Interview mit Jörg Kastner
"Wenn das kein Stoff für einen Autor historischer Romane ist, was dann?"
Frage: Ihr neuer Roman "Die Tulpe des Bösen" spielt zur Zeit des sogenannten Tulpenfiebers. Was genau hat es damit auf sich? Und wie sind Sie auf dieses spannende Thema gekommen?

Jörg Kastner: Es ist nicht nur ein spannendes, sondern ein brandaktuelles Thema, aktueller noch, als ich es beim Schreiben des Romans geahnt habe. Das Tulpenfieber, das die Niederlande im 17. Jahrhundert heimsuchte, führte nämlich zur ersten großen Finanzkrise der Geschichte, einem frühneuzeitlichen Börsencrash sozusagen.

Wie man heutzutage Aktienpakete kauft und weiterkauft, so handelten die Niederländer damals mit den hoch begehrten Tulpenzwiebeln. Diese wurden fleißig zu Geld gemacht, obwohl man sie noch gar nicht in Händen hielt.

Bis der Markt zusammenbrach und die spekulierfreudigen Niederländer plötzlich auf den zu astronomischen Preisen (für besonders wertvolle Zwiebeln zahlte man den Gegenwert eines Hauses) erstandenen Zwiebeln sitzen blieben. Viele, die das Tulpenfieber ergriffen hatte, stürzten in bitterste Armut.

Wie gesagt, eine erschreckende Parallele zum aktuellen Geschehen an den weltweiten Finanzmärkten. Und natürlich ein spannendes Thema für einen historischen Roman.

Schon bei meinen Recherchen zu dem Roman "Die Farbe Blau", der sich mit Rembrandt und der Malerei in den Niederlanden des sogenannten Goldenen Zeitalters auseinandersetzt, stieß ich immer wieder auf das Tulpenfieber, und so lag es für mich nahe, einen Roman vor diesem Hintergrund anzusiedeln.

Frage: Schon in "Die Farbe Blau" war Amsterdam Handlungsschauplatz. Was fasziniert Sie an dieser Stadt bzw. an den Niederlanden?

Jörg Kastner: Die Niederlande des 17. Jahrhunderts waren ein Ort des Umbruchs. Die noch junge Nation hatte sich von der spanischen Monarchie gelöst und den katholischen Glauben durch den Calvinismus ersetzt, musste in langen kriegerischen Auseinandersetzungen um ihre Unabhängigkeit kämpfen und wurde schließlich zu einer Weltmacht mit Kolonien und Handelsstationen in Amerika und Asien.

Wenn das kein Stoff für einen Autor historischer Romane ist, was dann?

Amsterdam wiederum war das Zentrum jener frühen Weltmacht, vergleichbar mit dem London des 19. Jahrhunderts oder später mit New York (das einmal Neu-Amsterdam hieß, als es vor 400 Jahren den Niederländern gehörte). Ein brodelnder Schmelztiegel verschiedenster Nationen und Religionen, Umschlagplatz für Handelsgüter aus aller Welt. Der passende Ort also für eine spannende Geschichte.

Frage: Gehen Sie für Ihre historischen Romane auch auf Recherchetour vor Ort?

Jörg Kastner: Ja, und im Fall von Amsterdam war es mir ein besonderes Vergnügen. Obwohl es heute eine moderne Großstadt ist, hat es viel vom Charme der damaligen Zeit bewahrt.

Wenn man eine Bootstour durch die Grachten unternimmt, kann man die schmalen Kaufmannshäuser mit ihren vorstehenden Giebeln sehen, an denen oft noch die Lastkräne zu erkennen sind, mit denen damals die Frachtkähne be- und entladen wurden.

Die Straßen- (oder Grachten-) Führung der Innenstadt ähnelt sehr der von vor drei-, vierhundert Jahren. Man fühlt sich in der Zeit zurückversetzt. Und dann die vielen wunderbaren Museen, in denen Kultur und Alltagsleben der alten Niederländer wieder lebendig werden.

Im Schifffahrtsmuseum kann man sogar an Bord eines alten Ostindienfahrers gehen und diesen bis in den letzten Laderaum durchwandern (zugegeben, es ist ein Nachbau, aber er wirkt verdammt echt). Selten haben mich Recherchen für ein Buch so begeistert wie die für meine Amsterdam-Romane.

Frage: Verraten Sie uns etwas über Ihre nächsten Projekte?

Jörg Kastner: Ich habe mit meinen Romanen "Engelspapst", "Engelsfluch", "Engelsfürst" (also die Engelstrilogie) sowie kürzlich mit "Teufelszahl" ja schon mehrere Vatikanthriller veröffentlicht.

Mein nächstes Buch, an dem ich derzeit arbeite und das im Herbst 2009 erscheinen soll, wird den Roman "Teufelszahl" fortsetzen und hoffentlich all jene Leser zufriedenstellen, die über das Ende von "Teufelszahl" traurig oder schockiert waren. Mehr möchte ich dazu noch nicht verraten.

Danach werde ich mich wieder der Historie zuwenden und erneut ins 17. Jahrhundert eintauchen. Diesmal allerdings wird Paris der Schauplatz sein, und ich werde eines der größten ungelösten Rätsel der Geschichte in den Mittelpunkt des Romans stellen.

Frage: Werden Sie denn mit späteren Büchern auch in die Niederlande zurückkehren?

Jörg Kastner: Unbedingt, ich habe da schon ein paar sehr interessante Ideen!


Dezember 2008. Quelle: Knaur TB. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich.
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Jörg Kastner, geboren 1962 in Minden an der Weser, hat nach erfolgreichem Jurastudium aus der Liebe zum Schreiben einen Beruf gemacht.

Genau Recherche und die Kunst, unwiderstehlich spannend zu erzählen, zeichnen seine Romane aus. Bislang in zwölf Sprachen übersetzt, sind seine Bücher auch im Ausland sehr erfolgreich.

Jörg Kastner lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Corinna Kastner, in Hannover.

Sein aktueller Mystery-Thriller heißt Die Tulpe des Bösen und ist seit November 2008 (auch als Hörbuch-Lesung) lieferbar.


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