zwischenzeit ihren Titel 17 Mal erfolgreich verteidigt. Wie hat er sie diesmal vorbereitet?

Darius Michalczewski: Mein Trainer Fritz Sdunek hat mir ein ganz spezielles Programm ausgearbeitet. Im Januar waren wir zwei Wochen auf Gran Canaria, haben dort mit 8-Kilometer-Läufen, Steigerungs- und Treppenläufen den Grundstein für die allgemeine Fitness gelegt.

Im Februar folgte ein Trainingslager in Zakopane (Polen), neben Bergläufen und Skilanglauf standen Medizinballarbeit, Geräte- und Gewichtarbeit sowie spezielles Hanteltraining auf dem Plan.

In Hamburg trainiere ich zehnmal in der Woche, um 7 Uhr wird aufgestanden, dann steht bei uns im 'Gym' die erste Trainingseinheit an. Gegen 10.30 Uhr wird gefrühstückt. Nach einem Mittagsschlaf geht's noch einmal in den Trainingsraum. Spätestens um 22 Uhr falle ich dann ins Bett.

Frage: Vorausgesetzt, sie gewinnen das Duell am 15. April 2000 - welches sind Ihre weiteren sportlichen Ziele? Gibt es einen "Wunsch"-Gegner, gegen den sie noch antreten wollen?

Darius Michalczewski: Wunschgegner gibt es in dem Sinne eigentlich nicht. Ich habe große Gegner wie Leeonzer Barber, Virgil Hill, Mark Prince und Montell Griffin besiegt. Griffin war der einzige, der je Roy Jones jr. bezwang.

Ich bin jetzt in der unabhängigen Weltrangliste die Nummer 1. Jones liegt hinter mir auf Platz 2. Einen Fight gegen Roy Jones jr. möchte ich schon noch bestreiten, aber wie es aussieht, versteckt sich Jones hinter utopischen Gagenforderungen. Der traut sich nicht, gegen mich anzutreten!

Frage: Ihre Frau Dorota sitzt bei Ihren Kämpfen nur selten am Ring, warum?

Darius Michalczewski: Meine Frau hat früher am Ring gesessen. Das machte mich eher nervös. Ich will nicht, dass sie Angst um mich hat und vielleicht mit ansehen muss, wenn ich verletzt werde. Das ist 1994 mal passiert, ein Cut an der Augenbraue. Für meine Frau war das schlimmer als für mich.

Ich mache mir zu viele Gedanken um Dora. Deshalb ist es mir lieber, wenn sie meine Kämpfe zu Hause im Fernsehen verfolgt. Aber danach rufe ich sie sofort an.

Frage: Ihre Mutter Maria dagegen reist häufig aus Danzig an, um sie live boxen zu sehen. Was bedeutet das für sie?

Darius Michalczewski: Meine Mutter lässt es sich nicht nehmen, mich am Ring anzufeuern. Sie will mir emotionale Kraft geben - das ist sehr lieb von ihr. Nach dem Kampf gibt sie mir Ratschläge und ermahnt mich auch mal - meine Mama eben.

Frage: Welchen Stellenwert genießen sie in ihrer Geburtsstadt Danzig? Können die Fans ihre Kämpfe im Fernsehen live mitverfolgen?

Darius Michalczewski: Ich liebe meine Geburtsstadt Danzig, und ich liebe meine Heimatstadt Hamburg. Ich habe hier und dort meine Freunde. Bin ich bei den einen, fehlen mir die anderen. Mit meiner Familie bin ich sehr glücklich in Deutschland, zahle hier meine Steuern.

Natürlich werde ich oft gefragt, für welches Land mein Herz schlägt. Das schlägt für die Familie und meine Freunde. Ich bin kein Patriot oder ein Überläufer - ich bin ein junger Europäer, und das finde ich großartig. Viele meiner Fans in Polen verfolgen meine Kämpfe, ebenso wie meine deutschen Fans, am Bildschirm.

Ich glaube, dass ich in Polen und in Deutschland genauso viele Anhänger habe.

Frage: Nicolas, der Jüngere ihrer beiden Söhne, steht bereits auch im Ring und eifert ihnen nach. Unterstützen Sie diese Entwicklung? Wie verhält es sich bei Michael? Welche Sportart bevorzugt er?

Darius Michalczewski: Was heißt unterstützen? Nicolas (8) ist begabt. Anfangs ging er viermal in der Woche zum Training, dann dreimal, dann zweimal ... so sind Kinder. Vielleicht ist er nicht hungrig genug. Sollte er wirklich boxen wollen, habe ich nichts dagegen.

Ich kann aber nicht sein Trainer sein. Dazu eigne ich mich als Vater nicht. Entweder wäre ich zu streng oder zu weich. Michael (13) spielt Fußball, läuft Inline-Skates und angelt für sein Leben gern.

Frage: Haben sie sich schon mit Ihrem Karriereende befasst? In welcher Rolle könnten wir sie dann sehen?

Darius Michalczewski: Über das 'Danach' mache ich mir keine Sorgen. Vielleicht liegt da erst meine wahre Begabung. Ich habe so viele Aktivitäten. Wahrscheinlich werde ich dann noch weniger Zeit haben als jetzt.

Ich engagiere mich auch sehr stark im Bereich der Jugend-Sozialarbeit. Mein Projekt 'Sport gegen Gewalt' will ich noch mehr ausbauen, bekannter machen, mehr Unterstützung finden.

Ich habe im Laufe der Jahre sehr viel dazugelernt. Eine Tätigkeit im Management kann ich mir auch gut vorstellen, denn aus meinen Fehlern habe ich gelernt. Es gibt zu wenig Spitzenleute im Bereich Sport-Management in Deutschland.

Spitzenleute sind für mich mein Promoter Hans-Peter Kohl, mein Trainer Fritz Sdunek - der beste Trainer der Welt. Ich weiß, dass ich noch einiges auf die Beine stellen werde.

Darius Michalczewski. Foto: Sat.1

Am 15. April 2000 kommt es in Hannover zum Boxkampf des Jahres aus deutscher Sicht: "Die Abrechnung" zwischen Dariusz Michalczewski (32) und Graciano Rocchigiani. Beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Halbschwergewichtler am 10. August 1996 am Hamburger Millerntor endete der Kampf um die WBO-Weltmeisterschaft mit einem Eklat.

Nach einem Trennkommando hatte 'Rocky' seinen Kontrahenten in der siebten Runde ausgeknockt. Zunächst wurde ein "Technisches Unentschieden" verkündet. Später disqualifizierte der Boxverband WBO den Berliner wegen Nachschlagens.

Seit dem Zeitpunkt gingen sich die beiden aus dem Weg und lieferten sich nur außerhalb des Rings heftige Wortgefechte. Bis Januar 2000: Auf der ersten Pressekonferenz zum Kampf im April tauschten die Erzrivalen über die Tische hinweg schon einmal verbale "Nettigkeiten" aus. Erste Vorboten für einen Fight, den die Boulevard-Presse als das "Hass-Duell" des Jahres betitelte.


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