Interview mit Mary Lawson
"Ich wusste von Anfang an, wie der Roman enden würde, doch mir war lange Zeit nicht klar, wie ich dorthin gelangen sollte."
Frage: Sehen Sie die Hauptfigur Kate aus Ihrem Roman als eine autobiografische Figur?

Mary Lawson: Würden Sie fragen, ob die Geschichte autobiografisch ist, würde ich nein sagen. Praktisch keines der Geschehnisse im Roman passierte in meinem Leben. Aber mit der Figur der Kate ist das schon schwieriger.

Sie ist viel ernster als ich, doch sie ist aufgrund der äußeren Umstände so geworden. Der Verlust der Eltern verletzte sie schwer und diese Verletzungen ließen sie ziemlich selbstgerecht und hart werden - ich hoffe, ich selbst bin nicht so hart gegenüber anderen Menschen.

Einige Eigenschaften habe ich jedoch mit ihr gemeinsam: Arbeitsmoral bedeutet uns beiden viel. Ich stelle hohe Ansprüche an mich selbst und an die Menschen um mich herum. Ich bin nicht von Natur aus tolerant und unkompliziert. Aber es ist die Angst vor weiteren Verlusten, die Kate die Grenzen ihrer Welt enger stecken lässt.

Ihre akademische Arbeit gibt ihr Sicherheit, sie kann nicht von ihr im Stich gelassen werden wie von Menschen. Wenn sie dagegen Liebe empfindet, macht sie das nur wieder verletzlich. Also verschließt sie sich, um sich selbst zu schützen.

Weitere Gemeinsamkeiten sind, dass wir beide zwei ältere Brüder haben, die ich als Kind anbetete - auch jetzt noch -, daher kenne ich wie Kate die Gefühle der Heldenverehrung, Ich habe auch eine jüngere Schwester, die als Vorbild für Bo diente.

Bo ist die einzige Figur, die einer realen Person nachempfunden ist, außer meiner Urgroßmutter. Familie bedeutet für Kate alles, ebenso wie für mich.

Frage: Warum haben Sie den Norden von Ontario als Hintergrund für den Roman gewählt? Wie viel davon entstammt Ihren eigenen Kindheitserinnerungen?

Mary Lawson: Ich wuchs im Süden von Ontario auf, aber meine Familie verbrachte viel Zeit im Norden. Und wenn ich an zu Hause denke, denke ich immer an den Norden. Die Gemeinde, in der ich aufwuchs, war größer als die von Crow Lake, weniger isoliert, viel weniger homogen und weniger abgeschieden, aber sie war abgeschieden genug, dass die Menschen voneinander abhängig waren und sich umeinander kümmerten.

Kleine Gemeinden haben oft den Nachteil, dass sie für diejenigen, die nicht hinein passen, zur Hölle werden können, aber unsere Gemeinde weckt immer liebevolle Erinnerungen in mir, und Rückkehr nach Crow Lake ist in gewisser Weise eine Hommage an diesen Ort.

Kleinere Zwischenfälle im Buch sind auch wirklich passiert - so brechen immer wieder Leute ins Eis auf dem See ein. Die Winterstürme, die ich beschreibe, stammen auch aus dem wirklichen Leben. Ebenso die Teiche - wie im Roman befinden sie sich hinter den Bahngleisen und sind voll der wunderlichsten Kreaturen.

Frage: Der Roman steuert bereits zu Beginn auf eine Tragödie zu. Wäre es angebracht zu behaupten, dass der Rest des Romans sich mit der Bewältigung der Tragödie befasst?

Mary Lawson: Einige Leute, die Ruckkehr nach Crow Lake gelesen haben, sind der Meinung, dass die Hauptthemen »Verlust« und »Bewältigung von Verlust« sind. Aber das war nicht mein eigentlicher Gedanke, als ich das Buch schrieb.

Für mich liegt das Herzstück der Geschichte in der Beziehung zwischen Kate und ihrem Bruder Matt. Und der Verlust dieser Beziehung ist das größte und tragischste Moment. Die Tragödie zu Beginn der Geschichte hat sicher einen enormen Einfluss auf die Kinder der Familie Morrison und der Versuch, als eine Familie zusammenzubleiben, bildetdas Gerüst des Romans.

Aber für mich liegt das zentrale Element in Kates Bemühungen, zu verstehen, was zwischen ihr und Matt schief gelaufen ist. Diese Bemühungen erfordern von ihr eine Neubewertung der Ziele und Prinzipien ihres bisherigen Lebens.

Frage: Kates Beziehung zu ihrem Freund Daniel ist stark beeinflusst vom Zusammenbrechen ihrer Beziehung zu Matt. Worin liegt die Bedeutung von Daniels Charakter?

Mary Lawson: Auch wenn Kate das leugnet, so hat Daniel doch große Ähnlichkeit mit Matt. Um Kates Interesse zu wecken, muss Daniel etwas ganz Besonderes sein und auch Daniel muss ziemlich ungewöhnlich sein, um sich für Kate zu interessieren, so desillusioniert und verbittert wie sie ist!

Sie sagt einmal, dass sie niemals erwartet hätte, noch einmal jemanden bewundern zu können. Und doch bewundert sie Daniel. Sie ist sich bewusst, dass er Qualitäten besitzt, die ihr fehlen: Toleranz, Offenheit und geistige Weitsicht.

Daniels Blick ist nicht verstellt, Kates Blick dagegen ist durch ihre Vergangenheit eingeschränkt. Daniel ist so, wie Kate gerne gewesen wäre und vielleicht noch werden kann.

Frage: Hat es Ihnen Spaß gemacht, diesen Roman zu schreiben? Und entspricht das Ende den Vorstellungen, die Sie hatten, als Sie mit dem Schreiben begannen?

Mary Lawson: Ich habe es geliebt! Die ursprüngliche Antwort auf diese Frage war ?Ich habe jede Minute geliebt." Doch als mein Mann die Antwort las, schrieb er daneben: ?Das ist totaler Unsinn. Du hast nicht jede Minute geliebt. Ich war dabei."

Also habe ich, um ganz korrekt zu sein, das »jede Minute« wieder gelöscht. Ich wusste von Anfang an, wie der Roman enden würde, doch mir war lange Zeit nicht klar, wie ich dorthin gelangen sollte. Mein Mann und meine Tochter haben mir am Schluss dabei geholfen.

Mary Lawson. Foto: Heyne Verlag

Mary Lawson, aufgewachsen in Ontario, Kanada, lebt seit 1968 in Surrey, England, reist aber mindestens einmal im Jahr in ihre Heimat Kanada. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Rückkehr nach Crow Lake ist ihr erster Roman. Bereits vor Erscheinen wurden die Rechte in dreizehn Länder verkauft.

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Crow Lake heißt das kleine Dorf im äußersten Norden von Ontario, wo Kate mit ihren Eltern und Geschwistern inmitten von weiten Feldern und karger Landschaft aufwächst. Das Leben ist nicht leicht, aber erfüllt von familiärer Wärme und Liebe. Eines Tages jedoch findet die Idylle ein jähes Ende, als Kates Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen.

Für die vier Geschwister, die nun vollkommen auf sich gestellt sind, ist fortan nichts mehr wie es war. Als Kate viele Jahre später eine Einladung zum Geburtstagsfest ihres Neffen erhält, leben die Ereignisse ihrer Kindheit mit unvermittelter Heftigkeit wieder auf und stürzen sie in einen Konflikt.

Mit einem Mal scheint sich zu rächen, dass sie die früheren Erlebnisse jahrelang still mit sich herumgetragen hat - nicht einmal ihr Freund Daniel weiß, was Kate im Innersten bewegt. Um mit sich selbst ins Reine zu kommen und die Liebe zu Daniel nicht aufs Spiel zu setzen, ist es für Kate an der Zeit, sich aus ihrem Kokon zu befreien.

Joanne Harns, Autorin von Chocolat: Ein bemerkenswertes Buch, spannend und gleichzeitig unglaublich sensibel. (...) Ich habe das Buch, was bei mir sonst nie vorkommt, gleich zweimal hintereinander gelesen. Den nächsten Roman von Mary Lawson erwarte ich voller Ungeduld (und ein wenig neidisch).

The New York Times Book Review: Ein höchst beeindruckendes Debüt. Lassen Sie es sich nicht entgehen.

Der Spiegel: Eine dramatische Familiengeschichte (...) ohne Pathos und falsche Sentimentalität.

Buchcover

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