Interview mit Fernando León de Aranoa
"Ich glaube, beim Filmemachen geht es immer darum, eine Lüge auszuarbeiten, die in ihrem Innersten eine Wahrheit enthält."
Frage: Wie ist die Geschichte von "Princesas" entstanden?

Fernando León de Aranoa: "Princesas" hat mehrere Ursprünge, es fällt mir schwer zu sagen, wie die Geschichte genau entstanden ist. Ein Aspekt davon war die Erzählung eines Freundes, über den Friseursalon, in dem seine Mutter arbeitete und in den auch die Prostituierten des Viertels gingen ? nicht nur, um sich die Haare schneiden zu lassen, sondern auch um zu erzählen und sich zu unterhalten.

Dabei ging es auch um die Rivalität zwischen den hiesigen und und den ausländischen Mädchen und den Umstand, dass die Immigrantinnen wegen des harten Wettbewerbs in diesem Geschäft fast immer schlecht aufgenommen wurden.

Ich habe angefangen, eine Geschichte über diese Rivalität zu schreiben, und zwar mit dem Ziel, sie so zu erzählen, wie man es für jedes andere Berufsfeld auch tun könnte.

Dann hat die Arbeit an "Los lunes al sol" angefangen, so dass ich meine Notizen erst einmal wieder wegpacken musste, was mir damals ziemlich schwergefallen ist.

Frage: Wie haben Sie Ihre Hauptdarstellerinnen gefunden?

Fernando León de Aranoa: Ich versuche beim Schreiben immer, nicht an einen bestimmten Schauspieler zu denken, um die Figur frei gestalten zu können. Man läuft sonst Gefahr, Dinge zu schreiben, die man aus anderen Filmen schon kennt und die einem gefallen haben, was für niemanden gut ist, nicht für den Film und nicht für den Schauspieler.

Ich muss aber zugeben, dass ich Candela immer wieder vor Augen hatte, als ich Cayes Dialoge geschrieben habe. Es hat nicht immer geklappt, die beiden voneinander zu trennen. Candela ist eine wirklich außergewöhnliche Schauspielerin. Sie arbeitet immer von einem bestimmten Punkt der Wahrhaftigkeit aus, was für jeden Regisseur ein Geschenk ist.

Für die Rolle der Zulema haben wir Castings auch außerhalb Spaniens gemacht, in Kuba und in New York. Dort sind wir dann Micaela begegnet, was ein riesiges Glück für den Film war. Schließlich hatten wir noch ein sehr zeitaufwendiges Casting für die Mädchen im Friseursalon.

Viele von ihnen haben zum ersten Mal in einem Film mitgespielt, was den Dreh zu einer sehr besonderen und aufregenden Zeit gemacht hat.

Frage: Wieviel Spielraum lassen Sie sich und den Schauspielern, um während des Drehs vom Buch abzuweichen, womöglich sogar zu improvisieren?

Fernando León de Aranoa: Ich nutze die Probenzeit vor dem Dreh, um zu überprüfen, ob die Dialoge stimmig sind, ob sie richtig klingen oder einfach unglaubwürdig sind. Bei den Dreharbeiten fälllt es mir tatsächlich schwer, Veränderungen zu akzeptieren. In gewisser Hinsicht bin ich wahrscheinlich immer noch ein Drehbuchautor, der Regie führt.

Beim Schreiben der Dialoge suche ich eine bestimmte Musikalität, bei der ich Angst habe, sie später in Improvisationen wieder zu verlieren. Bei der Figur der Zulema war das anders, ich wollte die Wendungen und Ausdrücke einbauen, die Micaela mitgebracht hat, ihre besondere Art zu sprechen.

Frage: Verlangt diese Arbeitsweise - sich gleichzeitig eng an den Text zu halten und mit einer sehr beweglichen Kamera zu arbeiten - eine lange Probenzeit?

Fernando León de Aranoa: Ich probe immer vor den Dreharbeiten. Ich denke, alle Szenen tragen immer irgendeine Schwierigkeit in sich. Dabei geht es aber nicht darum, die Szenen bis zum Ende durchzuspielen und sie drehfertig zu machen, sondern sie zu öffnen, an ihnen zu feilen, um eine erste Annäherung, eine Lesart hinzubekommen.

Es nützt nichts, zwei Monate vor Drehbeginn endlos zu proben. Wenn der Moment kommt, versuchen wir, einen kurzen Durchlauf der gesamten Szene zu machen, damit alle wissen, um was es über die einzelne Einstellung hinaus geht. Bei den Szenen im Friseursalon war das entscheidend.

Wir haben jeden Tag zu Beginn den Ablauf der Szene einmal durchgespielt, ein kleines Theaterstück mit allen Bewegungen und Positionen, damit sie den Schauspielern und dem Kameramann klar wurden. Ich halte wenig davon, eine Szene so lange zu proben, bis du denkst, das ist jetzt die endgültige Fassung.

Ich glaube, es ist besser, kurz vorher aufzuhören, wenn du siehst, dass sich die Dinge in die Richtung entwickeln, die du gesucht hast.

Frage: Wie wichtig waren Ihnen die Stadtviertel von Madrid, in denen Sie gedreht haben?

Fernando León de Aranoa: Gerade Entrevías spielt eine besondere Rolle in unserem Film. Es ging mir damit ähnlich wie mit Candela Peña, ich wusste schon während des Schreibens, dass ich in Entrevías drehen würde. Es ging los, als wir den Friseursalon von Gloria gesucht haben, einer der schwierigsten Drehorte, weil wir einen Laden mit vielen Besonderheiten brauchten.

Mir fiel schließlich der Ort wieder ein, wo wir für meinen Film "Barrio" gedreht hatten. Es gab eine Kneipe dort, "El Principe", die geschlossen war. Dort haben wir dann alles gefunden, was wir brauchten. Mit den Leuten aus dem Viertel hat sich dann später während des Drehs ein herzliches Verhältnis entwickelt.

Ich bin mir sicher, dass es woanders in Madrid sehr viel schwieriger gewesen wäre, diesen Film zu drehen. Am ersten Tag haben wir uns vorgestellt und mitgeteilt, dass wir jetzt eine Weile in der Gegend sein und uns bemühen würden, das Leben so wenig wie möglich zu stören. Natürlich stört man mit Dreharbeiten immer, aber die Leute haben uns trotzdem gut aufgenommen.

Der Priester von Entrevías hat uns das Gemeindehaus angeboten, wo wir dann gegessen haben und die Schauspielerinnnen sich auch umziehen konnten ? dafür haben wir das Kreuz an der Wand dann mit einer Stellwand abgedeckt. Viele Leute aus dem Viertel haben am Film mitgearbeitet, einige als Statisten, andere als Teile der Crew oder im Wachdienst. Die vorgezogene Welturaufführung hat auch in Entrevías stattgefunden.

Bei den Szenen im Friseursalon habe ich immer auf einem kleinen Monitor beobachtet, was wir gedreht haben. Nach ein paar Tagen kam eine Nachbarin zu uns herunter. Sie wollte sich gar nicht beschweren, sondern uns nur warnen: Sie konnte unser Bild gut sehen, wenn sie ihren Fernseher einschaltete, und sie hatte Sorge, dass unser Film von jemandem aufgenommen und als Raubkopie veröffentlicht werden könnte.

Frage: Wie ist die Filmmusik zu "Princesas" entstanden?

Fernando León de Aranoa: Die Musik ist aus der Geschichte entstanden, deswegen teilt sie sich in gewisser Weise in zwei Welten. Die eine hat viel mit Zulema zu tun, mit ihrer Welt, dem Spaziergang über den Markt, dem Besuch im lateinamerikanischen Restaurant.

Die andere, die Alfonso de Vilallonga komponiert hat, bezieht sich auf die sehr emotionalen Passagen des Films. Ich glaube, dass ihm etwas sehr Delikates, sehr Schönes gelungen ist, etwas, das mit der Zerbrechlichkeit der Figuren im Film zu tun hat, so wie er sie gesehen hat. Diskret und elegant, wie die Mädchen; fast unscheinbar, aber nur dem Anschein nach.

Und dann gibt es natürlich noch die Musik von Manu Chao, die so etwas wie eine Brücke zwischen den beiden Welten schlägt. Im Film ist viel von dem, was seine Lieder haben: sie sind sehr ?mestizo?, von der Straße, sehr urban, und sie haben diese fast permanente Verbindung von Traurigkeit und Fröhlichkeit, die er ?malegría? nennt.

Ich habe sie mir immer in Verbindung mit dem kleinen Platz gegenüber dem Friseursalon vorgestellt, dieser Miniatur-UNO mit ihren unzähligen Sprachen und Hautfarben ...

Für mich ist diese Musik auch mit der Hoffnung verbunden, die im Film vorhanden ist, wie ich glaube. Ich habe Manu gesagt, wenn dieser Film Musik hören würde, dann wäre es seine Musik. Am Ende hatte ich das riesige Glück, auf seine Unterstützung und seine Arbeit bauen zu können, in den Songs, die er für diesen Film geschaffen hat.

Frage: In Ihrem Film, der sehr nah an den Figuren ist, scheint die Kamera immer ein wenig Distanz zu wahren. Warum haben Sie viel mit dem Teleobjektiv gearbeitet?

Fernando León de Aranoa: Dafür gab es verschiedene Gründe. Wir wollten, dass die Kamera nicht zu nah an den Schauspielerinnen ist, wir wollten ihnen im buchstäblichen Sinn Raum lassen; Luft, dass ihnen die Kamera nicht dauernd im Nacken sitzt. Ich glaube, dass dann sogar Momente entstehen können, in denen sie die Kamera vergessen. Es gab Situationen, da hat Candela erst nach drei oder vier Proben entdeckt, wo die Kamera aufgebaut war.

An den langen Brennweiten hat mir, genau wie dem Kameramann Ramiro Civita, diese besondere Ästhethik gefallen: sie isoliert die Figuren ein bisschen, sie abstrahiert die Räume um sie herum, was gut für Porträts ist ? und in diesem Film ist das das Wichtigste, das Porträt dieser beiden Frauen.

Frage: Wie wollten Sie die Prinzessinnen zeigen, in welchem Licht?

Fernando León de Aranoa: Ich wollte von den Stereotypen wegkommen, diesem ewig gleichen Bild, das die Prostituierten am Tresen einer dunklen Bar zeigt, die eine Hälfte des Gesichts in rotes Licht getaucht, die andere im Schatten ...

Vieles, was ich bei der Vorbereitung des Filmes erlebt habe, hat überhaupt nichts mit diesem Bild zu tun. Ich wollte etwas Leuchtenderes, Helleres machen, das Leben, das Licht suchen, das es darin gibt. Weil es dieses Licht einfach gibt.

Für den Film wollten wir, dass das Licht natürlich und real erscheint. In einigen Sequenzen, die wir draußen auf der Straße gedreht haben, in der Gegend von Cuatro Caminos oder in Preciados, war immer klar, dass wir die Straße nicht künstlich ausleuchten oder sie absperren und mit Statisten bevölkern würden.

Wir haben uns entschieden, fast wie im Dokumentarfilm mit dem Licht und den Leuten zu drehen, die es um diese Uhrzeit dort einfach gab. Wenn man so will, haben wir versucht, uns mit unserer Geschichte in die Wirklichkeit einzuschleichen statt sie künstlich nachzubauen.

Frage: Wie wirklich und wie märchenhaft ist Ihre Geschichte?

Fernando León de Aranoa: Ich glaube, beim Filmemachen geht es immer darum, eine Lüge auszuarbeiten, die in ihrem Innersten eine Wahrheit enthält. Dieses Paradox ist es, was mir so gut am Kino gefällt, weshalb mich der Spielfilm wahrscheinlich auch mehr anzieht als der Dokumentarfilm.

Es gibt eine offene Abmachung mit dem Publikum in der Fiktion. Wenn die Namen der Schauspieler und des Regisseurs im Vorspann auftauchen, sagt das den Zuschauern: Das, was Sie jetzt gleich sehen werden, ist eine Simulation der Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst.

Und trotzdem kannst du es über die zwei Stunden Filmzeit schaffen, dass die Zuschauer wieder vergessen, was du ihnen am Anfang mitgeteilt hast ? dass sie den Film wie eine Wahrheit erleben, dass sie berührt oder beunruhigt werden, dass sie lachen oder Angst haben. Das ist für mich das Wunder des Kinos.

Fernando León de Aranoa. Foto: Piffl Medien

Fernando León de Aranoa ist Drehbuchautor und Regisseur des preisgekrönten spanischen Dramas Princesas.

Filmplakat
Fernando León de Aranoa. Foto: Piffl Medien

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