Interview mit Erik Zabel
"Ich möchte keinen meiner großen Siege missen."
Frage: In der Vergangenheit zeichneten sie sich vor allem dadurch aus, dass sie Ihre Erfolge bei reinen Sprint-Rennen feierten. In dieser Saison avancieren sie zum "Klassiker-Jäger". Wie kam es dazu?

Erik Zabel: Das ist eine ganz normale Entwicklung. Zumindest für meinen Körper. Ich musste mich auch erst daran gewöhnen, dass ich nicht mehr den Punch habe, wie ich ihn vielleicht noch vor drei Jahren hatte. Dennoch: So lange ich mit diesen veränderten Fähigkeiten noch Rennen wie Mailand - San Remo oder das Amstel-Gold-Race gewinne, ist es okay.

Wobei man auch sehen muss, dass ich am Ende immer abhängig bin von den Leuten, die zum Schluss noch bei mir sind. Die müssen in der Lage sein, das Tempo hochzuhalten und am besten nur noch mich mitzunehmen. Und das hat Gian-Matteo Fagnini einfach optimal drauf.

Frage: Vor den letzten fünf Rennen haben sie 135 Punkte Vorsprung auf den derzeitigen Zweiten und Titelverteidiger Andrej Tschmil. Johan Museeuw, auf dem sechsten Platz mit 111 Punkten, hat nach seiner schweren Verletzung 1999 in diesem Jahr sensationell Paris - Roubaix gewonnen. Wie schätzen sie ihre Verfolger ein, wer kann ihnen noch gefährlich werden?

Erik Zabel: Es wäre völlig falsch, wenn ich jetzt denken würde: Nun bin ich durch, den Weltcup kann mir keiner mehr nehmen. Bevor ich auch rein rechnerisch nicht mehr einzuholen bin, ist für mich noch gar nichts entschieden. Was alles passieren kann, hat man ja zuletzt bei Cipollini gesehen. Drei Wochen vor der Tour stürzt er schwer und schon kann er die Tour nicht mehr fahren. Deshalb: Jeder, der rein rechnerisch noch die Chance hat, an mir vorbeizuziehen, kann mir gefährlich werden.

Frage: Lance Armstrong, 'Tour de France'-Sieger von 1999, sagt: "Der wahre König des Radsports ist der Weltcup-Sieger." Welchen Stellenwert hat der Gesamtsieg für sie? Ordnen sie ihn höher ein als Ihre Erfolge bei der Tour de France?

Erik Zabel: Wer viermal das grüne Trikot bei der Tour holt, dazu jede Menge Etappen und auch sonst einiges gewinnt, aber noch nicht Weltcup-Sieger war, der freut sich natürlich über einen solchen Triumph ganz besonders. Aber was die Gewichtung von solchen Erfolgen angeht, bin ich eher vorsichtig.

Klar wäre es schon etwas ganz Besonderes, den Weltcup zu gewinnen und damit zu demonstrieren, dass man das ganze Jahr über der beste Fahrer war. Aber andererseits möchte ich auch keinen einzigen meiner großen Siege missen. Jeder ist auf seine Weise schön und unvergesslich.

Frage: Die HEW-Cyclassics sind neben Paris-Tours vom Profil her das flachste Weltcup-Rennen. Lediglich die Köhlbrand-Brücke über dem Hafen und der Waseberg im Elbvorort Blankenese stellen nennenswerte Steigungen dar. Worin bestehen die Schwierigkeiten?

Erik Zabel: Bei uns gibt es einen alten Spruch, der lautet: Das Profil entscheidet nicht über die Schwere des Rennens, das machen die Fahrer selbst. Das heißt: Auch bei einem vermeintlich leichten Rennen kann es sehr, sehr hart werden. Dann nämlich wittern viel mehr Fahrer ihre Chance. Das ist manchmal härter, als wenn man von vornherein weiß, heute gibt es zwischen dem und dem ein Gemetzel. Außerdem hat ja Hamburg in puncto Wind einiges zu bieten. Vor allem, wenn er so von der Seite bläst wie zuletzt im vergangenen Jahr, ist mir ein anständiger Berg lieber.

Frage: Die Taktik spielt bei einem Rennen eine wichtige Rolle. Wie sieht die Unterstützung ihrer Kollegen vom Team Telekom aus, um das Trikot des Weltcup-Führenden zu verteidigen?

Erik Zabel: Das ist maßgeblich von der Rennsituation abhängig. Prinzipiell ist es so, dass wir das Feld kontrollieren müssen, damit nicht plötzlich irgendeiner wegfährt, der mir gefährlich werden kann. Das wäre schlecht. Zumal Hamburg neben Paris-Tours für mich die Möglichkeit bietet, noch mal richtig zu punkten.

Frage: Die gesamte Weltcup-Elite geht in Hamburg an den Start. Welche Konkurrenten behalten sie besonders im Auge?

Erik Zabel: Die letzten beiden Jahre haben gezeigt, dass es in Hamburg sehr schwierig ist, sich auf jemanden vorher einzuschießen. Das ist ein Kurs, da kann es schon mal eine Überraschung geben. Hoffentlich für mich dies mal keine unangenehme.

Frage: Ihr Teamkollege Jan Ullrich hat sich 1997 in die Siegerliste der Hansestadt eingetragen. Mit welchen Ambitionen geht er in seiner ehemaligen Wahlheimat Hamburg an den Start?

Erik Zabel: Das kann er eigentlich nur für sich selbst beantworten. Ich denke schon, dass er vor eigenem Publikum besonders motiviert ist. Zumal er ja auch sehr gern in Hamburg fährt. Andererseits ist die Situation klar: Ich bin im Weltcup vorn und möchte das auch noch nach dem Rennen sein. Wenn es die Rennsituation ergibt, dass Jan gewinnen und trotzdem keiner meiner Haupt-Konkurrenten Boden auf mich gut machen kann - nichts dagegen.

Erik Zabel. Foto: Sat.1

Am 6. August 2000 steigt in Hamburg das sechste von zehn Weltcup-Rennen dieser Saison. Die gesamte Weltelite der Radprofis geht bei den "HEW-Cyclassics" auf die 251 km lange Strecke an den Start.

Einer, der bei der Jagd nach wertvollen Punkten für das Gesamt-Klassement ganz vorn mitmischen will, ist Telekom-Star Erik Zabel.

Der 30-jährige gebürtige Berliner mit Wohnsitz in Unna hat ein fantastisches Frühjahr hinter sich. Siege bei den Klassikern Mailand - San Remo und dem Amstel Gold Race, ein hervorragender 3. Platz beim Höllenritt über die Kopfstein-Pflaster von Paris - Roubaix sowie der 4. Platz bei der Flandern-Rundfahrt haben sein Punktekonto mächtig anschwellen lassen. Nach der Hälfte der Serie führt "Ete" die Weltcup-Wertung mit 290 Punkten an.

In der Vergangenheit hat dieser Wert oftmals schon gereicht, um am Ende den Siegerpokal mit nach Hause zu nehmen. Den Abschluss der Serie bildet die Lombardei-Rundfahrt am 21. Oktober 2000. Dann könnte sich Erik Zabel als zweiter Deutscher nach Olaf Ludwig 1992 in die Siegerliste des Weltcup eintragen.


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