Interview mit Markus Stromiedel
"Ich fahre am liebsten mit der U-Bahn. U-Bahn-Fahren ist wie Theater."
Frage: Wo würden Sie Ihren Rundgang starten?

Markus Stromiedel: Wäre ich auf den Spuren meines Romans, würde ich meinen Gang durch die Stadt am neuen Berliner Hauptbahnhof starten. Von dort aus hat man einen fantastischen Blick auf das Kanzleramt und auf das neue Regierungsviertel.

Ich würde dann oberirdisch der Strecke der neuen noch nicht eröffneten U-Bahn-Linie 55 folgen, die ja in meinem Roman eine wichtige Rolle spielt und die am Reichstagsgebäude vorbei bis zum Brandenburger Tor führt.

Auf diesem Weg taucht man ein in die Architektur der Macht, die hier nach der Wende entstanden ist, ein bisschen protzig, aber durchaus gelungen, wie ich finde. Dann würde ich weitergehen und das 'Café Einstein' 'Unter den Linden' besuchen, mir einen Milchkaffee bestellen und schauen, wer sich dort sehen lässt.

In Berlin laufen die Politiker, die man zu Hause in der ?Tagesschau" sieht, tatsächlich frei herum! Danach hätte ich wahrscheinlich genug vom politischen Berlin - es gibt so viel mehr und auch Interessanteres zu sehen in dieser Stadt! Die Machtspiele der Politiker sind ja auch nur ein Aspekt meines Krimis.

Frage: Wenn wir weitergingen, kämen wir auch am Savignyplatz vorbei? Warum haben Sie diesen Ort als Schauplatz eines Bombenattentats ausgewählt?

Markus Stromiedel: Das hat etwas mit Kindheitserinnerung zu tun. Als 14-jähriger war ich in West-Berlin, das war noch vor der Wende. Der Besuch hat mich seinerzeit sehr beeindruckt: Damals war der Kurfürstendamm die Hauptstraße, die Gedächtniskirche ein zentraler Fixpunkt und der Bahnhof Savignypiatz ganz nah am Zentrum.

Mir hat es dort gut gefallen - das war damals für mich Berlin! Die Entscheidung, an diesem Ort die Bombe des Attentäters zu platzieren, war daher eine ganz spontane.<<P> Es gab natürlich auch praktische Gründe: Ich kenne die Gegend gut, da fiel es mir leicht, die entsprechenden Szenen zu schreiben. Außerdem gefiel mir die Vorstellung, dieses aufgeräumte Viertel ein wenig in Unordnung zu versetzen - wenn man so etwas im Zusammenhang mit einem Bombenattentat überhaupt sagen darf.

Es wäre schrecklich, wenn ein solcher Anschlag tatsächlich passieren würde.

Frage: Die Ereignisse im Buch lesen sich sehr realistisch. Warum solch ein Furcht einflößendes Thema?

Markus Stromiedel: Der Idee, eine Geschichte vor dem Hintergrund von Anschlägen islamistischer Terroristen spielen zu lassen, entstand nach dem furchtbaren Attentat in der U-Bahn von London.

Es brauchte nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass auch Deutschland ein Ziel von Terroristen sein könnte. Bis zum heutigen Tag ist - Gott sei Dank - nichts passiert, alle Anschlagspläne konnten im Vorfeld vereitelt werden. Aber was geschehen wird, wenn es Anschläge gibt, dieser Gedanke hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Dabei interessiert mich weniger die eigentliche Tat als vielmehr das, was die Tat auslöst in der Gesellschaft, was sich ändert im Denken und im Verhalten der Bürger. Der Mob, der hasserfüllt aufsteht gegen Jahrzehnte hier lebende Deutsche ausländischer Herkunft, ist daher eine der zentralen Szenen des Buches.

Frage: Kommissar Selig trifft in dem Teehaus auf Rafik Elghazi, kurz bevor der Mob hineinstürmt und alles zerstört. Wo könnten wir uns auf ein Glas Tee mit Rafik Elghazi treffen? Was würden wir dort erleben?

Markus Stromiedel: Bei den Dreharbeiten für den Internetfilm zu ?Zwillingsspiel" waren wir in Kreuzberg in einem libanesischen Imbiss, ?Maroush", in der Adalbertstraße nahe dem Kottbusser Tor. Die bieten dort einen mit Rosenwasser gewürzten Tee mit Pistazien an - ich bin mir sicher, das wäre das richtige Getränk am richtigen Ort für ein Gespräch mit Rafik Elghazi.

Die Leute dort waren wahnsinnig nett und hilfsbereit, die haben uns geduldig geholfen, obwohl wir mit unserer Kamera fast den gesamten Eingang blockiert hatten. Dabei waren wir extra nicht zur Mittagszeit gekommen, sondern etwas später, gegen zwei Uhr, damit wir das Mittagsgeschäft nicht stören. Wir konnten nicht ahnen, dass der Kreuzberger um zwei gerade mal anfängt, ans Mittagessen zu denken ...

Frage: Kommissar Selig besitzt in ihrem Buch eine alte baufällige Villa am Wannsee - und wohnt in einer winzigen Wohnung in Treptow. Wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen?

Markus Stromiedel: Schon immer haben mich alte Häuser fasziniert. Ich wohne selber in einer Jahrhundertwende-Wohnung, mit großen hellen Räumen. Ich liebe das. Warum also nicht meinem Kommissar auch so etwas gönnen? Aber ganz so leicht wollte ich es ihm dann auch nicht machen ...

In meinem Roman steht die alte Villa für die Vergangenheit des Kommissars und die seiner Zwillingsschwester, es ist ein drückender Ort, drückend durch die Ereignisse, die hier geschehen sind und die nach und nach an das Tageslicht kommen.

Das Zwei-Zimmer-Loch in Treptow, in dem der Kommissar wohnt, ist weniger Gefängnis als vielmehr Fluchtort. Erst im Laufe der Geschichte, wenn der Kommissar an seinem Fall wächst, gewinnt er auch die Kraft, sich seiner Vergangenheit und seiner Schwester zu stellen. Und die Villa am See wird mehr und mehr zu einem Ort, der auch schön sein kann.

So wie Kommissar Selig auf dem Steg einer alten Villa am Wannsee zu sitzen und in die Abendsonne zu schauen, das wäre natürlich klasse bei unserem Rundgang durch die Stadt. Leider existiert diese Villa nur in meiner Phantasie - ich schätze, in solch einer Lage gibt es keine unsanierten Häuser mehr.

Ich würde mich zur Not aber auch an den Steg einer sanierten Villa setzen ...

Frage: Welches Polizeirevier lohnt einen Abstecher bei unse­rem Rundgang?

Markus Stromiedel: Ohne der Polizei und den vielen netten Menschen, mit denen ich dort sprechen durfte, zu nahe zu treten: Ich habe kein Revier gesehen, dass die Fahrt dorthin lohnt. Vielleicht ist das ja so gewollt: Bescheidenheit statt Protz, das ist sicherlich nicht das Schlechteste.

Aber selbst neuere Gebäude wie das Landeskriminalamt gegenüber vom Flughafen Tempelhof sind architektonisch keine wirklichen Highlights. Letztlich spielt das aber keine Rolle: Diese Orte leben durch die Menschen, die darin arbeiten.

Ich habe in den tristesten Gebäuden sehr offene und freundliche Polizisten und Kriminalbeamte kennen gelernt. Kennen Sie das Landeskriminalamt in Hannover? Ein trauriges Gebäude. Aber die Menschen, die dort arbeiten, sind klasse, total hilfsbereit. Darauf kommt es an!

Frage: Wenn Sie durch Berlin fahren, welches Verkehrsmittel benutzen Sie in Berlin?

Markus Stromiedel: Ich fahre am liebsten mit der U-Bahn. U-Bahn-Fahren ist wie Theater. Man steigt an seinem Zielort aus, geht die Treppe hinauf und - zack - ist man in einer anderen Welt, so als ob gerade ein Theatervorhang aufgegangen sei.

Ich gehe dann gerne zu Fuß durch die Viertel, lasse mich treiben, abseits der üblichen Touristenziele. Mich reizt die kleine Beobachtung mehr als das Imposante, das Berlin auch bietet. Berlin ist so vielfältig, dass man tagelang unterwegs sein kann und immer wieder Neues entdeckt und in vollkommen unterschiedliche Welten eintauchen kann.

Eine tolle Stadt. Eine anstrengende Stadt. Ich bin immer wieder froh, wenn ich sie verlassen kann - und freue mich, wenn ich zu Besuch bin.

Frage: Ihr Geheimtipp für Berlin?

Markus Stromiedel: Mit den Leuten reden. Sich am Dönerstand einen Tee bestellen und ein Gespräch beginnen. Am Kiosk nach dem Weg fragen und ein bisschen über das Viertel plaudern.

So muffig die Berliner auch sein können: Wenn man sie freundlich anspricht und ehrlich neugierig ist, trifft man immer wieder auf Menschen, die bereit sind, sich zu öffnen und von sich und ihrer Stadt zu erzählen. So lernt man mehr von Berlin kennen, als wenn man nur den Reiseführern folgt oder irgendwelche Orte besucht, die ?In" sein sollen, aber häufig nur Fassade sind.

Sich so durch die Stadt zu bewegen ist manchmal anstrengend und auch nicht immer schön, aber auf jeden Fall inspirierend. So entstehen neue Geschichten.


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Markus Stromiedel. Foto: Knaur / Volker Lannert
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Psychodrama, Polizeikrimi und Politthriller - mitten aus Berlin: Markus Stromiedel: Zwillingsspiel!

Seine TV-Krimis kennt jeder, den Mann dahinter nicht. Der renommierte Drehbuchautor Markus Stromiedel, der u. a. für 'Tatort', 'Der Staatsanwalt' und 'Stubbe: Von Fall zu Fall' schreibt, ist eine feste Größe im deutschen Fernsehprogramm. Nun hat er mit Zwillingsspiel seinen ersten Roman vorgelegt.

Zwillingsspiel ist ein mitreißender und brisanter Erstling, der mitten ins Herz der Berliner Republik trifft. Vor dem Hintergrund aktueller terroristischer Bedrohung entwirft Markus Stromiedel ein spannendes Geschwisterdrama, angesiedelt im Politbetrieb der Hauptstadt Berlin - mit einem sympathischen Kommissar, der im entscheidenden Moment über sich hinauswächst.

Bei einem Bombenanschlag auf den S-Bahnhof Savignypiatz werden sieben Menschen getötet, darunter die Tochter eines prominenten Regierungsberaters.

Kommissar Paul Selig wird mit den Ermittlungen beauftragt - zu seinem großen Erstaunen, denn er ist nicht gerade das, was man unter einem Erfolgstypen versteht: melancholisch, zögerlich, introvertiert. Daran ist seine Zwillingsschwester Lisa nicht ganz unschuldig, die von Kindesbeinen an kaum eine Gelegenheit ausgelassen hat, ihren Bruder zum Verlierer abzustempeln.

Bei seinen Ermittlungen stößt Selig auf zahlreiche Ungereimtheiten. Allmählich dämmert es ihm, dass er den Fall nur bekommen haben könnte, weil man ihm die Aufklärung nicht zutraut. Doch wer könnte ein Interesse daran haben, die Wahrheit unter Verschluss zu halten?

Gewisse Kreise aus dem Politikzirkus der Hauptstadt? Oder gar seine Zwillingsschwester Lisa, die rechte Hand des Innenministers, die ihre Karriere gar nicht schnell genug vorantreiben kann?

Markus Stromiedel schrieb als Journalist für "Die Zeit" und die "Frankfurter Rundschau", bevor er in die Filmbranche wechselte. Er war Chefdramaturg bei der Bavaria Film, Creative-Producer für Columbia TriStar und Writing-Producer für Studio Hamburg.

Seit 1999 arbeitet Markus Stromiedel als freier Drehbuch-Autor. Er lebt in Bonn. Zwillingsspiel ist sein erster Roman, das Buch ist seit Juni 2008 im Handel erhältlich.

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Juni 2008. Quelle: Knaur © 1994 - 2011 Dirk Jasper • Diese Seite drucken: Seite drucken