Interview mit Hannah Herzsprung
"Ich bin im privaten Leben eigentlich ein sehr umgänglicher Mensch."
Frage: Wie haben Sie sich auf die Rolle der Jenny vorbereitet?

Hannah Herzsprung: Zunächst bekam ich sechs Monate lang Klavierunterricht, musste jeden Tag üben. Um die Gewalttätigkeit der Jenny verkörpern zu können, habe ich intensiv mit Kickboxen angefangen. Ich wollte ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, stärker zu sein, Kraft zu haben, um auch mal zuzuschlagen.

Der Regisseur legte auch Wert darauf, dass ich von der Physis her die Figur füllen konnte. Ich habe auch Haftanstalten besucht, Gefangene kennen gelernt und gesprochen. Eine Begegnung mit einer Kindsmörderin ist mir besonders eindringlich in Erinnerung.

Das Gefängnis in Luckau, in dem wir gedreht haben, konnte ich vor Drehbeginn anschauen. Das Gebäude stand gerade aufgrund einer Renovierung leer, weshalb ich dort neben drei Aufsehern einen halben Tag verbringen konnte. Ich habe mich in eine der Zellen gesetzt und mir die Sprüche der Inhaftierten an den Wänden durchgelesen.

Ein besonders bleibender Eindruck war der Ausblick durch die Gitterstäbe. Von dort blickte man in die gegenüber liegenden Wohnblöcke. Bunte Gardinen, Kinder, die herüber lachten. Absurd.

Frage: Vier Minuten war Ihre erste große Kinorolle. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Chris Kraus erlebt?

Hannah Herzsprung: Das hat schon mit dem Casting begonnen, bei dem ich mir nie sicher war, ob ich die vielfältigen Anforderungen von Chris überhaupt erfüllen kann. Da ich aber immer weiter in die engere Wahl gekommen bin, konnte ich zumindest sicher sein, dass er mich wirklich wollte. Er traute mir die Rolle zu.

Das war sehr wichtig. Dieses Vertrauen hat mir ungeheuer geholfen, um mich wirklich auf die Rolle einzulassen. Über lange Gespräche ist dann eine sehr enge Zusammenarbeit entstanden, ohne die ich die Anforderungen der Rolle sicher nicht geschafft hätte.

Frage: Es gibt eine Szene, in der Sie mit voller Wucht gegen eine Fensterscheibe rennen, hoch über den Dächern Mannheims. Hat das ein Stuntman gemacht?

Hannah Herzsprung: Nein, diese Szene habe ich selbst übernommen, weil alle Beteiligten, auch ich, das so wollten. Die Vorbereitung war aufwendig. Der Sprung musste drei Tage mit Stuntleuten geprobt werden.

Zudem hatte ich mich mit einer Gefängnisaufseherin unterhalten, die mir die Geschichte eines inhaftierten Mädchens in meinem Alter erzählte. Das Mädchen saß wegen schwerer Körperverletzung ein, ist in ihrer Anfangszeit im Knast gegen Türen und Wände gerannt. Sie war so voller Aggressionen, das sie nicht wusste, wohin damit.

In der Freiheit hat sie diese Wut an anderen Leute ausgelassen, im Gefängnis an sich selbst. Ich habe diese Geschichte benutzt, um in den Zorn, in die Wut zu kommen, die notwendig ist, um auf so eine Scheibe loszurennen.

Frage: War es schwierig für Sie, die Jenny zu spielen?

Hannah Herzsprung: Natürlich hat das viel Arbeit und Kraft gekostet. Ich bin im privaten Leben eigentlich ein sehr umgänglicher Mensch. Wenn es Probleme gibt, werde ich der klassische Diskutiertyp. Mit Aggressivität kann ich schlecht umgehen.

Ich musste mich schon sehr auf die Figur Jenny einlassen, sie in- und auswendig studieren. Es war eine Reise zu jemandem, der ich nicht sein möchte im wirklichen Leben, den ich aber verstanden habe.

Frage: Wie lief die Zusammenarbeit mit Monica Bleibtreu?

Hannah Herzsprung: Monica hat mir durch ihre langjährigen Erfahrungen unheimlich geholfen und mir gezeigt, wie man nach ernsten und beklemmenden Rollen bald wieder man selbst sein kann. Es war mir eine große Freude und Ehre, mit ihr zu spielen. Und sie hat nie ihren großen Vorsprung betont, im Gegenteil.

Chris sagte irgendwann, wir sind wie giggelnde Teenies, wenn man uns alleine lässt.

Hannah Herzsprung. Foto: Filmverleih
Hannah Herzsprung wurde in einem aufwendigen Casting, das sich unter der Leitung von Nina Haun fast über ein Jahr erstreckte, aus mehr als 1.200 jungen Schauspielerinnen für die Rolle der Jenny ausgewählt.

Um pianistische Virtuosität und explosive Gewalttätigkeit und Kraft glaubwürdig verkörpern zu können, absolvierte sie für ihre Rolle mehrere Monate intensives Klaviercoaching und vier Monate Boxtraining. Sie übernahm bei den Dreharbeiten alle Stunts selbst.

Geboren 1981 als Tochter des Schauspielers Bernd Herzsprung, gab Hannah Herzsprung ihr Debüt in der Familienserie "Aus heiterem Himmel" (1997 - 1998).

Es folgten unter anderem Rollen in Uwe Friessners "Unter Verdacht ? Morgenröte" (2003), der Serie "18 - Allein unter Mädchen" (2003 ? 2004) und dem Fernsehfilm "Emilia ? Die zweite Chance" (2004, Regie: Tim Trageser).

2005 spielte sie neben Vier Minuten noch in Alain Gsponers "Bumm!".

Filmplakat 'Vier Minuten'. Foto: Filmverleih
Szene zwischen Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung aus Vier Minuten:
Hannah Herzsprung. Foto: Filmverleih

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