Interview mit Kai Meyer
"Ich bin einer der jubelnden Sargträger!"
Frage: Ihr Buch Göttin der Wüste ist im September 1999 im Heyne Verlag erschienen. Die Protagonistin Cendrine begibt sich auf eine Reise in eine Welt voller archaischer Mythen und Mächte. Sie selbst haben Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Philosophie studiert. Woher kommt Ihre Vorliebe für Mythen?

Kai Meyer: Mythen sind universell, für jeden verständlich. Sie sind der kollektive Wissens- und Erfahrungsschatz der Menschheit.

Wenn wir als Mitteleuropäer eine Legende aus dem Süden Afrikas hören oder aus jedem anderen entfernten Winkel der Welt, verstehen wir sie ungeachtet aller kulturellen Unterschiede. Der Mythos spricht einen Teil von uns an, den die meisten längst vergessen haben, etwas sehr Archaisches, sehr Kreatürliches. Das ist der Kern der Lehren C. G. Jungs und Joseph Campbells.

Wenn irgendwer das Herz allen Geschichtenerzählens verstanden hat, dann war das Campbell. Die Stationen, die der Held einer Geschichte auf seinem Weg passiert, sind immer die gleichen - in unterschiedlichen Gestalten und Kulissen. Egal ob die "Odyssee", "Vom Winde verweht" oder eben "Göttin der Wüste" - unser mythologischer Erfahrungsschatz lässt uns all diese Geschichten gleichermaßen nachvollziehen.

Für mich als Erzähler stellen sich daher immer wieder die gleichen drei Fragen: Was sind Geschichten? Wie entstehen sie? Was bewirken Sie? Der Mythos gibt darauf Antwort.

Frage: Ihre großen Erfolge wie Die Alchimistin, Das Gelübde, Der Rattenzauber und Der Schattenesser sind allesamt historische Romane. Wie kommt es zu dieser Leidenschaft für die Geschichte? Hätten Sie lieber in einer anderen Zeit gelebt?

Kai Meyer: Ich mag den Film, das Fernsehen, das Internet. Ich mag die Tatsache, dass ich jedes Buch lesen kann, das mich interessiert, und dass es eine Menge guter Medikamente gegen alle möglichen Krankheiten gibt.

Nein, ich möchte nicht lieber im Mittelalter oder in der Renaissance leben. Ich benutze die Historie in meinen Romanen genauso wie zum Beispiel das Motiv des Magischen - sehr verklärt, im Positiven wie im Negativen. Alles wird Mythos, alles wird Teil meiner Geschichte und dieser untergeordnet.

Ich hätte kein Interesse daran, im Dreißigjährigen Krieg als Landsknecht zu kämpfen - als Autor kann ich mich trotzdem für Schlachtfelder, für diese rauchgetränkte Endzeitstimmung begeistern. Aber, bitte, nur aus der sicheren Distanz der Jahrhunderte.

Frage: Deutsche Autoren haben es nach wie vor nicht leicht, sich in Deutschland durchzusetzen. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Kai Meyer: Ich habe seit 1993 mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht - und komme trotzdem erst ganz allmählich dahinter, warum welche Geschichte funktioniert. Ich schreibe Unterhaltungsliteratur auf einem, wie ich hoffe, recht hohen Niveau, und das mag ein kleiner Teil des Geheimnisses sein.

Als ich vor sieben Jahren angefangen habe, war Unterhaltung in der deutschen Literatur noch ein Unwort. Jeder dachte gleich an Courths-Mahler und Konsalik. Ganz allmählich stirbt dieses Vorurteil, und ich bin einer der jubelnden Sargträger.

Frage: Sie sind gerade dreißig geworden, ziemlich jung für einen erfolgreichen Romanautor.

Kai Meyer: Als ich mein erstes Buch schrieb war ich dreiundzwanzig und wusste eigentlich nicht wirklich, was ich da tat. Alles war Intuition.

Heute bin ich dreißig, noch immer nicht so schrecklich alt, und trotzdem tauche ich in keinem dieser neuerdings so beliebten Artikel über die "jungen deutschen Bestseller-Autoren" auf - auch wenn einige von denen fünf Jahre älter sind als ich. Das bedeutet wohl, dass ich mit dreißig auf dem besten Weg zur Institution bin. Und, ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, ob das gut ist oder schlecht.

Frage: Wodurch lassen Sie sich inspirieren?

Kai Meyer: Durch Geschichten in jeglicher Form. Historisch, mythisch, ganz egal. Ich bin keiner von diesen Autoren, die in Straßencafés sitzen, Menschen beobachten und sich denken: "Der sieht interessant aus, was hat der wohl durchgemacht?" Die Menschen auf der Straße interessieren mich nicht. Ich suche das Überlebensgroße, den Pathos, die Imagination.

Frage: Was dürfen wir von ihrem nächsten Roman erwarten?

Kai Meyer: Die Geschichte spielt im heutigen Rom, wo die Protagonisten durch einen verschollenen Kupfertisch des Künstlers Giovanni Battista Piranesi auf ein Geheimnis stoßen, das weit zurück in die Vergangenheit reicht - in eine Zeit, als die Etrusker dort, wo heute der Vatikan steht, eine gewaltige Nekropole erbauen ließen.

Die Helden sind plötzlich im Besitz eines Schlüssels, der ihnen das Tor zu einem Ort öffnen könnte, den seit Jahrtausenden kein Mensch mehr betreten hat ...


September 1999. Quelle: Heyne. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich.
Kai Meyer. Foto: Heyne
Kai Meyer
 

Als der Roman Göttin der Wüste im September 1999 als Hardcover im Heyne-Verlag erschien, ergab sich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Kai Meyer.

 
Kai Meyer. Foto: Heyne
Kai Meyer: Göttin der Wüste
 

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