Interview mit Gisbert Haefs
"Wir schreiben ja meistens das, was wir gerade gern lesen würden, aber nicht kaufen können."
Frage: Herr Haefs, Ihre historischen Erfolgsromane spielen alle in der Antike. Was fasziniert Sie so sehr an dieser vergangenen Epoche?

Gisbert Haefs: Zunächst einmal ist die Antike unser aller Fundament, auf das wir uns - bewusst oder unbewusst - immer wieder beziehen: »Zustände wie im alten Rom«, »stoische Ruhe«, jemand ist »ein Brutus«, usw. Sie ist die Grundlage unserer Staaten, Sprachen, Philosophien, Literaturen und auch der europäischen Rechtsordnung.

Nicht zu vergessen: Es hat bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gedauert, bis Europa wieder das zivilisatorische Niveau des Römischen Imperiums erreichte, was Verkehrswege und Versorgung angeht. Die erste einheitliche Währung seit dem Jahr 450 hätten wir nicht Euro, sondern vielleicht Denar oder Solidus nennen sollen.

Außerdem ist die Antike einfach attraktiv. Sie ist reich und vielfältig, aber Dank der Zentren Ägypten, Griechenland und Rom zumindest oberflächlich leichter zu erfassen als etwa das chaotische Mittelalter mit seinem Gewusel von Staaten und Entwicklungen.

Irgendwie kommt einem vieles vertraut oder ähnlich vor, aber wenn man genauer hinsieht, ist immer alles ganz anders gewesen. Also Vertrautes und Fremdes, Gewöhntes und Exotisches, insgesamt für Erzähler und Leser tolle Geschichten in der Geschichte.

Und, nicht zu vergessen, es ist die Zeit vor Ausbruch des Monotheismus, der schlimmsten aller Menschheitskatastrophen; ich weiß nicht, ob wir eine ähnliche intellektuelle Offenheit schon wieder erreicht haben.

Frage: Hätten Sie denn gerne in dieser Zeit gelebt?

Gisbert Haefs: Nein, aber als unsichtbarer Beobachter würde ich gerne mal mit einer Zeitmaschine herumreisen.

Frage: Ihre Helden sind keine strahlenden, edlen Krieger, sondern durchschnittliche Menschen mit all ihren Schwächen und Eitelkeiten ...

Gisbert Haefs: Vielleicht nicht unbedingt durchschnittlich, aber realistisch: Fleisch und Blut. Idealisierte Schemen können als Romanfiguren nicht überzeugen.

Frage: Woher nehmen Sie das Wissen um Details, die die rein historischen Fakten ausschmücken?

Gisbert Haefs: Lesen, lesen, lesen: die Tätigkeit des Maulwurfs, der einen Berg von Fachliteratur abtragen will. Und natürlich analoge Schlüsse ziehen.

Es gibt keine genaue Beschreibung des Lebens im Hafen von Karthago, aber alle Häfen haben bestimmte Zwecke, z. B. das Lagern und Löschen von Ladung, also wird es dort wohl die nötigen Vorrichtungen gegeben haben.

Wenn man weiß, wie Häfen funktionieren, und wenn man antike Schilderungen des Lebens in anderen Häfen kennt, kann man den Versuch riskieren, auch die Zustände in einem nicht genau beschriebenen Hafen zu erfassen.

Frage: Sie sind in vielen Genres zu Hause: Krimis, Science Fiction, historische Romane - welches liegt Ihnen am meisten?

Gisbert Haefs: Etwas, was kein Genre, sondern eine Form ist: die Erzählung. Leider gilt die bei uns als von vornherein zweitrangig. Vielleicht, weil wir bei Erzählung nicht an aufregende Texte von Leuten wie Guy de Maupassant oder Rudyard Kipling denken, sondern an die muffige Langeweile der deutschen Novellistik des 19. Jahrhunderts.

Weil unsere großen Romanautoren Erzählungen immer nur nebenher geschrieben haben, nicht als Hauptwerk. Weil wir bei unseren großen Erzählern wie Franz Kafka oder Arthur Schnitzler eben Romane oder Dramen als Hauptwerk ansehen und nicht die Erzählungen.

Ich finde es handwerklich viel interessanter, den Stoff eines Romans in einer kompakten, mehrschichtigen Erzählung unterzubringen, aber davon kann man leider nicht leben. Abgesehen davon - was heißt Genre? Gibt es das Genre des Bildungsromans, des Königsdramas, des Sonetts?

Frage: Was darf man als nächstes von Ihnen erwarten?

Gisbert Haefs: Keine Ahnung. Wir - damit meine ich die Autoren der Variante »Spielmann«, nicht die, die sich als Schamanen oder Hohepriester ihrer selbst betrachten - schreiben ja meistens das, was wir gerade gern lesen würden, aber nicht kaufen können.

Ich weiß nicht, was das sein wird. Vielleicht etwas wahnsinnig Literarisches; dann vermutlich unter Pseudonym, damit ich mir nicht meinen guten Namen versaue.

Frage: Sie waren Chansonnier, Komponist und Archäologe. Interessante Zusammenstellung. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit sind Ihnen in Ihrem heutigen Metier nützlich?

Gisbert Haefs: Danke für das Stichwort Archäologe. Ich weiß wirklich nicht, wer das erfunden hat. Chansons geschrieben, komponiert und gesungen gebe ich zu, Bierzapfer auch, Übersetzer sowieso, aber Archäologie habe ich nie betrieben.

Und nützlich ist jede Erfahrung: Umgang mit Sprache und ihrer Musikalität, Arbeit in unterschiedlichen Berufen, Umgang mit verschiedensten Menschen, ein offenes Ohr für die Art, wie sie sprechen und Erlebnisse verarbeiten und wiedergeben!

Frage: Rom ist auch heute noch lebende Geschichte - war es schwer, sich in Ihrem neuen Roman auf einen kurzen Abschnitt in der langen Geschichte der Stadt zu beschränken?

Gisbert Haefs: Nein, ich habe ja noch ein paar Jahre Zeit, um mich mit anderen Abschnitten zu beschäftigen, wenn sich die richtige Story bietet.

Frage: Herr Haefs, vielen Dank für das Gespräch.

Gisbert Haefs. Foto: Heyne Verlag

Gisbert Haefs, geboren 1950 in Wachtendonk am Niederrhein, studierte Anglistik und Romanistik, war während des Studiums fahrender Chansonnier und Komponist.

Gisbert Haefs ist Übersetzer aus dem Englischen, Spanischen und Französischen, unter anderem von Ambrose Bierce, Conan Doyle, Guy de Maupassant, Rudyard Kipling und Mark Twain.

Er ist Autor der Kriminalromane mit Baltasar Matzbach und der Science-Fiction-Tetralogie mit Dante Barakuda. Sein aktueller historischer Roman Roma - Der erste Tod des Mark Aurel (Amazon.de) erschien im Januar 2002.

Gisbert Haefs: Roma

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