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Interview mit Howard Carpendale "Ich habe festgestellt, dass es nicht viel gibt, was das Showbusiness ersetzt." |
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Frage: Howard
Carpendale, Sie scheinen auch nach einer fast vierjährigen
Pause in der deutschen Showszene unersetzbar zu sein. Niemand hat
Ihren Platz eingenommen. Es gab keinen Nachfolger.
Howard Carpendale: Ich hatte schon gedacht, irgendjemand wird diesen Platz angehen oder füllen, aber es scheint so, dass diese Musikart meine eigene geblieben ist, und darüber freue ich mich. Sonst wäre es sicherlich nicht so einfach gewesen wieder zurückzukommen.
Frage: Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken, ein Teil deutscher Kultur zu sein? Howard Carpendale: Ich weiß nur, dass ich am Ende meiner letzten Tournee gemerkt habe, was meine Musik den Menschen wirklich bedeutet hat, und wenn man anfängt, das zu analysieren, dann ist klar, dass man ein alter Freund geworden ist oder ein Möbelstück in einer Wohnung, das man dann plötzlich weggibt, es war eine sehr bewegende Tournee, die letzte Tournee. Ich muss ganz ehrlich sagen, mir selber war nicht ganz klar, wie viele Menschen sich zu meiner Musik kennen gelernt oder geheiratet haben. Alles Mögliche, also Dinge, an die ich selber noch gar nicht gedacht habe. Über die Jahre ist da schon eine sehr große Fan-Gemeinde entstanden. Frage: Woran liegt es, dass Sie auf ihrem neuen Album als Komponist kaum in Erscheinung getreten sind? Howard Carpendale: Es ist einfach ein Kompromiss an meinen Komponisten, der sehr, sehr viele Jahre lang für mich gearbeitet hat. Er hat heute wie auch in der Vergangenheit letztendlich die initiale Idee für die Titel. Dann arbeite ich sie mit ihm aus, aber es war einfach schon immer eine Abmachung zwischen uns, dass das seine Kompositionen sind. Frage: Ihre Liedtexte klingen immer wieder sehr autobiographisch, Sie haben die Zeilen aber nicht selber geschrieben ... Howard Carpendale: Die klingen so, weil wir so lange darüber diskutieren, es gibt kaum eine Zeile, die er schreibt, die nicht zwischen uns besprochen wird, deswegen sage ich, ich könnte sicherlich auch als Texter da erscheinen, aber das ist jetzt nicht vorrangig. Frage: Auf ihrem neuen Album befindet sich das Lied ?Durban, South Africa?. Zum ersten Mal gibt es in Ihrem Repertoire ein Lied, das zum Teil in der Sprache der Ureinwohner Ihres Geburtslandes Südafrika gesungen wird. Howard Carpendale: Das ist Zulu, aus meiner Gegend, wo ich lebte in Südafrika, aus Durban. Wir haben Glück gehabt, dass wir Mitglieder von diesem Lion King Ensemble aus Hamburg dafür gewinnen konnten. Ich finde diese Sprache unglaublich, sie klingt wie keine andere Sprache auf der Welt. Frage: Werden Sie dieser Sprache in Zukunft mehr Platz in ihrem Repertoire einräumen? Howard Carpendale: Es hat sehr viel Freude gemacht, mit dieser Gruppe zu arbeiten, es ist immer eine Frage des Themas. Ich glaube, vor sechs Monaten hätte ich gesagt, das wäre gar kein Thema für uns, und dann entwickelt sich ein Album und plötzlich fehlt dann eine Farbe und ich finde, das ist eine Farbe, die unser Album sehr bereichert. Frage: Was hat es Ihnen eigentlich gebracht, dass Sie sich fast vier Jahre aus dem Showgeschäft zurückgezogen haben? Howard Carpendale: Ich glaube, eine gute Portion Weisheit, sehr viele Gedanken, die ich mir gemacht hab. Ich habe mir immer wieder mal diese Show aus Köln (Anmerkung: sein letztes Konzert im Dezember 2003) angeschaut und meine ganze Karriere Revue passieren lassen. In den ersten beiden Jahren habe ich eigentlich wenig angefangen und meine Freiheit genossen, und dazwischen habe ich schon mit Freunden aus der Gegend, wo ich in Amerika wohne, verschiedene Ideen angegangen bis zum Golfplatz Design und verschiedene Sachen, die nicht gerade sexy sind, aber die Spaß gemacht haben. Ich habe aber leider feststellen müssen, dass es nicht viel gibt, was das Showbusiness ersetzt. Frage: Was war ausschlaggebend für Ihre Rückkehr ins Rampenlicht? Howard Carpendale: Ausschlaggebend war die Herausforderung, das Gefühl, etwas zu kreieren, was Menschen über zwei, drei Stunden fesselt und eine Schallplatte zu machen, die auch einem selber ..., ich meine, ich war nie einer, der meine Musik selber lange angehört hat, aber bei diesem Album habe ich das getan. Ich wollte bis ins letzte Detail etwas kreieren, was Menschen gefällt und ich kann nur hoffen, dass es auch so ist. Frage: Wann begann nach Ihrem Rückzug das Gefühl, vielleicht doch wieder zurückzukehren? Howard Carpendale: Das entstand einfach kurz nachdem ich aufgehört habe. Es war schon immer so, dass ich gefragt wurde, dieses Fragen ist schon phänomenal, es kommt, wenn man wirklich nicht drüber nachdenkt. Ich hoffe, dass das glaubhaft klingt. Man sitzt in einem Taxi, da dreht sich der Taxifahrer um und sagt: ?Wann singen sie, Herr Carpendale?, und pausenlos solche Anekdoten, die einem immer so einen kleinen Kick geben und man fängt an zu überlegen. Frage: Während Ihrer künstlerischen Pause haben Sie ihren 60. Geburtstag gefeiert. Was bedeutet das für Sie? Immerhin haben Sie Ihr Alter in dem Lied ?Wenn ich könnte wie ich wollte? thematisiert. Da heißt es ?... denn mein Sommer geht zu Ende, deiner fängt gerade erst an ...?. Howard Carpendale: Man muss einfach die Realität erkennen, das ist so. 60 war sicherlich der schwierigste Geburtstag, den ich gehabt habe, da gibt es kein Mittendrin mehr oder keine Zweifel, dass man langsam in den Herbst geht und na, da ich mich nicht danach fühle, ist es kein großes Problem für mich. Aber ich hab immer viel Wert darauf gelegt, dass Texte immer biographisch und ehrlich klingen und das ist eine Geschichte, die ist zwar nicht passiert, aber die kann vielen Menschen passieren. Frage: Bleibt neben dem vielfach beschworenen Jugendwahn noch Platz für reifere Künstler wie Sie einer sind? Howard Carpendale: Ich hoffe, wir haben langsam diesen Jugendwahn überlebt. Es gab eine Zeit, wo es sehr, sehr aktuell war. Ich glaube aber inzwischen, das merke ich immer wenn ich wieder nach Deutschland komme, dann stelle ich relativ schnell fest, was da für eine Stimmung ist. Und ich glaube, in Deutschland ist eine sehr positive Stimmung in alle Richtungen. Es scheint mir persönlich ein bisschen so zu sein, das unsere Generation, die jetzt 60 ist, doch auf den Tisch gehauen und gesagt hat, wir sind aber noch nicht verbraucht oder alt. Frage: Viele Ihre Lieder klingen sehnsuchtsvoll. Sind Sie nach wie vor ein Suchender? Howard Carpendale: Ich glaube, wenn man aufhört zu suchen, dann wird man wirklich alt. Ich kann nicht immer ganz definieren, was ich suche, aber es sind Antworten auf viele Fragen, die man sich im Leben stellt, wahrscheinlich später im Leben noch mehr. Diese Art Suchender bin ich, aber das hilft mir auch, jung zu bleiben. Frage: Damals wie heute geht es in Ihren Liedern um die Zweierbeziehung, ums Kennenlernen, um Trennung, um Wiedersehen, um die große Liebe. Warum bleiben Sie diesem Thema treu? Howard Carpendale: Liebe ist unser wichtigstes Thema im Leben. Ich glaube nach wie vor, dass mein Platz in dieser Branche in erster Linie war und ist, schöne erwachsene Liebeslieder zu singen. Das würde ich nie anders sehen. Ich war noch nie einer, der politische Themen musikalisch umsetzt. Ich glaube, ich bin ein Mensch, der Emotionen gut rüber bringt und wie kann man das besser als mit Liebestiteln. Ich habe mich noch nie geschämt, dass ich ein Sänger von Liebesliedern bin. Ich glaube nach wie vor, dass das das wichtigste Thema in unserem Leben ist. Frage: Haben Sie während Ihrer künstlerischen Pause eigentlich kontinuierlich auf Auftritte verzichtet? Howard Carpendale: Was nicht viele wissen ist, dass ich ganz deutlich gesagt habe, dass ich nie aufhören würde, Privatveranstaltungen zu machen. Ich bin schon vier, fünf Mal im Jahr auf der Bühne gestanden. Ich glaube, dass Deutschland für mich ein besonderes Land ist. Ich habe so lange hier gelebt, dass ich innerhalb von ein paar Stunden wenn ich hier bin merke, da gibt es so Vibrations, die gibt es auch in anderen Ländern, in Amerika und überall auf der Welt. Ich bin letztes Jahr extra für die Fußball-WM hierher gekommen, wobei ich eigentlich gar kein großes Interesse an Fußball habe. Aber ich habe im Fernsehen drüben in Amerika gesehen, es tat sich was in Deutschland, was sehr erfrischend war und was man von Deutschen eigentlich nicht kennt, das Gefühl, wir sind Deutsche und wir sind stolz darauf. Das fand ich gut und ich wollte ein Teil davon sein, und dann habe ich mir diesen Wunsch erfüllt. Frage: Der Titel Ihres aktuellen Albums heißt ?20 Uhr 10? und handelt von der Zeit, als Sie regelmäßig auf der Bühne standen. Howard Carpendale: Das ist ein gutes Beispiel für die Arbeit zwischen meinem Texter und mir. Ich bin irgendwann zu ihm gekommen und habe gesagt, sag mal, dieses nachdenkliche Gefühl, das ein Mensch manchmal hat, abends, zusammen mit dem `jetzt gleich werde ich auf einer Bühne stehen`, kannst du versuchen, das mal in Worte zu fassen. Daraus ist der Titel ?20 Uhr 10? entstanden. Ich glaube, es ist eines der schönsten Lieder auf dieser Platte. Es erklärt die Gefühle eines Künstlers, die das Publikum, glaube ich, dann auch mitbekommt. Frage: Ihre Texte haben an Aussagekraft gewonnen. Teilen Sie den Eindruck bei allen Selbstzweifeln? Howard Carpendale: Über die Texte haben wir es am besten geschafft. Es ist musikalisch zwar auch schon ein Schritt weiter, was auch die Entwicklung über vier Jahre von damals bis heute rechtfertigt, aber mit den Texten, da haben wir uns wahnsinnig viel Arbeit gemacht, also wirklich über Zeilen geredet. Es ist sehr schön, wenn das auffällt. Frage: In Ihren Liedern klingen Sie noch gelassener als früher? Howard Carpendale: Ich habe nicht das Gefühl, das ich diesen Druck empfinde, den ich damals empfand: bei jeder neuen Produktion, bei jeder neuen Tournee. Sicherlich bis zu einem gewissen Grad ist es nach wie vor da, aber vielleicht wird man ja auch von sich aus gelassener über die Jahre. Frage: Worin liegt wohl der Grund dafür, dass offensichtlich viele Menschen Ihre Rückkehr auf die Bretter, die Ihre Welt bedeuten, mit Freude begegnen? Howard Carpendale: Ich würde heute ehrlich sagen, meine Kariere war so lang, weil wir uns immer treu geblieben sind in Form von, man muss sich ändern. Es gibt viele Künstler, die behaupten, sie sind gleich geblieben und deswegen sind die sich treu, das finde ich eigentlich keinen sehr positiven Gedanken. Man ändert sich im Leben. Deswegen muss man auch seine Meinungen und Geschmäcker und die Musik ändern. Deswegen glaube ich, habe ich es geschafft, die lange Zeit zwischen ?Das schöne Mädchen von Seite 1? und ?Na und? immer musikalisch in Bewegung zu bleiben. Das sind schon sehr viele Jahre im Musikgeschäft. Ich hoffe, dass man das an meiner Musik gemerkt hat. Frage: Was haben Sie während Ihrer künstlerischen Pause vermisst? Howard Carpendale: Sicherlich kommt eine Menge Arbeit auf mich zu, aber das ist etwas, was ich sehr begrüße. Das Musikgeschäft ist tatsächlich eine Branche, die zu den ganz wenigen Traumberufen zählt. Das ist etwas, was ich in den letzten vier Jahren gelernt hab. Ich kenne viele Menschen in der Gegend, wo ich wohne, sehr erfolgreiche Menschen und ich habe ein bisschen in deren Lebensgeschichte hinein geschnüffelt, indem ich mit denen zusammen Projekte angegangen bin und manchmal bei Boardmeetings zusammen saß, wo man über Geschäfte spricht, die wir auch zusammen angegangen sind: ein Sportgeschäft da drüben für Kids, Skateboarding und so was. Es ist alles sehr, sehr schön, aber so prickelnd wie dieses Showbusiness ist eigentlich gar nichts, so empfinde ich das zumindest. Frage: In dem Lied ?Diesen Traum? schildern Sie die aktuelle Weltlage. Was hat Sie veranlasst, zum aktuellen politischen Tagesgeschehen Stellung zu nehmen? Howard Carpendale: Jeder Flug erinnert uns daran, dass man untersucht wird. Es ist eine sehr komische Richtung, die die Menschheit eingeschlagen hat. Ich tue wirklich was ich in diesem Lied sage: Ich schaue wirklich oft nach oben in den Himmel und da wird mir plötzlich klar, wie unwichtig wir Einzelmenschen sind. Wir sind einfach nur wichtig zusammen und auch da relativ unbedeutend in diesem großen Universum. Und dass es ein Ziel für Menschen sein kann, einfach zu töten, das kann es nicht sein. Ich bin jetzt nicht wahnsinnig religiös oder so was, aber den Unsinn, der um uns herum passiert, muss man sich wirklich vor Augen halten. Ich fürchte, es ist eine mörderische Richtung, die wir noch lange vor uns haben, die macht mir schon sehr viele Gedanken. Und dieses Lied ?Diesen Traum? beleuchtet das Geschehen mehr von der emotionalen Seite. Auch ich habe keine politische Lösung, aber ich glaube, es ist einfach wichtig, dass wir drüber nachdenken. Frage: Ihr Lied ?Eine Nacht in New York City? macht die Einsamkeit zum Thema. Wie einsam macht Ihr Beruf Sie? Howard Carpendale: Ich glaube, ich kann nicht für andere Künstler sprechen, aber Einsamkeit ist schon ein großer Teil unseres Berufes. Es ist nicht zu erklären, was das für ein Gefühl ist, vor 15.000 Menschen in der Kölnarena zu stehen und bevor die aus dem Saal sind, ist man selber wieder allein in seinem Hotelzimmer. Das ist ein unerklärliches Gefühl und da kommt eine besondere Form von Einsamkeit auf. Sehr oft ... Aber es ist auf der anderen Seite auch ein positives, ein befriedigendes Gefühl. Doch es ist auch nicht möglich einfach zu sagen, ich gehe mal kurz in die Kneipe da drüben. Denn ich weiß die Leute werden komisch gucken, wenn ich da alleine reinkomme - daher ist es immer auch ein einsamer Beruf. Frage: Mit entwaffnender Deutlichkeit erklären Sie in dem Lied ?Na und?, welche Entscheidungen für Sie in den letzten Monaten gereift sind. Stehen Sie Ihrer Rückkehr eigentlich auch skeptisch gegenüber? Howard Carpendale: Die Erwartungen sind so hoch, die sind massiv. Ich bin derjenige, der im Moment allen sagen muss ?Kinder, langsam?. Man spricht wirklich viel über meine Rückkehr auf die Bühne und darüber kann ich mich freuen, aber ein bisschen skeptisch bin ich dann schon. Vor allem wenn sie sagen, das wird ein riesiger Erfolg sobald dieses Album da ist. Ein Erfolg, wie ich ihn noch nie erlebt habe ... ich weiß es nicht, ich bin da immer ein bisschen konservativer. |
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