Interview mit Lady Sovereign
"Es ist schon alles gut so, aber ich bin nicht perfekt."
Frage: Wie definierst du dich?

Lady Sovereign: Der größte Zwerg im Spiel. Er macht einfach schrullige, schräge Musik. Es gibt da draußen keinen wie mich. Ich mag keine Vergleiche. Wenn schon, wäre es mir lieber, die Leute würden sich mit mir vergleichen. Ich wäre lieber ein Trendsetter als ein Mitläufer. Jedenfalls hasse ich Vergleiche. Ich würde lieber individualisiert werden als verglichen.

Frage: Wo kommt deine Musik her? Es ist eine ziemlich einzigartige Mixtur verschiedener Stile.

Lady Sovereign: Was mich zum MCing gebracht hat war UK Garage. Aber überhaupt diese ganzen Sounds, wenn ich jetzt darüber nachdenke war da ne Menge los. Ich war aber auch sehr offen damals. Bei meiner eigenen Musik finde ich es gut wenn sie zu meinen Texten passt, von der Stimmung, vom Gefühl her. Wie in einem Film, wenn du in einer Szene die Hintergrundmusik hast, dann ist das auch so ... es passt einfach, und das versuche ich auch.

Aber ich bin so ziemlich von allem beeinflusst, ich höre alles, Punk, Elektro, Hip Hop, Grime, Ska, Funk, Body Funk, alles was man sich vorstellen kann, sogar alte Siebziger-Sachen. Neulich habe ich mir was aus den Sechzigern angehört, ich weiß gar nicht was das war. Ich mag einfach Musik, und ich beschäftige mich gerne damit. Woody wooo ...

Frage: Was für einen Einfluss hatte der Ort an dem du aufgewachsen bist, Wembley? Es soll da ja ziemlich trostlos aussehen ...

Lady Sovereign: Ja, das ist nicht so aufregend. Das einzige wofür Wembley bekannt ist, ist das Fußball-Stadion. Das war?s auch schon, aber ich habe da ganz in der Nähe gewohnt. Ich konnte also die ganzen Konzerte umsonst anhören und so ...

Ich hab mich gerne zu Fußballspielen reingeschlichen, ich hab durch die Gitter gepasst, wenn ich den Atem angehalten habe (atmet ein). Aber, na ja, aufregend ist es da nicht. Wo ich aufgewachsen bin, das war eine Art sozialer Wohnungsbau, überall Hochhäuser, Hochhäuser, Hochhäuser ... ein Paradies für Abzocker.

Ich mochte es, ich war noch ein Kiddie, und ich kannte es nicht besser. Wie meine ganze Familie, da lebte keiner im Überfluss oder hatte ein schönes Zuhause. Ich habe also nichts anderes zu sehen bekommen. Ja, es war schrecklich, aber die Leute kannten sich, von daher war ich dort sicher.

Ich habe schon harte Sachen gesehen, wie Messerstechereien, und es gab ne Menge Crackheads. Aber ich war noch klein und hatte damit nichts zu tun.

Frage: Kann man denn von einem Getto sprechen, vielleicht ein Middle-Class-Getto?

Lady Sovereign: Nee, das war?s nicht. Es war scheiße, es war arm, ich musste das Zimmer mit meinem Bruder und meiner Schwester teilen. Bis ich acht war. Es war wirklich eng. Alle hatten kleine Wohnungen. Es war schrecklich, keiner hatte Geld.

Aber ich werde jetzt nicht behaupten, dass es ein Getto war, das wäre übertrieben. Es war schrecklich, aber auch wieder nicht soo schrecklich. Es war okay.

Frage: Fühlst du dich dort noch zuhause?

Lady Sovereign: Ich bin von Wembley nach Süd-London gezogen, aber jetzt wohne ich wieder im Nordwesten Londons. Ich fühle mich da gut, ich weiß, wo was ist, und ich weiß wie die Leute drauf sind. Die sind ja überall anders drauf, im Norden Londons, und im Süden und im Westen, überall haben sie eine andere Mentalität. Also, ich fühle mich da zuhause, und ich mag es.

Frage: Haben sich mit deinem Erfolg auch deine Texte geändert?

Lady Sovereign: Ich war jetzt eine Weile nicht mehr im Studio, aber ich hab schon genau im Kopf, was ich machen werde, wenn ich in ein paar Wochen ins Studio gehe. Ich habe jetzt Erfahrungen im Leben gemacht, die ich vorher nicht hatte. Bin um die Welt gereist und so. Ich werde Texte über das machen, was ich kenne. Immer noch auf meine Art, aber ich habe jetzt einfach mehr zu sagen.

Aber ich weiß nicht was dabei raus kommt, solange ich es nicht mache. Ich kann?s kaum erwarten, wieder ins Studio zu gehen. Ich werde das Studio bei mir zuhause ausbauen, meine eigenen Beats machen. Yesss, Spaß haben, he he. Ein paar mehr Leute aufs Korn nehmen.

Frage: Wen denn?

Lady Sovereign: Aah, das bleibt geheim. Ich weiß nicht, Leute, die ich persönlich kenne, denn dazu kann ich viel mehr sagen. Das ist besser. Und normalerweise nenne ich auch keine Namen.

Frage: Glaubst du, du bist ein Vorbild für Mädchen, die anders sein wollen?

Lady Sovereign: Es ist schon alles gut so, aber ich bin nicht perfekt. Es ist schon klasse, wenn die Leute sich umdrehen und sagen: Oh, du bist mein Idol. Oder wenn sie sich umdrehen und sagen, ich sei ein Vorbild. Aber ich bin nicht perfekt und habe das auch nie behauptet.

Wenn Leute zu mir aufsehen wollen, ist das schon okay. Aber ich will die Leute jetzt nicht ermutigen, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten. Ich ermutige die Leute dazu, sie selbst zu sein, und das ist es, was ich tue.

Frage: War es für dich hart, du selbst zu sein?

Lady Sovereign: Nö. Ich mag die Person die ich bin. Wenn ich nicht ich wäre, wäre ich gerne meine Freundin. Ja, ich bin cool. Ich bin keine schreckliche Person. Manche denken das. Weißt du, in Großbritannien habe ich den Ruf eines Miststücks. Aber das bin ich nicht. Die Leute geben mir bloß keine Chance. Aber jedenfalls bin ich nicht perfekt.

Frage: Du machst dich in deinen Texten ja auch gerne mal über dich selbst lustig ...

Lady Sovereign: Ja, da ist schon ne Menge, wie heißt das? I ... Iro ... Ironie? Mann, ich hätte zur Schule gehen sollen. He he. Ja, es gibt schon eine Menge Selbstreferenzen auf mich in vielen meiner Songs. Ich mache mich schon über mich selbst lustig, aber im Guten, ich mache es weil ich es lustig finde und es mag.

Ich fühle mich gut mit mir. Und in ?Love Me or Hate Me? kratze ich auch nur ein bisschen an der Oberfläche, ich sage den Leuten wer ich bin. Aber ich lasse sie in einem Song auch nicht zu viel wissen. Ich sage bloß: ?Ich ziehe mich so an, ich verhalte mich so und so. Ich mache dies, ich mache das, und das mache ich nicht.? Es ist eben nicht jeder gleich.

Frage: Es gibt auch eine Menge Wut in deinen Texten.

Lady Sovereign: Ein bisschen! Aber ich bin nicht so wütend, dass ich losgehen möchte und jemanden erschießen. Ich würde vielleicht eher sagen: Frustration. Nicht Wut. Ärger vielleicht.

Frage: Woher kommt dieser Ärger?

Lady Sovereign: Ich weiß nicht. Ich könnte nicht mit dem Finger drauf deuten. Ich war eine Eigenbrötlerin auf der High School. Eine beliebte Eigenbrötlerin. Die Leute wussten wer ich bin, aber keiner wurde mein Freund. Ich weiß nicht, warum, ich verstehe es immer noch nicht.

Ich glaube, die Leute haben mich einfach nicht verstanden. Ich weiß es nicht, vielleicht ist es das. Es war die ganze Musik, die mir mein Selbstvertrauen gegeben hat. Miau!

Frage: Wie war es, das erste Mal in den USA auf der Bühne zu stehen?

Lady Sovereign: Oh Gott, die berüchtigte Show! Als ich das erste Mal in Amerika aufgetreten bin, wurde ich krank. Ich hatte einen Cheeseburger bei McDonalds gegessen, und das war?s. Zack, mein Manager, musste mich auf die Bühne tragen, und ich wollte den Auftritt durchziehen, es kam gar nicht in Frage das nicht zu tun.

Das ist das, worüber in vielen meiner Shows immer noch am meisten geredet wird: ?Ach, der kranke Lady Sovereign Auftritt in New York!? Ich war beinahe grün, so krank war ich. Ich stand auf der Bühne, so ?uuuaaahh!?, aber ich hab?s durchgezogen. Und der Sound ist gehüpft und die CD gesprungen, es war einfach ...

Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, das abzustellen. Jeder andere wäre heulend von der Bühne gerannt. Aber ich war krank, die Dinge sind mies gelaufen, und ich hab?s durchgezogen! Ich bin sehr froh darüber. Sonst hätte ich mich ja zum Gespött der Leute gemacht. Das habe ich wohl sowieso, aber mir egal. Die Leute lachen mit mir, nicht über mich.

Frage: Aber hattest du damals nicht auch Angst, mit Grime in Amerika aufzutreten?

Lady Sovereign: Ich war ein bisschen skeptisch wie die Leute es aufnehmen würden. Aber ich wusste, dass die Leute, die zur Show kommen würden, vorher schon was von mir kannten und jetzt da waren, um es live zu sehen. Also war ich ganz entspannt.

Wenn ich vor einem Haufen Fremder aufgetreten wäre, ich hätte vielleicht gedacht: ?Die verstehen das nicht. Noch nicht. Nicht sofort. Die gehen nachhause und reden drüber. Lasst euch Zeit, Leute. Wann immer ihr es versteht, versteht ihr es.? Aber es war gut. Ich liebe Auftritte.

Frage: Was ist der Hauptunterschied zwischen Grime und Hip Hop?

Lady Sovereign: Es hat viel mit Tempo zu tun. Das Tempo ist unterschiedlich. Und ich glaube, Grime ist ein britisches Ding. Wir haben offenbar unterschiedliche Sachen zu sagen. Und es ist bass-lastiger. Grime ist schwer und düster.

Aber es gibt auch lustigen Grime, mehr Up-Tempo, mehr la-di-dah. Irgendwie ist es auch gleichwertig zu Hip Hop. Aber Grime ist halt Grime, das ist alles was ich sagen kann. Grime ist ein ganz eigenes Ding.

Frage: Wie stehst du zu deinem ?Public Warning?-Album?

Lady Sovereign: Ich finde es ein großartiges Album. Ich bin stolz darauf. Ich persönlich höre es mir nicht mehr an, aber ich trete ja die ganze Zeit damit auf. Manchmal bin ich über mich selbst erstaunt. Ich denke ?hey, das habe ich gemacht.? Mir gefällt es. Anderen Leuten gefällt es. Ihr könnt mehr davon haben!

Frage: Arbeitest du schon wieder an neuem Material?

Lady Sovereign: Ich arbeite daran. Diese Woche drehe ich ein Video für ?Those Were The Days?. Für mich ist es eine neue Art von Video, weil es ... es ist weniger witzig. Das wird mal ein etwas anderer Auftritt von mir. Aber es bin immer noch ich.

Aber von wegen neues Material, ich stecke da noch nicht drin. Die nächsten paar Wochen werden es zeigen. Ich kann?s gar nicht erwarten. Ich habe soviel zu sagen. He he.

Frage: Macht dir der Hype manchmal Angst?

Lady Sovereign: Er macht mir keine Angst, weil ich nicht zulasse, dass er mich ganz in den Griff bekommt. Falls das jemals passiert, geht meine Karriere das Klo runter. Es ist gut, dass es diese ganzen Erwartungen und so gibt. Aber manchmal ist es einfach schön, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, und nicht gezwungen zu werden ... na ja, nicht gezwungen, ich bin ja kein Sklave.

Aber wenn das Plattenlabel sagt: ?Das Album muss in drei Monaten fertig sein?, ich meine, ?Was? Entschuldigt mal! Ihr wollt ein Haus in fünf Minuten bauen, ich wette mal das schafft ihr nicht, oder?? Es ist eben nicht so leicht, und wenn es so leicht wäre, würden wir uns die ganze Zeit Scheißmusik anhören. Man muss sich schon anstrengen, und ich bin Perfektionistin.

Das ist das, was mich stört, dieser Hype wird zu einem Hype im Namen des Labels. Und dann stehen sie unter dem Druck, mich unter Druck zu setzen, und ich stehe unter dem Druck ... es ist schon komisch. Ich arbeite in meinem eigenen Tempo, und ich scheiß drauf, was jemand anders sagt, he he. Was passiert, passiert. Ich werde immer noch Musik machen.

Frage: Du hast mal gesagt, du fühlst dich, als würde Großbritannien an deinem einen Arm ziehen, und Amerika am anderen. Wie fühlst du dich heute?

Lady Sovereign: Jetzt fühlt es sich an, als würde Australien an diesem Bein ziehen, und Japan an dem Bein, und hoffentlich wird Europa an diesem Ohr ziehen. Ich will global werden, ich will überall hin! Überall, wohin ich gehe, ist es aufregend.

Ich war in meinem ganzen Leben noch nicht in Deutschland. Das ist mein erstes Mal. Ich kann?s nicht erwarten, wiederzukommen und aufzutreten, weil, für mich ist es neu, und neu ist aufregend.

Frage: Deine Schwester hat auch mit dem MCing angefangen, macht sie Fortschritte?

Lady Sovereign: Sie und ihr Mann machen diese, hm, kleinen Songs. Es gab einen Punkt an dem ich ihr sagen musste, dass sie aufhört. Sie hat Leute in der Grime-Szene gedisst, die meine Freunde sind, und ich meinte: ?Schwesterherz, das fällt alles auf mich zurück, und nicht auf dich.? Es wird heißen: ?Ah, Lady Sovereigns Schwester.?

Ich habe sie nie gefragt ob es ihr ernst ist mit der Musik, aber ich glaube es nicht, ich glaube nicht dass sie genügend Motivation hat.

Frage: Du wirst in Großbritannien oft als ?Chav? bezeichnet. Was hat es damit auf sich?

Lady Sovereign: Ich möchte damit nicht in Verbindung gebracht werden. Dieser Begriff begnügt sich doch meistens damit, was Leute anhaben. Sobald du Jeans trägst, ein Paar Adidas-Sneakers und vielleicht ein Polohemd, wirst du gleich als Chav bezeichnet. Egal ob du reich oder arm bist oder was sonst.

Chav ist keine Jugendbewegung oder so was, es ist einfach ein negativer Begriff für ganz normale Leute. Es ist ein Vorurteil, nichts weiter. Es ist nicht nett. Mir ist es egal, ich rege mich nicht auf. Aber es ist etwas, worauf die Leute hinabsehen, und deshalb mag ich es nicht.

Es ist nichts weiter als ein Wort, womit jemand Geld gemacht hat. Es gibt Bücher darüber, und Fernsehsendungen.

Lady Sovereign

Als Louise Harman unweit des berühmten Wembley Stadions in Nordlondon geboren, träumte sie schon frühzeitig davon, einmal eine Stürmerin zu werden. Sie wollte Tore schießen und Blutgrätschen aufs Gras zaubern. Doch das Schicksal hatte andere Pläne für sie.

Als ihre Lehrerinnen sie schließlich der Schule verwiesen, dachte sie sich, dass damit auch der Fußballtraum geplatzt wäre. Man sollte den gefühlskalten Ladys einen Dankesbrief schreiben, denn: Ohne zu zögern nannte sie sich von nun an Lady Sovereign und begann mit dem Rappen.

Im Interview spricht sie über ihr aktuelles Album Public Warning, ihr Leben und ihren USA-Besuch.

Lady Sovereign: Public Warning
Lady Sovereign
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