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Interview mit Guillermo del Toro "Meine Überzeugung ist, dass alle Fantasy politisch ist, ausnahmslos." |
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Frage: Sie
haben einmal geäußert, HELLBOY sei der erste Ihrer Filme,
den man einen Familienfilm nennen könnte. Wie würden Sie
dann PANs LABYRINTH bezeichnen?
Guillermo del Toro: Es ist ein Zwillingsfilm zu THE DEVIL?S BACKBONE, ein Märchen für Erwachsene. Ein Märchen, das den einfachen Mechanismen des Märchens folgt, aber emotional und visuell für Erwachsene gedacht ist ? also nichts, was Sie sich am Sonntagnachmittag zusammen mit Kindern ansehen sollten.
Guillermo del Toro: Das ist eine grundsätzlichere Entscheidung. Wir wählen selbst, was wir sein wollen. Die Entscheidungen, die wir treffen, definieren, wer wir sind. Frage: Ihr ebenfalls in Spanien gedrehter Film THE DEVIL?S BACKBONE spielte vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges. Wie sehen Sie das Verhältnis der beiden Filme zueinander? Guillermo del Toro: Beide erzählen von einer Kindheit in Kriegszeiten, vom Gegensatz zwischen Unschuld und Brutalität. Auch sind beide Geschichten angesiedelt in einer spezifischen Periode der spanischen Geschichte. Sie haben die Form von Parabeln, die sich der Fantasy bedienen. Frage: Woher rührt das Interesse eines gebürtigen Mexikaners am Spanischen Bürgerkrieg? Guillermo del Toro: Eines der Länder, das die Auswirkungen des Spanischen Bürgerkrieges stark zu spüren bekam, war Mexiko. Viele republikanische Flüchtlinge fanden hier eine neue Heimat. Die Künstler unter ihnen trugen dazu bei, dass sich die kulturelle Landschaft Mexikos veränderte. Als ich selber jung war, freundete ich mich mit einigen dieser Exilanten an. Frage: Einige von ihnen hatten einen direkten Einfluss auf Ihre künstlerische Entwicklung bzw. Ihre politische Haltung? Guillermo del Toro: Auf beides. Einer von ihnen war besonders wichtig für mich, als ich anfing, selber (Kurz-)Filme zu machen. Er war ein angesehener Filmhistoriker, wir wurden gute Freunde und er wurde für mich zu einem Mentor, man könnte auch sagen, zu einer Vaterfigur. Frage: PANs LABYRINTH ist im Jahr 1944 angesiedelt, fünf Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges, ein Jahr vor der Niederwerfung des deutschen Faschismus und dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Welche besondere Bedeutung hat dieses Jahr? Guillermo del Toro: Die meisten Menschen glauben, dass der Bürgerkrieg 1939 vollkommen zu Ende war. Aber der Widerstand dauerte in Wirklichkeit noch viele Jahrzehnte. Als organisierter Kampf währte er noch mindestens bis 1952 und als weniger organisierter bis in die sechziger Jahre hinein. Es ist also falsch, wenn man diese Zeit - wie es die offizielle Geschichtsschreibung tut ? als ?Zeit des Friedens? in Spanien bezeichnet. Für mich war es außerdem wichtig, dass die Ereignisse zur Zeit der alliierten Invasion in der Normandie stattfanden. Denn dies war der Moment, wo sich der Zweite Weltkrieg wendete ? und auch der Moment, wo die Welt Spanien hätte helfen können, den Diktator Franco loszuwerden. Das hat sie aber nicht getan, sie hat Spanien seinem eigenen Schicksal überlassen. Frage: Was PANs LABYRINTH von anderen Fantasyfilmen unterscheidet, ist die Auseinandersetzung mit dem Faschismus. War diese Verknüpfung zwischen der fantastischen Unterwelt der Kreaturen einerseits und den politischen und militärischen Auseinandersetzungen andererseits von vornherein in der Geschichte angelegt? Guillermo del Toro: Meine Überzeugung ist, dass alle Fantasy politisch ist, ausnahmslos. Sie kann sich zwar in die eine oder andere Richtung entwickeln, hat aber immer einen politischen Unterton. Diese verschlungenen Beziehungen habe ich zuerst in meinem Debütfilm CRONOS angesprochen, später dann ? sehr viel eindeutiger ? in THE DEVIL?S BACKBONE. Dieser Aspekt ist mir also ganz offensichtlich wichtig. Ich denke, dass die beiden Welten sich gegenseitig beleuchten. Ich bin der Auffassung, dass mehr als die Hälfte dessen, was eine Geschichte erzählenswert macht, der Kontext ist. Wenn ich Ihnen ankündige, ich werde Ihnen einen Vampirfilm oder ein Märchen erzählen, dann sind Sie vielleicht interessiert. Wenn ich Ihnen aber erzähle, wo und wann diese Geschichte angesiedelt ist, dann gibt ihr das eine bestimmte Wendung. Stellen Sie Sich vor, ich erzähle eine Vampirgeschichte, die im Vatikan spielt oder im Kabinett von Präsident Bush ? dann ist das automatisch eine ganz andere Geschichte. Ich halte es für naiv, anzunehmen, Fantasy sei nicht politisch; ich bin der Überzeugung, sie ist es immer und es macht Sinn, sie so anzugehen. Frage: Gibt es für Sie eine Parallele zwischen Capitan Vidal und dem Pale Man? Beide sind höchst furchteinflößende Figuren. Guillermo del Toro: Der Pale Man repräsentiert für mich alles, was verkehrt ist beim Bankett des Capitan mit seinen Gästen. Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie bemerken, dass der Pale Man auf dieselbe Art am Tisch sitzt wie Capitan Vidal. In beiden Fällen haben wir es mit einem langen Tisch zu tun, über dem das ?Monster? präsidiert. Für mich repräsentiert der Pale Man den Faschismus und die Kirche, ganz sicher den Faschismus. Frage: Es war Ihnen sehr wichtig, dass die Emotionen des Films stimmten und es nicht nur ein Film mit fantastischen Geschöpfen war. Funktionierte das auf Anhieb oder haben Sie die endgültige Balance erst im Schneideraum gefunden? Mussten Sie dafür vielleicht sogar einige Szenen mit den Kreaturen entfernen? Guillermo del Toro: Nein, alle Szenen mit den Kreaturen sind im fertigen Film, auch wenn wir manchmal kleine Kürzungen in einzelnen Szenen vorgenommen haben. Frage: Einer derjenigen Künstler, die Einfluss auf das Design der Kreaturen hatten, war Arthur Rackham. Können Sie uns etwas mehr über ihn erzählen? Guillermo del Toro: Er war ein Illustrator des viktorianischen Zeitalters. Um die Wende zum 20. Jahrhundert, war er einer der bedeutendsten Illustratoren von fantastischen Geschichten. Seine Spezialität waren die Details, seine Handschrift konnte man besonders gut an seinen Bildern von Bäumen ablesen sehr verschlungen und verknotet, genauso wie die Beine von Pan in meinem Film. Auf mich wirkten seine Bilder immer höchst verstörend. Rackham hat mehrere Sammelbände klassischer Märchen wie die der Gebrüder Grimm illustriert aber auch von ihm selbst zusammengestellte Bände, denn er entwickelte sich ebenfalls zu einem Sammler. Gerade diese sind in Spanien immer wieder nachgedruckt worden. Frage: Sie gelten als Anhänger mechanischer Effekte ? im Gegensatz zu nachträglich am Computer hergestellten Effekten. Ist es für Ihre Arbeit wichtig, dass Sie beim Dreh etwas Greifbares vor sich haben? Guillermo del Toro: Ich versuche, möglichst viel mechanisch zu machen. Das geht nicht immer, etwa bei den Insekten oder den Feen, weil die einfach zu klein sind. Würde man die als größere Puppen gestalten, müssten wiederum die Sets enorm groß sein. Aber ansonsten versuche ich möglichst viel mechanisch zu machen. Mechanische Effekte kann man später noch digital verbessern, aber ich möchte immer eine physische Basis dafür haben. Frage: Konnten Sie einige Ihrer Erfahrungen von HELLBOY für PANs LABYRINTH nutzen, dessen Budget ja sehr viel bescheidener war? Guillermo del Toro: Ja, bei HELLBOY habe ich sehr viel gelernt, gerade, was die Kombination von mechanischen und digitalen Effekten anbelangt, aber auch was das Design betrifft, zum Beispiel wie ich mithilfe von Farbgebung und Sets verschiedene Welten erschaffen kann. Ich habe einiges in Hollywood gelernt, auch schon bei BLADE II. Sie sehen das, wenn Sie THE DEVIL?S BACKBONE und PANs LABYRINTH vergleichen. Frage: Sie drehen zur Zeit HELLBOY 2. Lassen Sich da umgekehrt Einflüsse der Arbeit an PANs LABYRINTH erkennen? War es für Sie wichtig, diesen ganz anderen Film zwischen den beiden HELLBOY-Filmen gedreht zu haben? Guillermo del Toro: Ich denke schon. Ich kämpfe gerade dafür, eine Sequenz im Film zu behalten, die einige Leute gerne raus haben möchten. Sie hat etwas höchst Magisches, ganz im Geist von PANs LABYRINTH. Frage: Werden Sie auch künftig versuchen, zwischen Produktionen in Hollywood und europäischen wie THE DEVIL?S BACKBONE und PANs LABYRINTH zu alternieren? Guillermo del Toro: Ich schätze das europäische Format sehr viel mehr. Ich würde gerne öfter in Europa oder Mexiko mit absoluter Freiheit arbeiten und nicht so oft nach Hollywood zurückkehren - lieber 2 bis 3 solcher Filme, bevor ich wieder einen in Hollywood drehe. Frage: Gibt es schon ein weiteres Projekt außerhalb Hollywoods, über das Sie s prechen können? Guillermo del Toro: Ich warte gerade auf die zweite Drehbuchfassung eines Stoffes, der wieder ein spanischer Film werden würde, ?39/93?. Dabei geht es darum, Spanien am Ende des 20. Jahrhunderts mit Vorgängen zu verknüpfen, die 1939 stattfanden. Denn sehr oft versuchen wir, unsere Geschichte zu vergessen oder sie zu verdrängen, weil sie uns unangenehm ist. Aber diese Sachen sind nicht ohne Grund lebendig. Frage: Das mexikanische Kino oder zumindest einige seiner Regisseure sind in den letzten Jahren ziemlich wichtig geworden. Alejandro González Inárritus BABEL wurde soeben für sieben ?Golden Globes? nominiert, auch Alfonso Cuarons CHILDREN OF MEN und Ihr Film PANs LABYRINTH haben bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. Guillermo del Toro: Wir sind alle drei gute Freunde. Auch wenn unsere stilistischen Vorlieben unterschiedlich sind, haben wir doch denselben Blick auf die Welt. Wir glauben an die Menschheit, auch wenn wir immer wieder das Schreckliche aufzeigen. Das Beste und das Schlimmste zugleich sind in der Menschheit vorhanden. Wir haben außerdem alle Drei ein natürliches Misstrauen gegenüber Institutionen. Wir sehen uns ziemlich häufig, besonders Alfonso und ich. Er drehte zur selben Zeit CHILDREN OF MEN, als ich PANs LABYRINTH drehte und wir haben oft miteinander telefoniert. |
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