Interview mit Giles Smith
"Mick Jagger war ja auch nicht gerade ein Revoluzzer."
Frage: Wie kam es dazu, dass Sie Ihre Erfahrungen mit der Welt der Popmusik überhaupt aufgeschrieben haben?

Giles Smith: Inspiriert haben mich eigentlich zwei Bücher: "U & I" Nicholson Baker, ein Buch über John Updike, das zum Brüllen komisch ist und einem zwei Themen näher bringt: Heldenverehrung und den Wunsch des Autors, genauso berühmt zu sein wie sein Held. Am Wichtigsten war aber "Fever Pitch" von Nick Hornby. Es schildert auf so brilliante Weise männlichen Wahn und hat dem Genre der "beichtenden Memoiren" zu neuem Ruhm verhelfen.

Frage: Steht in Lost in Music eher die Reifung des Helden im Vordergrund oder die Liebe zur Popmusik?

Giles Smith: Ich habe bis heute noch nichts von Reife gemerkt. Eigentlich hoffe ich auch, dass dem nicht so ist, sonst gäbe es ja nichts mehr, worauf man sich noch freuen kann. Ich wollte einfach ein Buch darüber schreiben, wie die Begeisterung für Popmusik dein ganzes Leben vereinnahmen kann, und über den harten Kampf, bis man es zum Musiker geschafft hat ,und über die irrigen Vorstellungen, denen man unterliegt, wenn man unbedingt ein Star werden will.

Frage: Haben Sie überhaupt jemals aufgehört, von einem Dasein als Popstar zu träumen?

Giles Smith: In meiner Fantasie male ich mir immer noch ein Leben aus, in dem ich nichts zu tun habe, außer Musik zu machen. Aber diese Fantasie ist mit mir ein wenig gealtert, das heißt, ich lasse mich momentan von dem Irrglauben leiten, eines Tages ein ganzes Repertoire an unglaublich tollen Popsongs zu schreiben, die jeder covern will, von Robbie Williams bis Kiri Te Kanawa.

Ich werde reich und berühmt und die Leute werden von mir in ehrfurchtsvollem Ton sprechen, mit dem Unterschied, dass nicht ich es bin, der oben auf der Bühne steht und singt.

Frage: Bedauern Sie es also, dass Sie nicht mehr in Bands spielen?

Giles Smith: Ich vermisse es schon, Musiker um mich zu haben. Mit Leuten, die Instrumente spielen, hat man immer viel Spaß. Außer mit Drummern natürlich. Aber nein, ich bedauere es nicht wirklich. Es ist ein ziemlich undankbarer Job, in einer Band zu spielen, und ich bin einfach zu alt, um Nachts um halb Zwei Verstärker in Lastwägen zu hieven.

Frage: Was halten Sie von einem TV-Event wie 'Popstars'?

Giles Smith: Ich sag Ihnen was: Ich habe noch nicht eine einzige Folge gesehen. Ich hatte das Gefühl, zu wissen, wie das ablief, weil so viel darüber in den Medien berichtet wurde. Ich glaube, es ist ein Weg wie jeder andere, wenn man einen Hit landen will.

Ich gehöre sicher nicht zu denen, die meinen, dass eine Popgruppe aus einem authentischen Bedürfnis nach Selbstverwirklichung entstehen muss. Randy Newman hat mal gesagt: »Es ist alles Showbusiness«. Mick Jagger war ja auch nicht gerade ein Revoluzzer.

Frage: Glauben Sie, dass die Teenager heutzutage die gleiche Vorstellung vom Starruhm haben wie in den 70ern?

Giles Smith: Ich glaube nicht, dass sie Starruhm als etwas betrachten, dass die ganze Welt vereint, so wie es in den Tagen von 'Live Aid' war oder als Michael Jackson 40 Millionen Platten verkaufte. Popmusik ist einfach nicht mehr so ein großes Ding wie früher. Aber ansonsten sind die Verlockungen und Fallen, in die man geraten kann, ganz bestimmt noch die selben.

Frage: Was empfanden Sie, als "High Fidelity" ein Riesenerfolg wurde?

Giles Smith: Ich wollte mich eingraben. Es ist ja schon schlimm genug, wenn andere Erfolg haben und man selbst nicht, aber wenn es noch dazu einer deiner Freunde ist, dann tut das echt weh ...

Frage: Was sieht Ihre Top 10 der besten Popsongs aller Zeiten aus?

Giles Smith: 'As' von Stevie Wonder; 'Appetite' von Prefab Sprout; 'Fired' von Ben Folds; 'Jane Doe' von Alicia Keyes; 'Say a Little Prayer' von Aretha Franklin; 'Crush' von Jennifer Page; 'Bend' von Shelby Lane; 'Human Nature' von Michael Jackson; 'India Arie' von India Arie; 'Tracy Hide' von den Wondermints.

Die könnte man mir auf ein Endlostape spielen und es würde mir eine ganze Zeit nicht langweilig werden.

Frage: Was möchten Sie noch loswerden bezüglich Lost in Music?

Giles Smith: Ich bedauere es, dass ich nicht mehr von meiner Verbindung zur Band 'Automatic Diamini' eingebaut habe.

Ich schreibe zwar, dass ich bei ihnen gespielt habe, aber ich vergaß zu erwähnen, dass ich durch eine schüchterne junge Frau ersetzt wurde, die später mal bescheidene Erfolge als PJ Harvey feiern durfte. Oder dass John Parish, der auch bei 'Automatic Diamini' spielte, später mit den 'Eels' berühmt wurde.

Es ist genau so wie in dem alten Lied: »Eveybody's making it big but me«. Ach ja, und Channel 4 wird aus meinem Buch vielleicht einen dreiteiligen Fernsehfilm machen. Wenn es klappt, will ich den Part meiner Mutter spielen. Sie hat den besten Text.

Giles Smith. Foto: Heyne Verlag

Lost in Music ist die entwaffnend ehrliche, selbstironische und autobiografische Coming-Of- Age-Geschichte von Giles Smith, der sein halbes Leben den Traum lebte, ein Popstar zu werden und dabei Anekdoten und Peinlichkeiten ans Tageslicht beförderte, die (fast) jeder junge Mann schon selbst erlebt hat, sich aber nicht zu sagen getraut hat.

Es ist eine Odyssee auf der Suche nach diesem ominösen Starruhm, der junge Leute seit den Tagen von Elvis Presley immer wieder von der großen Karriere im Musikgeschäftträumen lässt.

Man erfährt alles von den lächerlichsten Eitelkeiten unter Musikern über penetrante Sammlerrituale, die keinesfalls immer erfolgreiche Wirkung von Musik als romantische Wunderwaffe und manche unglaubliche Anekdote über diesen und jenen Star oder Möchtegernstar.

Giles Smith erzählt in Lost in Music in einem wunderbar leichten und selbstironischen Ton von seiner eigenen Jugend in der englischen Provinz und seiner langwährenden Affäre mit der Popmusik. In England zählt Lost in Music neben Nick Hornbys 'High Fidelity' zum Standardwerk in Sachen Popliteratur.

Nicht nur für Musikkenner ein köstliches Lesevergnügen!

Giles Smith wurde 1962 in Colchester, Essex geboren. Er spielte in diversen Rockbands wie den 'Cleaners From Venus' oder 'Automatic Diamini', bevor er sich der Schrifstellerei widmete. Seit 1990 ist er Redakteur beim 'Independent', seine Artikel erschienen in Magazinen wie Q, Mojo, dem New Yorker, Vogue oder Daily Star.

Giles Smith lebt in London, UK.

Giles Smith: Lost in Music

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