Interview mit Marian Keyes
"Ich arbeite sehr hart daran, mir die Figuren vertraut zu machen."
Frage: Marian Keyes, Sie haben eigentlich Jura studiert - was brachte den Wechsel zur Schriftstellerei? Was war ihr erstes Werk, abgesehen von Ihrem Erstling 'Wassermelone'?

Marian Keyes: Im September 1993 habe ich in einem Magazin eine Kurzgeschichte gelesen, die prämiert worden war. Sie war ganz gut, aber irgendwas in mir sagte: "Das kannst du besser".

Also setzte ich mich auf der Stelle hin und schrieb eine Kurzgeschichte - irgendwas Merkwürdiges über einen Engel, der auf die Erde fällt und eine Menge Chaos verursacht. Ich habe mich dabei so amüsiert, dass ich noch fünf weitere Kurzgeschichten schrieb.

Im Mai 1994 schickte ich sie alle an einen Verlag und sagte, ich hätte auch einen Teil eines Romans fertig - eine dicke Lüge! Sie antworteten, dass ihnen die Kurzgeschichten gefallen hatten, sie diese jedoch nicht veröffentlichen könnten, aber ich solle doch den Roman schicken - also schrieb ich in einer Woche die ersten vier Kapitel von 'Wassermelone'. Als Juristin habe ich übrigens nie gearbeitet.

Frage: Sie haben nach Ihrem Studium in Irland einige Jahre in London verbracht - woran erinnern Sie sich am liebsten? Steckt viel von dieser erlebten Zeit in Ihrem neuen Buch 'Pusteblume'?

Marian Keyes: Ich habe von 1986 bis 1997 in London gelebt und hatte wirklich eine tolle Zeit ! London ist eine großartige Stadt und macht gerade als junger Single viel Spass - ich hoffe ich habe die Atmosphäre in Pusteblume gut rübergebracht.

Frage: Wieviel Marian Keyes steckt überhaupt in Ihren Romanen - z. B. in Tara, Katherine und Fintan, den Helden aus 'Pusteblume'?

Marian Keyes: Das ist nicht leicht zu beantworten, weil man sich selbst immer in einem anderen Licht sieht als seine Umwelt. Aber ich glaube, ich wäre gerne wie Katherine - ich liebe ihre Pünktlichkeit, ihr Organisationstalent, ihren Selbsterhaltungstrieb, ihre Fähigkeit andere Menschen zu erschrecken (vor allem Männer!), ihre Selbstkontrolle und - ihr Auto!

Tara hat schon sehr viel mehr Ähnlichkeit mit mir: ihr Bedürfnis, geliebt zu werden, ihre Hassliebe zum Essen, ihre Flatterhaftigkeit. Von Fintan erkenne ich nicht viel in mir, außer vielleicht, dass ich endlich nach Jahren der Suche jetzt eine glückliche Beziehung führe.

Frage: Welche Rolle spielt in Ihrem Leben eine Freundschaft, wie Sie sie in 'Pusteblume' beschreiben?

Marian Keyes: Freundschaften haben in Großstädten schon so manche Familie ersetzt. Die enge Freundschaft zwischen Tara, Katherine und Fintan, die sich gegenseitig unterstützen, aber auch mal streiten, ist den Freundschaften sehr ähnlich, die ich in meiner Londoner Zeit geführt hatte.

Frage: Konnten Sie sich vorstellen, dass Sie gleich mit Ihrem ersten Roman 'Wassermelone' einen so grandiosen Erfolg feiern würden? Haben sie ihn als Maß für Ihre weiteren Romane genommen?

Marian Keyes: Nein, ich hatte wirklich keine Ahnung, wie Wassermelone beim Publikum ankommen würde - einerseits war ich mir unsicher, weil ich einen so schrulligen Roman geschrieben und damit die Gedankengänge eines Mädchens preisgegeben hatte, das mir sehr ähnlich war und gezeigt hatte, wie eine Familie auf Kriesensituationen (nicht immer würdevoll) reagiert. Ich dachte man würde mich für verrückt halten. Glücklicherweise passierte genau das Gegenteil.

Der Roman schien einen Nerv getroffen zu haben und man war erleichtert, dass ich die Dinge so unverhohlen beim Namen genannt hatte. Klar hatte ich Angst, dass der nächste Roman nicht so ein Erfolg werden würde - glücklicherweise wurde er es doch. Aber diese Sorge habe ich bei jedem neuen Buch - vielleicht wird sich das nie ändern.

Frage: Wenn Sie fluchtartig das Haus verlassen müssten, was würden Sie auf keinen Fall zurücklassen ?

Marian Keyes: Meinen Laptop und eine Sicherungsdiskette der bereits geschriebenen Kapitel - der Gedanke, diese ganze Arbeit zu verlieren, erfüllt mich mit blankem Horror!

Frage: Wenn Sie unsichtbar wären - welche Reaktionen auf 'Pusteblume' würden sie am liebsten bei Ihren Lesern beobachten können?

Marian Keyes: Ich würde liebend gerne beobachten, wie sie a) laut lachen b) weinen c) wie eine Wildkatze jeden anfauchen, der versucht, in die Nähe des Buches zu kommen!

Frage: Wie schaffen sie es, dass man sich mit den Figuren Ihrer Romane stets vertraut fühlt - bei Tara, Katherine und Fintan hat man das Gefühl, sich verabschieden zu wollen wenn man auf der letzten Seite ankommt.

Marian Keyes: Ich arbeite sehr hart daran, mir die Figuren vertraut zu machen - sie müssen fast greifbar sein. Ich verbringe im Geiste viel Zeit mit ihnen, versuche mir vorzustellen, wie sie in bestimmten Situationen reagieren.

Ein Buch ist bei mir nicht fertig, eh die Figuren 100 Prozent fertigmodelliert sind - und das bedeutet, dass sie auch Macken haben! Wahrscheinlich sind sie den Lesern so vertraut, weil sie mir so vertraut sind.

Frage: Was inspiriert sie?

Marian Keyes: Menschen. Vor allem die die in irgendeiner Weise verletzt sind - meiner Meinung nach trifft das auf einen Großteil der Menschheit zu. Ich interessiere mich für die eigene kleine Welt die jeder in sich trägt - die Träume, die Hoffnungen, die Erinnerungen, die Vorsätze, die Sympathien und Antiparthien.

Die Idee, dass die Lebenswege der Menschen sich immer wieder kreuzen und wie eine zufällige Begegnung das ganze Leben verändern kann, fasziniert mich. Auch der Gedanke der Erlösung inspiriert mich, dass man sein Leben in den Griff bekommen kann, wenn man Einsicht und Selbsterkenntnis erlangt.

Frage: Planen Sie wieder einen neuen Roman - verraten Sie uns eine Kleinigkeit darüber?

Marian Keyes: Mein neuer Roman wird auf Englisch "Sushi for beginners" heißen. Er spielt in Dublin, in der Welt eines Hochglanz-Frauenmagazins. Es geht um drei Frauen. Die erste ist die glamouröse Herausgeberin, die von London geschickt wurde, um das Magazin aufzubauen - sie HASST es in Dublin.

Die zweite ist verheiratet, hat zwei Kinder und wird langsam wahnsinnig vor Langeweile. Die Dritte ist Assistentin der Herausgeberin und kann ohne ihre Selbsthilfe-Ratgeber, Tarotkarten, Horoskope und Edelsteine nicht leben.

Es kommen auch einige Männer darin vor - ein Stegreif-Komödiant, ein Obdachloser, ein hingebungsvoller Ehemann, ein nicht-so-hingebungsvoller Ehemann, ein übellauniger, aber sehr sexy Chef - es ist alles sehr lustig und wahrscheinlich etwas verspielter als meine letzten beiden Romane.

Frage: Welchen Wunsch möchten sie sich auf jeden Fall noch erfüllen?

Marian Keyes: Momentan bin ich wirklich wunschlos glücklich - es macht mir fast Angst, das zu sagen, als würde ich das Glück herausfordern. Na gut, o.k., da gibt es was: Ich wünschte ich hätte die Fahrprüfung bestanden - und, ich hoffe, dass ich noch lange Bücher schreiben werde, die den Lesern Spass machen!


März 2000. Quelle: Heyne. Autor, Redaktion und Verlag sind nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich.
Marian Keyes. Foto: Heyne
Marian Keyes
 

Marian Keyes, 1963 im irischen Cork geboren, wuchs in Dublin auf und jobbte nach dem Abbruch ihres Jurastudiums einige Jahre in London, bevor sie mit ihrem Debütroman "Wassermelone" einen phänomenalen Erfolg landete.

Alle folgenden Romane wurden zu internationalen Bestsellern. Zuletzt bei Heyne erschienen: "Neue Schuhe zum Dessert".

Marian Keyes war im März 2000 in Deutschland zu Besuch. Aus diesem Anlass entstand dieses Gespräch.

 
Marian Keyes. Foto: Heyne
Marian Keyes
 

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