Interview mit Judith Merchant
"Meine eigenen Omas sind sicherlich auch mit eingeflossen!"
Frage: Wann und wie haben Sie festgestellt, dass Sie ein Talent zum Schreiben haben?

Judith Merchant: Ich habe als Kind leidenschaftlich gern geschrieben. Im Teenageralter wurde ich dann eine sehr kritische Leserin und fand alles, was ich produzierte, grauenhaft. Darum habe ich das freie, erzählende Schreiben aufgegeben und nur noch Briefe und Hausarbeiten verfasst.

Anderthalb Jahrzehnte später, in einer Schreibkrise meiner Doktorarbeit, erinnerte ich mich plötzlich wieder daran, wie viel Freude mir das Schreiben früher einmal gemacht hatte.

So entstand meine erste Geschichte - zu dem Zweck, mich zurück an den Schreibtisch zu bringen. Und dann schrieb ich noch eine und noch eine und noch eine ...

Frage: Planen Sie die Handlung im Voraus oder lassen Sie sich von der Story treiben?

Judith Merchant: Beides. Erst improvisiere ich und lasse meine Ideen wuchern, bis mir meine Figuren ganz deutlich vor Augen stehen, dann wird alles säuberlich in Form gebracht, geordnet und strukturiert. Erst danach geht es mit der eigentlichen Schreibarbeit los.

Frage: Was ist Ihre größte Inspirationsquelle?

Judith Merchant: Der Rhein! Die ersten Ideen kommen immer bei Spaziergängen, durch Sachen, die ich sehe, Fragen, die ich mir dazu stelle. Die Landschaft des Siebengebirges ist da sehr ergiebig. Manchmal denke ich ganz alberne Sachen, etwa: »Oh, der Rhein sieht heute aber traurig aus!« Daraus kann sich eine Geschichte ergeben.

Manchmal ist es so, manchmal ergibt sich natürlich gar nichts, und man hat sich einfach nur einen Haufen dummer Gedanken gemacht, über die man im Nachhinein den Kopf schüttelt. Eine andere wichtige Quelle sind Bücher. Ich lese viel, und hin und wieder ergreift mich etwas so, dass ich selbst etwas dazu schreiben möchte.

Am wichtigsten ist Zeit, viel Zeit, am besten ein bisschen Langeweile. Manchmal ist es ganz schön schwer, sich diese Langeweile zu verordnen und sie dann auch herbeizuführen ...

Frage: Welches war das erste Buch, das Sie gelesen haben? Weshalb ist es Ihnen in Erinnerung geblieben?

Judith Merchant: Zum Glück hatte ich Eltern, die mir viel vorgelesen haben. Darum war der Übergang vom Vorlesen zum Selberlesen fließend, und ich weiß nicht mehr, welches das erste Buch war.

Ich kann mich aber noch gut an meinen ersten Kriminalroman erinnern: Ich war für die Ferien zu meiner Tante geschickt worden und fand dort auf der Waschmaschine so eine rot-schwarze Taschenbuchausgabe von Agatha Christies: 'Ein Mord wird angekündigt'. Der Anfang hat mich so gepackt, dass ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe.

Zum Glück hatte meine Tante reichlich Nachschub.

Frage: Was war die beste Entscheidung in Ihrem Leben?

Judith Merchant: Keinen sogenannten vernünftigen Beruf zu ergreifen. Schreiben ist zwar viel anstrengender, als ich dachte, aber ich möchte nichts anderes mehr machen!

Frage: Ihre Kurzgeschichte Monopoly wurde 2009 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Inwiefern hat diese Auszeichnung Ihre nachfolgenden Projekte beeinflusst?

Judith Merchant: Der Preis hat mir den Mut gegeben, meine Doktorarbeit an einer entscheidenden Stelle abzubrechen und mich auf das Krimischreiben zu konzentrieren. Ich habe einfach darauf vertraut, dass schon alles klappen wird. Das war vermutlich ganz schön naiv, aber ich glaube, es war richtig so.

Frage: Aber nun zu Ihrem aktuellen Roman Nibelungenmord. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Judith Merchant: Es war nicht eine, sondern ganz viele verschiedene Ideen, die irgendwie zusammengewachsen sind. Der Auslöser war ein Sonntagsspaziergang im Nachtigallental. Ich sah diese wunderschönen Höhlen und dachte mir, dass man darin doch wunderbar eine Leiche verstecken könnte. Und dann erinnerte ich mich daran, dass ich früher als Kind in diesen Höhlen nach Drachen gesucht habe.

Eine andere Inspirationsquelle war das Nibelungenlied, das ich früher mal an der Uni gelesen hatte, so richtig im mittelhochdeutschen Original. Hier im Siebengebirge entfaltet die Geschichte um Siegfried, den Drachentöter, noch einmal einen ganz eigenen Zauber, das liegt zum einen an der märchenhaften Landschaft, aber auch daran, dass die Geschichte hier natürlich überall vermarktet wird.

Im Schloss Drachenburg gibt es ein eigenes Nibelungenzimmer, in dem tatsächlich das Wandgemälde existiert, das Romina Schleheck als Vorlage für ihr Bild genommen hat.

Frage: Gibt es »reale« Vorbilder für Ihre Protagonisten?

Judith Merchant: Ja, für Edith Herzberger gibt es ein Vorbild: Miss Marple. Ich liebe Miss Marple!

Meine eigenen Omas sind sicherlich auch mit eingeflossen. Für die anderen Protagonisten gibt es keine Vorbilder, wohl aber auslösende Ereignisse. Mich hat die Ausstellung »paralysed spaces« in Mülheim an der Ruhr sehr beeindruckt, bei der ich die Bilder von Andrea Lehmann kennengelernt habe - Bilder, in denen sie echte Haare verwendet.

Die Krimileserin in mir dachte sofort: Das sind ja alles biologische Spuren! Diesen Gedanken habe ich dann verfolgt. Damit alles stimmt, habe ich die verantwortliche Kuratorin mit Fragen gelöchert ... Zeitgleich fand eine Nibelungen-Ausstellung der Universität Bonn statt.

Frage: All diese Eindrücke haben sich vermengt, und daraus ist der Roman entstanden.

Judith Merchant: Wenn Sie für die Verfilmung Ihres Romans Nibelungenmord die Hauptdarsteller auswählen könnten, wen würden Sie für die Rolle von Jan und Edith besetzen? Als Jan Seidel kann ich mir Barnaby Metschurat gut vorstellen. Für Edith kenne ich niemanden.

Frage: Haben Sie Pläne für neue Romane? Können wir in Zukunft mehr von Jan Seidel und Edith Herzberger lesen?

Judith Merchant: Auf jeden Fall! Ich bin sicher, dass die beiden mich noch eine ganze Weile begleiten werden.

Frage: Was ist schwieriger: der erste oder der letzte Satz?

Judith Merchant: Weder noch. Wirklich schwierig ist alles dazwischen.


Mai 2011. Quelle: Knaur. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich.
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Foto: Patricia Keßler / Knaur
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Judith Merchant: Nibelungenmord. Originalausgabe. 384 Seiten, TB 50863-3. ET: 2. Mai 2011.

Judith Merchant, geboren 1976, Germanistin und Dozentin für Literatur, lebt mit ihrer Familie in Königswinter am Rhein. 2009 erhielt sie für ihre Kurzgeschichte 'Monopoly' den Friedrich-Glauser-Preis.

Im selben Jahr wurde sie mit dem Krefelder Kurzkrimipreis für ihre Geschichte 'Himmel über Krefeld' ausgezeichnet. 2011 ist sie erneut für den Friedrich-Glauser-Preis in der Kategorie »Kriminal-Kurzgeschichte« für 'Annette schreibt eine Ballade' nominiert.

In einer der sagenumwobenen Höhlen des Siebengebirges, wo Siegfried einst den Drachen tötete, wird eine Frauenleiche gefunden. Noch am selben Tag wird in Königswinter die Ehefrau des Notars als vermisst gemeldet. Hat die Geliebte des Notars, die exzentrische Künstlerin Romina, ihre Widersacherin kaltblütig aus dem Weg geräumt?

Als sich Kriminalhauptkommissar Jan Seidel die Bilder der Künstlerin anschaut, sieht er das Mordmotiv förmlich vor sich: Verzerrte Frauenfratzen kämpfen um einen strahlenden Helden. Aber nicht nur Jan Seidel, auch seine eigenwillige Großmutter Edith erkennt, dass die Lösung des Falles weitaus komplizierter ist.

Doch Edith hat so ihre eigenen Ermittlungsmethoden ...


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