Interview mit Kate Atkinson
"Meiner Meinung nach gehört Kummer zum Leben. Man lebt mit dem Verlust."
Frage: Nachdem Ihr letztes Buch ein Band mit Kurzgeschichten war, haben Sie wieder einen Roman geschrieben. In welcher Form schreiben Sie lieber und warum?

Kate Atkinson: Nun, Kurzgeschichten zu schreiben, ist leichter und sie haben eine Geschlossenheit in der Form an sich, die ich als befriedigend empfinde. Aber das Vollenden eines Romans ist für mich der größere Erfolg, auch wenn das Schreiben mühevoller ist.

Frage: Das Thema "Familie" zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk. Was fasziniert Sie an den Beziehungsgeflechten innerhalb von Familien?

Kate Atkinson: Egal was alle denken, mein Interesse gilt nicht der Familie an sich, sondern vielmehr den Beziehungen zwischen den einzelnen Menschen.

Frage: Geheimnisse spielen in Ihrem neuen Roman "Die vierte Schwester" eine große Rolle. Denken Sie, dass es schwieriger ist, ein Geheimnis vor jemandem zu bewahren, den man schon lange kennt, oder vor einem objektiven, außenstehenden Beobachter?

Kate Atkinson: Ich habe keine Ahnung! Ich bin ein schlechter Lügner und kann um keinen Preis ein Geheimnis für mich behalten.

Frage: In Ihrem Roman haben alle Figuren (mindestens) einen geliebten Menschen unter mysteriösen Umständen vor langer Zeit verloren. Glauben Sie, dass es einfacher wird, den Verlust zu verarbeiten, wenn die Fragen des Wie und Warum geklärt sind?

Kate Atkinson: Ganz klar: Nein! Ich denke, der Verlust bleibt gleich. Nicht zu wissen, was genau geschehen ist, ist eine zusätzliche psychische Qual.

Frage: "Die Zeit heilt alle Wunden" heißt es. Trotzdem kämpfen viele Menschen nach dem Verlust eines Familienmitglieds oder Freundes ihr Leben lang mit diesem Trauma. Welche Möglichkeiten sehen Sie, diesen Menschen zu helfen bzw. kann man ihnen überhaupt helfen?

Kate Atkinson: Nein. Meiner Meinung nach gehört Kummer zum Leben. Man lebt mit dem Verlust.

Frage: Eine Ihrer Protagonistinnen bewahrt 34 Jahre lang ein schreckliches Geheimnis. Was glauben Sie, ist der Grund für ihre Lügen?

Kate Atkinson: Nun, ich denke Sylvia ist eine gestörte Persönlichkeit und hatte eine schlimme Kindheit. Nach Ende des Buches hat sie sich umgebracht. Jackson und Julia sind die Hauptpersonen im nächsten Buch und erwähnen es am Rande.

Frage: Glauben Sie, dass es legitim sein kann zu lügen, wenn die Wahrheit einen anderen Menschen noch viel mehr verletzen würde?

Kate Atkinson: Ja, auf jeden Fall.

Frage: Wer, glauben Sie, kann traumatische Erlebnisse besser verarbeiten: Kinder oder Erwachsene?

Kate Atkinson: Oh, das ist eine Frage für einen Psychiater!

Frage: Alle Figuren in "Die vierte Schwester" sind sehr fein gezeichnet. Haben Sie eine Lieblingsfigur?

Kate Atkinson: Michelle / Caroline. Ich habe ganz bewusst wenig über sie geschrieben, weil ich sie sehr mag.

Frage: Haben Sie schon eine Idee für Ihr nächstes Buch?

Kate Atkinson: Es wird "True Crimes" heißen. Schauplatz ist das Edinburgh Festival. Ich bin bereits halbwegs damit fertig.

Kate Atkinson. Foto: Droemer-Knaur

Kate Atkinson, 1951 in York, England, geboren. Nach ihrem Highschool-Abschluss arbeitete sie einige Zeit als Zimmermädchen, bevor sie ein Studium der Englischen Literatur an der Universität von Dundee aufnahm.

Nach ihrer Zeit an der Universität nahm sie verschiedene Jobs im sozialen Bereich an. Ihre Autorenkarriere begann, als sie 1988 den Woman's Own Short Story Competition gewann und sich entschied, von nun an professionell zu schreiben. 1993 erhielt sie den renommierten Ian St. James Award für ihre Kurzgeschichte Snap Shots.

Der Durchbruch kam schließlich 1995 mit ihrem ersten Roman Familienalbum, der mit dem renommierten Whitbread First Novel Award ausgezeichnet wurde.

Kate Atkinson ließ dabei literarische Größen wie Salman Rushdie ("Des Mauren letzter Seufzer") und Roy Jenkins ("Gladstone") hinter sich. Die englischen Zeitungen titelten damals "44 Jahre altes Zimmermädchen gewinnt 'Whitbread'".

Es folgten zwei weitere Romane, Ein Sommernachtsspiel und Die Ebene der schrägen Gefühle sowie ein Band mit Erzählungen, Nicht das Ende der Welt. Kate Atkinson hat zwei Töchter und lebt in Edinburgh, Schottland.

Kate Atkinson: Die vierte Schwester
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Quelle: Droemer-Knaur © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken