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Interview mit Prof. Dr. med. Ernst G. Vester "Ich bin vom Fleisch eigentlich ganz weggekommen." |
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Frage: Herr
Professor Vester, würden Sie als Herzspezialist eindeutig
bejahen, dass gesunde Ernährung das Risiko für
Herzkrankheiten reduzieren kann?
Ernst G. Vester: Das kann ich ganz eindeutig bejahen. Eine gesunde Ernährung kann das kardiovaskuläre Risiko, so nennen wir es in der Fachsprache, also das Risiko, irgendeine Gefäßerkrankung zu bekommen, senken, da gibt es gar keinen Zweifel. Frage: Welche Rolle spielt der Fisch auf dem gesunden Speiseplan? Ernst G. Vester: Die gesunde Ernährung setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Es ist eine Ernährung, die arm an tierischem Fett ist, viele Ballaststoffe enthält, möglichst auf Zucker verzichtet und relativ kalorienarm ist, weil wir auch an Gewichtserhaltung beziehungsweise Gewichtsreduktion denken müssen. Eine der wichtigen Komponenten ist sicherlich auch der Reichtum an, wie man nun schon seit einigen Jahren weiß, so genannten Omega-3-Fettsäuren, dem Fischöl. Es unterscheidet sich vom tierischen Fett sehr stark. Tierisches Fett wird vom Körper relativ direkt in Cholesterin umgebaut, was zu Arteriosklerose führt. Fischöl bewirkt eigentlich das Gegenteil. Frage: Was genau bewirken Omega-3-Fettsäuren oder Fischöl? Ernst G. Vester: Die Omega-3-Fettsäuren, die im Fisch enthalten sind, haben verschiedene positive Eigenschaften. Das wurde in großen, kontrollierten und randomisierten Studien an circa 30.000 Patienten nachgewiesen. Sie senken das kardiovaskuläre Risiko nachhaltig in einer Größenordnung zwischen 20 und 50 Prozent. Omega-3-Fettsäuren sind die öligen Substanzen, die in Seefischarten vorkommen. Sie sind eine spezielle Gruppe innerhalb der ungesättigten Fettsäuren und gehören zu den essentiellen Fettsäuren. Sie sind lebensnotwendig und können vom Körper nicht selber hergestellt werden. Diese Omega-3-Fettsäuren haben zwei wichtige Komponenten. Das sind DHA und EPA, Docosahexaensäure und Eicospentaensäure. Diese beiden Substanzen lagern sich in die Zellmembran ein und sorgen für deren Stabilität. In vielen verschiedenen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass sie Herzrhythmusstörungen vorbeugen, instabile Gefäßareale mit sogenannten Plaques (Kalk- nd Fettablagerungen) stabilisieren, die sonst Infarkte verursachen können, dass sie ferner die Blutfette senken und antithrombotisch und antientzündlich wirken. Sie haben einen gesunden Einfluss auf den Blutdruck und sorgen für eine positive Wirkung auf Gefäßfünktionen. Frage: Fließen diese Erkenntnisse in die moderne Medizin ein? Ernst G. Vester: Auf jeden Fall. Die Omega-3-Fettsäuren wurden in die offiziellen Empfehlungen bei den Leitlinien zur Behandlung und Prävention der koronaren Herzerkrankungen der American Heart Associoation, der wichtigsten internationalen kardiologischen Gesellschaft, aufgenommen. Und interessanterweise ist es auch die erste Leitlinie, die ein Nahrungsmittelbestandteil in der Prävention und auch der Therapie der koronaren Herzerkrankungen empfiehlt. Dort steht tatsächlich: Für Patienten mit koronarer Herzerkrankung wird 1 Gramm Omega-3-Fettsäuren pro Tag empfohlen. Das entspricht vier Fischmahlzeiten pro Woche. Man kann das Fischöl natürlich auch in Kapseln oder in flüssiger Form zu sich nehmen. Das empfiehlt sich, wenn man tatsächlich schon einen Herzinfarkt erlitten hat. Da reicht der normale Fischkonsum nicht aus, die Patienten sollten dann zwei Fischmahlzeiten pro Woche plus zwei Kapseln pro Tag mit 120 mg DHA und 180 mg EPA zu sich nehmen. Das ist für einen Herzinfarktpatienten schon eine sehr gute Prophylaxe. Für die normale Prävention reichen 500 g Omega-3-Fettsäuren, entsprechend zwei Fischmahlzeiten pro Woche. Und da sollte es Seefisch sein, denn der hat die höchsten Konzentrationen an Omega-3-Fettsäuren. Frage: Welche Fische gehören zu der Gruppe mit den höchsten Konzentrationen? Ernst G. Vester: Den höchsten Gehalt hat der Lachs, wobei der Farmlachs noch einen etwas höheren Gehalt an Omega-3-Fettsäuren hat als der Wildlachs. Ebenso empfehlen sich fetter Thunfisch, Atlantik-Hering, Regenbogen-Forelle, Heilbutt, Catfish, Schwertfisch und Makrele. Frage: Kann man, wenn die Herzkranzgefäße schon verengt sind, mit gesunder Ernährung noch etwas verändern? Ernst G. Vester: Das kann man. Bewiesen hat es die GISSI-Studie (GISSI = Gruppo Italiano per lo Studio della Sopravvivenza nell'Infarto miocardico), an der 11.000 Patienten nach Herzinfarkt teilnahmen. Diese Patienten sind mit Omega-3-Fettsäuren oder Placebo behandelt worden. Nach drei Jahren wurde dabei die Gesamt-Sterblichkeit um 28 Prozent gesenkt und das Risiko eines plötzlichen Herztodes sogar um 45 Prozent. Das ist die eine große Studie, und dann gibt es noch die JELIS-Studie (Japan Eicosapentaenoic acid (EPA) Lipid Intervention Study) mit 18.600 Patientinnen mit hohem Cholesterinspiegel. Die haben entweder ein so genanntes Statin, ein Mittel zum Cholesterinsenken, bekommen oder dieses Statin plus Omega-3-Fettsäuren. Da wurde doch immerhin die Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse um 20 Prozent gesenkt. Über den Effekt des Cholesterinsenkens hinaus kam hier der Membran stabilisierende Effekt der Omega-3-Fettsäuren hinzu. Darüber hinaus haben viele Patienten natürlich auch Übergewicht, Zuckererkrankungen, Fettstoffwechselstörungen. Für diese Patienten bringt natürlich auch eine Reduktionskost mit Fisch und ballaststoffreiche Ernährung, arm an tierischen Fetten und Zucker, eine deutliche Verbesserung. Dazu gibt es auch eine sehr interessante Studie, die "Nurses' Health Study" an 84.000 Krankenschwestern mit niedrigem kardiovaskulärem Risiko. Eine Gruppe betätigte sich mindestens 30 Minuten pro Tag sportlich. Sie mussten einen BMI von unter 25 haben und haben sich fettarm und ballaststoffreich mit niedrigem glykämischen Wert und hohem Anteil an ungesättigten Fettsäuren ernähren. Sie durften etwas Alkohol pro Tag trinken - bis zu 5 g - und durften nicht rauchen. Diejenigen, die dieses Programm absolviert hatten, hatten nach 14 Jahren ihr Herzinfarktrisiko auf ein Siebtel herunter gesenkt. Frage: Stichwort Eigenverantwortung: In welchem Maße kann denn jeder selbst zu einem gesunden Herzen beitragen und spielen hier eventuell auch Veranlagung oder Umweltfaktoren eine Rolle? Ernst G. Vester: Wir wissen heute, dass sich durch konsequente Änderung des Lebensstils - dazu gehören neben gesunder Ernährung: Gewichtsoptimierung, Stressabbau, Nicht-Rauchen, regelmäßige Bewegung und wenig Alkohol - fast alle Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen erheblich positiv beeinflussen lassen. Nicht beeinflussbar sind die folgenden Risikofaktoren: Alter, das Geschlecht - Männer haben ein höheres Risiko als Frauen - und genetische Faktoren. Aber den größten Teil der Risikofaktoren kann man persönlich beeinflussen und dadurch das Risiko um über 80 Prozent senken! Frage: Sollte man bei Kindern auch schon darauf achten, dass sie genügend Omega-3-Fettsäuren zu sich nehmen? Ernst G. Vester: Die Arteriosklerose beginnt im Alter von circa 20 Jahren. Das geschieht natürlich unbemerkt. Insofern ist eine gesunde Ernährung im Kindesalter essentiell für eine gute Prognose. Das Schlimmste ist, den Kindern Fast-Food vorzusetzen. Aber es wird ja heute auch schon Fisch angeboten. Das Problem ist die zunehmende Adipositas und die Bewegungsarmut der Kinder. Aber das Gesundheits-Bewusstsein nimmt zum Glück wieder zu und wird dann hoffentlich auch den Kindern zu Gute kommen. Im Grunde geht es auch bei Kindern darum, frühzeitig auf genügend Omega-3-Fettsäuren zu achten, für ballaststoffreiche Ernährung mit Salat, Gemüse, Obst und wenig Kohlenhydraten und für ausreichend Bewegung zu sorgen (mehr Spiel und Sport, weniger TV und Playstation). Frage: Welches Bewegungstraining empfehlen Sie Erwachsenen, um das Herzkreislauf-System fit zu halten? Ernst G. Vester: Alle Ausdauersportarten sind gut, das kann Fast-Walking, Nordic-Walking, Joggen, Radfahren, Schwimmen sein. Aber auch Gerätetraining im Fitness-Studio ist gut, denn Muskelaufbau und Fettabbau ist auf jeden Fall für Herz, Gefäße und Kondition gut. Im Prinzip reicht es meines Erachtens, wenn man jeden zweiten Tag 30 Minuten Sport macht. Frage: Essen Sie selbst auch Fisch? Ernst G. Vester: Sehr gerne sogar, ich bin vom Fleisch eigentlich fast ganz weggekommen. Zu meinen Favoriten gehören Garnelen, Zanderfilet, Lachs und Thunfisch in vielen Zubereitungsvariationen. Dazu trinke ich gerne ein Gläschen Wein, was durchaus auch durch die enthaltenen pflanzlichen Polyphenole nachweislich eine positive Wirkung auf die Herzgesundheit haben kann, aber das ist ein anderes Thema. Datum. Quelle: Nordsee. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich. |
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