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Interview mit Gérard Depardieu "Niemand bringt ohne Liebe etwas Schönes zustande." |
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Frage: Wie hat
Xavier Giannoli Ihnen diese Rolle nahe gebracht?
Gérard Depardieu: Ich habe mich gefreut, mit ihm auf jemanden zu treffen, der eine ganz klare Vision von dem hat, was er machen will, der einen scharfen Verstand hat, genau weiß, wovon er spricht, und der außerdem mit einer grenzenlosen Liebe zum Kino und zum Chanson ausgestattet ist. Xavier kennt sich bestens aus, wenn es um Filme geht. Er ist sehr vielseitig, offen für alle Arten von Genres, und kritisch; er liebt die Auseinandersetzung, was ich an ihm schätze. Er ist ein temperamentvoller junger Mann mit Charakter. Das kann schwierig wirken, aber es ist bloß eine Folge seines Perfektionismus?. Was er macht, könnte nie jemand anders so machen wie er selbst. Deshalb habe ich auch sofort zugesagt, als er mir das Skript zu Chanson d'Amour schickte. Es gibt nichts Wichtigeres, als dass da ein energievoller junger und unabhängiger Regisseur ist, der eine Geschichte zu erzählen hat. Alles andere ist nebensächlich.
Gérard Depardieu: Dass sie sehr schön ist und von jemandem geschrieben, der sich auskennt mit seinem Thema. Die Authentizität der Dialoge erinnerte mich an die Filme, die ich liebe. Aus ihnen spricht ein großer Respekt vor den Chanteurs de bal, den Sängern, die in Clermont-Ferrand oder anderswo in Tanzlokalen und Bars auftreten. An seiner Haltung konnte ich nichts von der herablassenden, großstädtischen Art finden, die so manche anmaßenden jungen Regisseure vor sich her getragen hätten. Und dann sah ich, dass Xavier ein Team leitete, das er offensichtlich bereits gut kannte, und dass er an jeden Einzelnen die höchsten Maßstäbe anlegte, ohne dabei arrogant rüberzukommen. Frage: Was für höchste Maßstäbe sind das? Gérard Depardieu: Begabten Regisseuren eilt häufig ein fürchterlicher Ruf voraus. Über Giannoli wurde beispielsweise erzählt, er sei hart und kompromisslos. Aber Xavier ist nicht hart. Er ist sehr fair. Er ist sowohl schwierig als auch charmant, weil er sehr intelligent und dabei überaus sensibel ist. Er ist liebenswert und vor allem diskret. Er ist eine starke Persönlichkeit und er hat auch obsessive Charakterzüge. Er würde sich nie in sein Skript reinreden lassen, weil es so gut durchdacht ist, dass man es nicht mehr in Frage zu stellen braucht. Er hat seine eigene Produktionsmethode entwickelt und bleibt so in seiner Arbeit ganz unabhängig. Er hat einen guten Humor, wir haben sehr häufig über dieselben Dinge gelacht. Frage: Hatten Sie Bedenken bei der Vorstellung, einen Sänger zu spielen? Gérard Depardieu: Alain Moreau ist ein Mann, der Melodien und Lieder mag und die Leute einfach zum Tanzen bringt. In dem Fall war es nicht schwieriger, Gainsbourgs Lieder zu singen als die von Christophe oder irgendjemand sonst. Es ging weniger darum, sie zu imitieren, als vielmehr darum, Alain Moreau zu spielen, wie er diese Chansons auf seine Art vorträgt. Gott sei Dank, denn es ist schwieriger, Michel Delpech zu geben als Alain Moreau, der Michel Delpechs Lieder singt. Echte Chansons sind Gedichte. In François Truffauts ?Die Frau nebenan?, sagt Mathilde: ?Lieder sagen die Wahrheit.? Man braucht ein feines Gespür, um ihren wahren Wert einschätzen zu können. Und Alain Moreau besitzt dieses Gespür. Frage: Haben Sie Alain Chanone, den Sänger, auf den Xavier Bezug nimmt, persönlich kennen gelernt? Gérard Depardieu: Natürlich. Und ich habe auch andere Sänger vor ihm kennen gelernt. Er ist ein Mann, der von seiner Leidenschaft getrieben wird. Ein guter Typ. Ich habe seine Gesellschaft genossen, ebenso wie die der anderen Menschen aus dieser Welt der Ballhäuser und Tanzbars. Frage: Haben Sie und Xavier die Lieder durchgesprochen, die Sie im Film singen sollten? Gérard Depardieu: Ja, ich kannte sie allerdings bereits alle gut. Barbara sagte immer zu mir, ein Chanson zu singen, sei eine einzigartige Kunst. Ein Sänger, der auf Tournee geht, durchlebt ein berauschendes Abenteuer. Und manchmal ist es dann schwer, wieder auf den Boden zurückzukommen. Alain Moreau ist aber noch interessanter. Er kennt diese große Welt, zieht seine kleine Welt jedoch vor. Er singt lieber für die Leute, die zu ihm kommen, weil sie tanzen wollen. Er weiß, dass er nie ein Star sein wird. Würde er das überhaupt wollen? Und ist es nicht das, was ihn so anders, so menschlich macht? Er lebt mit seiner Ziege, seinem Gesichtsbräuner und seiner Melancholie. Das Einzige, was ihn aus seiner Einsamkeit reißen kann, ist die Liebe. Man spürt, dass er jemanden hatte, aber das bleibt immer in der Schwebe. Der Beweis dafür sind die kleinen Episoden mit seiner Ex-Frau, die von Christine Citti gespielt wird. Mit Marion ist es anders. Sie gehört einer anderen Generation an. Sie entgleitet ihm. Sie ist klarer, entschiedener, spröder. Das ganze Gegenteil von Cécile de France! Sie ist so süß, offen und sensibel! Eine wunderbare Frau. Sie ist auf eine herrliche Art frei. Beschwingt und hellwach. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass sie aus Belgien kommt? Ich wünsche ihr viel Glück. Frage: Man hat den Eindruck, dass Ihr Spiel eine Intensität hat wie lange nicht mehr ... Gérard Depardieu: Ja, auf eine gewisse Art mag das stimmen. Es gibt nun einmal Leute, die das zu nutzen wissen, was man ihnen anbietet, und es gibt andere, die es mit der Angst zu tun kriegen. Wenn die Leute sie selbst sind, ist alles gut. Xavier Giannoli urteilt an keiner Stelle über die Figuren, die er filmt. Er liebt sie genauso, wie ein Jean Renoir es getan hätte. Wenn man aus seinem Film kommt, fühlt man sich größer, besser, beschwingter. Er ist zuallererst einmal vergnüglich. Teilweise wegen der Chansons, deren Bedeutung sich nicht immer sofort erschließt, sondern erst allmählich. Und dann wegen des besonderen Charakters des Autorenfilms, dessen Perspektive den Zuschauer ernstnimmt. Schließlich wird hier die Geschichte eines Mannes erzählt, der die Menschen glücklich machen möchte. Etwas Tolleres gibt es gar nicht. Ich war genauso berührt, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, wie damals, als ich das Buch zum ersten Mal las. Vor allem von der intelligenten Inszenierung und der strengen, aber nie zu ernsten Erzählweise. Frage: Man könnte fast meinen, die Zeile: ?Jedes Mal, wenn alle denken, ich wäre am Ende, bin ich wieder da?, wäre für Sie geschrieben worden ... Gérard Depardieu: Es ist eine einfache und sehr starke Textzeile. Auf jeden Fall ist es doch so, dass der, der sich selbst für talentiert hält, bereits tot ist, weil er glaubt, sich nicht mehr anstrengen zu müssen. Man überlebt nicht aufgrund anderer, sondern wegen der Motivation, die man in seine Arbeit steckt. Unser persönliches Talent wird erst sichtbar, wenn es uns abhanden zu kommen droht. Mit dem Regisseur ist es dasselbe: Wenn in dem, was er zu erreichen versucht, keine Liebe ist, dann ist es hoffnungslos. Niemand bringt ohne Liebe etwas Schönes zustande. |
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